Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bloß kein Außenseiter sein!

31.10.2014

Kleinkinder imitieren Gleichaltrige, um dazuzugehören, während Menschenaffen eher bei ihren eigenen Vorlieben bleiben

Kinder und Schimpansen richten sich oft nach der Mehrheit, wenn sie etwas Neues lernen möchten. Aber geben sie, um sich Gleichaltrigen anzupassen, auch eigene Vorlieben auf?


Schon Zweijährige spüren einen Gruppenzwang und passen sich anderen Kindern an.

MPI f. evolutionäre Anthropologie/ R. Barr

Ein Forscherteam vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität Jena hat jetzt im direkten Vergleich zwischen Menschenaffen und Kindern herausgefunden, dass die Bereitschaft, eigene Vorlieben zugunsten Anderer aufzugeben, beim Menschen besonders stark ausgeprägt ist – und das bereits bei Kleinkindern im Alter von zwei Jahren. Interessanterweise schien die Anzahl derjenigen, die eine alternative Problemlösung präsentierten, keinen Einfluss darauf zu haben, ob die Kinder sie imitierten.

Vom Spielplatz bis zum Vorstandsbüro passen Menschen ihr Verhalten oft anderen Menschen an, um zu einer bestimmten Gruppe dazu zu gehören. Diese Anpassung erfolgt beim Menschen bereits im Kindesalter, konnte bei Schimpansen und Orang-Utans aber nicht nachgewiesen werden.

„Konformität spielt im menschlichen Sozialverhalten eine zentrale Rolle. Sie grenzt verschiedene Gruppen voneinander ab und hilft ihnen dabei, ihre Aktivitäten zu koordinieren. Sie stabilisiert und fördert die kulturelle Diversität, ein für den Menschen charakteristisches Merkmal“, sagt der Psychologe Daniel Haun vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Studie leitete.

Das soll nicht heißen, dass es immer das Beste ist, sich der Mehrheit zu fügen. Konformität kann gut oder schlecht, hilfreich oder nicht, angemessen oder unangemessen sein, sowohl für das Individuum als auch für die Gruppe. „Tatsache ist, dass wir uns der Mehrheit oft anpassen, und dass unsere Sozialstruktur eine ganz andere wäre, wenn wir uns anders verhielten. Unsere Studie zeigt, dass sich bereits zweijährige Kinder Anderen anpassen, während Schimpansen und Orang-Utans bei dem bleiben, was sie kennen“, so Haun.

In einer früheren Studie hatten Haun und seine Kollegen herausgefunden, dass Kinder und Schimpansen sich der Mehrheitsmeinung anschließen, wenn sie etwas Neues lernen. Das ist durchaus sinnvoll, denn die Gruppe verfügt über Wissen, das einer Einzelperson nicht notwendigerweise bekannt ist.

Andere Studien zeigen aber, dass erwachsene Menschen sich manchmal auch dann der Mehrheit anpassen, wenn sie über das relevante Wissen selbst verfügen, damit sie sich nicht von der Gruppe abheben. Um zu untersuchen, ob Kleinkinder und Menschenaffen ebenfalls diese sogenannte „normative“ Konformität praktizieren, stellten Haun und seine Koautoren Michael Tomasello und Yvonne Rekers zweijährige Kinder, Schimpansen und Orang-Utans vor eine ähnliche Aufgabe.

In den Experimenten der Forscher sollten die Kinder und Menschenaffen einen Ball in eine Kiste fallen lassen, die in drei getrennte Sektionen unterteilt war. Aber nur bei einer Sektion kam nach dem Balleinwurf auch eine Belohnung heraus: für den Menschenaffen eine Erdnuss, für das Kind eine Schokoladenkugel.

Nachdem der Teilnehmer den Umgang mit der Kiste gelernt hatte, konnte er in einem nächsten Schritt mehrere ihm bekannte Gleichaltrige beim Balleinwurf beobachteten. Diese ließen den Ball jedoch in eine andere Sektion fallen als die, aus der der Teilnehmer eine Belohnung erhalten würde. Als der Teilnehmer dann wieder an der Reihe war, musste er sich vor den Augen der drei anderen Kinder für eine Sektion entscheiden.

Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder ihr Verhalten öfter dem der Gleichaltrigen anpassten als Menschenaffen. Während die Kinder in mehr als der Hälfte der Fälle Konformität an den Tag legten, ignorierten Schimpansen und Orang-Utans ihre Artgenossen weitestgehend und blieben der Strategie treu, die sie zuvor gelernt hatten.

Eine Folgestudie mit Zweijährigen ergab, dass die Kinder sich häufiger dann für die gezeigte Alternative entschieden, wenn die Gleichaltrigen zuschauten. War das nicht der Fall, blieben sie hingegen häufiger ihrer eigenen Lösung treu. Interessanterweise machte es keinen Unterschied, ob ein oder drei Gleichaltrige die Alternativlösung präsentierten – nachgeahmt wurde genauso oft.

Diese Konformität bereits bei Kleinkindern zeigt, dass die Motivation sich Anderen anzupassen beim Menschen bereits sehr früh auftritt. „Wir waren überrascht, dass schon zweijährige Kinder ihr Verhalten ändern, nur um den potenziellen Nachteil zu vermeiden, anders zu sein“, sagt Haun.

Die Forscher untersuchen jetzt, inwiefern Umweltfaktoren, wie zum Beispiel die Schulbildung oder verschiedene Erziehungsmethoden, einen Einfluss auf das Konformitätsverhalten von Kindern haben.

Originalpublikation:
Daniel B.M. Haun, Yvonne Rekers, and Michael Tomasello
Children Conform to the Behavior of Peers; Other Great Apes Stick With What They Know
Psychological Science, online veröffentlicht 29. Oktober 2014 (doi: 10.1177/0956797614553235)

Ansprechpartner:
Dr. Daniel Haun
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon:+49 341 3550-815
E-Mail:haun@eva.mpg.de

Sandra Jacob
Pressebeauftragte
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon:+49 341 3550-122Fax:+49 341 3550-119
E-Mail:info@eva.mpg.de

Dr Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Treibjagd in der Petrischale
24.11.2017 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Dinner in the Dark – ein delikates Wechselspiel der Mikroorganismen
24.11.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Metamaterial mit Dreheffekt

Mit 3D-Druckern für den Mikrobereich ist es Forschern des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) gelungen ein Metamaterial aus würfelförmigen Bausteinen zu schaffen, das auf Druckkräfte mit einer Rotation antwortet. Üblicherweise gelingt dies nur mit Hilfe einer Übersetzung wie zum Beispiel einer Kurbelwelle. Das ausgeklügelte Design aus Streben und Ringstrukturen, sowie die zu Grunde liegende Mathematik stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der renommierten Fachzeitschrift Science vor.

„Übt man Kraft von oben auf einen Materialblock aus, dann deformiert sich dieser in unterschiedlicher Weise. Er kann sich ausbuchten, zusammenstauchen oder...

Im Focus: Proton-Rekord: Magnetisches Moment mit höchster Genauigkeit gemessen

Hochpräzise Messung des g-Faktors elf Mal genauer als bisher – Ergebnisse zeigen große Übereinstimmung zwischen Protonen und Antiprotonen

Das magnetische Moment eines einzelnen Protons ist unvorstellbar klein, aber es kann dennoch gemessen werden. Vor über zehn Jahren wurde für diese Messung der...

Im Focus: New proton record: Researchers measure magnetic moment with greatest possible precision

High-precision measurement of the g-factor eleven times more precise than before / Results indicate a strong similarity between protons and antiprotons

The magnetic moment of an individual proton is inconceivably small, but can still be quantified. The basis for undertaking this measurement was laid over ten...

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungen

Forschungsschwerpunkt „Smarte Systeme für Mensch und Maschine“ gegründet

24.11.2017 | Veranstaltungen

Schonender Hüftgelenkersatz bei jungen Patienten - Schlüssellochchirurgie und weniger Abrieb

24.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mathematiker-Jahrestagung DMV + GDM: 5. bis 9. März 2018 an Uni Paderborn - Über 1.000 Teilnehmer

24.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Maschinen über die eigene Handfläche steuern: Nachwuchspreis für Medieninformatik-Student

24.11.2017 | Förderungen Preise

Treibjagd in der Petrischale

24.11.2017 | Biowissenschaften Chemie