Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Biophysiker messen erstmals, was sich bewegt, wenn rote Blutkörperchen "zappeln"

19.01.2016

Wie sich rote Blutkörperchen bewegen, haben Wissenschaftler jetzt erstmals mit physikalischