Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Birds and the City

18.08.2010
Die ungleichmäßige Verteilung urbaner Biodiversität spiegelt die sozio-ökonomischen Gegebenheiten in der Stadt Leipzig wider. So ist die Vogelartenvielfalt in sozial schwächeren Gebieten oft geringer als in Gebieten mit überdurchschnittlich hohem Einkommen der Bevölkerung.

Diese Einsicht gewannen Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) durch eine Untersuchung zur Brutvogelverteilung in Leipzig. Für ihre Studie, veröffentlicht im Fachblatt "Ecology and Society", hatten sie die Anzahl der Vogelarten mit Daten zur Landnutzung, Einwohnerdichte, Haushaltsgröße, Durchschnittsalter, Wohnungsleerstand und Durchschnittseinkommen der Bevölkerung verglichen.

Wie die Wissenschaftler schreiben, existiert die größte Vielfalt an Vogelarten häufig in den Stadtgebieten, deren Einwohner gleichzeitig ein höheres Durchschnittseinkommen beziehen. Diese Gebiete sind durch große Anteile von qualitativ hochwertigen Grünflächen charakterisiert. Aus diesem Grund sollten Stadtplaner in eher benachteiligten Stadtteilen mehr Anstrengungen zur Verbesserung der Grünflächen in Qualität und Quantität unternehmen. Dadurch kann zu einer Erhöhung der Biodiversität beigetragen werden und damit allen Stadtbewohnern gleichermaßen Naturerlebnisse ermöglichen.

Die Vielfalt an Vogelarten ist für die Wissenschaftler ein Indikator, um die ökologische Qualität von städtischen Grünflächen zu bewerten. Eine Reihe von Studien weist bereits darauf hin, dass ein positiver Zusammenhang zwischen artenreichem städtischen Grün und der Gesundheit der Bewohner besteht.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler vom UFZ die Anzahl der Brutvogelarten in einem Radius von 500 Metern rund um Wohnstandorte. Wie viele Vogelarten Leipzigerinnen und Leipziger tatsächlich an ihrem Wohnort wahrnehmen können, hängt vor allem vom Wohngebiet ab: Je nach Stadtviertel leben im betrachteten Radius zwischen 12 und 73 Arten. Besonders wenige Vogelarten gibt es im Leipziger Osten in den Stadtteilen Volkmarsdorf und Neustadt-Neuschönefeld sowie im Westen in der Plattenbausiedlung Grünau. "Die meisten Arten können die Bewohner dagegen in den zentraler gelegenen nord- bis südwestlichen Bereichen der Stadt, beispielsweise in Schleußig oder im Waldstraßenviertel erleben", wie Michael Strohbach vom UFZ erläutert. "Dort befinden sich mehr und hinsichtlich der ökologischen Bedeutung qualitativ höherwertigere Grünflächen als in anderen Teilen der Stadt. Dazu kommt noch, dass diese Viertel nahe am sehr artenreichen Leipziger Auenwald liegen." Bereits in den 1980er Jahren hatten Wissenschaftler festgestellt, dass Leipziger Villenviertel wesentlich mehr Pflanzenarten enthalten als Plattenbauviertel (insgesamt 212 gegenüber 139).

Zwei Drittel der Leipziger leben in Gebieten, in denen die Vielfalt an Brutvögeln in der Nachbarschaft unter dem Leipziger Durchschnitt liegt. Dies ähnelt der Situation in anderen bereits untersuchten Städten. Nordamerikanische Wissenschaftler hatten vor wenigen Jahren festgestellt, dass Stadtviertel mit höherem sozialen Status häufig auch durch eine höhere Artenvielfalt gekennzeichnet sind als Viertel mit niedrigerem. "Die Ähnlichkeit mit Leipzig ist überraschend, da die Unterschiede in Lebensstil, Einwohnerdichte und Bebauung im Vergleich zu Nordamerika erheblich sind", berichtet Dr. Dagmar Haase, Wissenschaftlerin am UFZ und Professorin für Landschaftsökologie an der Humboldt Universität Berlin.

Brachflächen machen momentan etwa drei Prozent der Stadtfläche aus, daher hat Leipzig ein großes Potenzial zur Entwicklung von Grünflächen. Dieses Potenzial wird bereits zum Teil im Rahmen des Stadtumbaus im Leipziger Osten und Westen genutzt. Gleichzeitig müssen aber auch existierende Naturräume effektiv geschützt werden. Die Aufwertung von Stadtteilen durch eine hohe Artenvielfalt ist jedoch nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern hat auch handfeste positive Auswirkungen auf Klima und Lebensqualität: Grünflächen tragen durch Kühleffekte und Schattenwirkung zur Anpassung an den Klimawandel bei und haben zudem positive Auswirkungen auf die Gesundheit der Anwohner.

Die Leipziger Untersuchung entstand innerhalb des EU-Forschungsprojektes PLUREL, in dem Auswirkungen von Landnutzungsänderungen in europäischen Stadtregionen untersucht werden. Die Untersuchung basiert auf Zukunftsszenarien, die sich sowohl auf die gesamteuropäische Ebene als auch auf die Ebene von Fallstudien (die Städte Leipzig, Manchester, Warschau, Montpellier, Den Haag, Koper in Europa und die Stadt Hangzhou in China) beziehen. Zwar befinden sich viele Stadtregionen in einem Spannungsfeld zwischen Wachstum und Schrumpfung, dennoch gilt generell: Durch neue Einfamilienhausgebiete und Gewerbeflächen "auf der grünen Wiese" werden immer mehr natürliche und naturnahe Flächen versiegelt. Die Folgen sind vor allem negative Auswirkungen auf die umgebenden Ökosysteme, aber ebenso auf die Lebensqualität der Einwohner.

Die Vereinten Nationen haben 2010 zum Internationalen Jahr der Biologischen Vielfalt erklärt. Ziel ist es, dass Thema biologische Vielfalt mit seinen vielen Facetten stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mit seiner Expertise trägt das UFZ dazu bei, die Folgen und Ursachen des Biodiversitätsverlustes zu erforschen sowie Handlungsoptionen zu entwickeln.

Mehr dazu erfahren Sie unter:
http://www.ufz.de/index.php?de=16034 und http://www.ufz.de/data/ufz_spezial_april08_20080325_WEB8411.pdf
Die Biodiversitätsforschung in Deutschland ist auf zahlreiche Institutionen wie Hochschulen, außeruniversitäre Einrichtungen und Ressortforschung bis hin zu Naturschutzverbänden und Firmen verteilt. Das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung, ein Projekt im Rahmen von DIVERSITAS-Deutschland, möchte der Forschungscommunity deshalb eine gemeinsame institutionsunabhängige Kommunikationsstruktur und -kultur anbieten. Mehr dazu erfahren Sie unter:

http://www.biodiversity.de/

Publikation:
Strohbach, M. W., D. Haase, and N. Kabisch. (2009): Birds and the city: urban biodiversity, land use, and socioeconomics. Ecology and Society 14(2): 31.

http://www.ecologyandsociety.org/vol14/iss2/art31/

Die Publikation ist ein Ergebnis des EU-Projektes PLUREL und wurde durch das HIGRADE-Stipendiatenprogramm des Impuls- und Vernetzungsfonds der Helmholtz-Gemeinschaft unterstützt.

Weitere fachliche Informationen:
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
Michael W. Strohbach / Prof. Dr. Dagmar Haase / Nadja Kabisch
Telefon: 0341 / 235-1887, -1950, -1888
http://www.ufz.de/index.php?de=16897
http://www.ufz.de/index.php?de=4576
http://www.ufz.de/index.php?de=19099
oder über
Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
Telefon: 0341-235-1635
E-mail: presse@ufz.de
Weiterführende Links:
EU-Projekt PLUREL (Urbaner Landnutzungswandel in Europa):
http://www.plurel.net/
BMBF-Forschungsverbund "Verlust der Nacht":
http://www.aip.de/People/ASchwope/papers/LeibnizZwischenruf-02-2009.pdf
International Year of Biodiversity 2010:
http://www.cbd.int/2010/welcome/
Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.

http://www.ufz.de/

Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit fast 28.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 16 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,8 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).

http://www.helmholtz.de

Tilo Arnhold | Helmholtz-Zentrum
Weitere Informationen:
http://www.ufz.de/
http://www.ufz.de/index.php?de=19855

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Up-Scaling: Katalysatorentwicklung im Industriemaßstab
22.11.2017 | Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT

nachricht Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium
22.11.2017 | GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

Tagung widmet sich dem Thema Autonomes Fahren

21.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Bakterien als Schrittmacher des Darms

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Ozeanversauerung schädigt Miesmuscheln im Frühstadium

22.11.2017 | Biowissenschaften Chemie

Die gefrorenen Küsten der Arktis: Ein Lebensraum schmilzt davon

22.11.2017 | Geowissenschaften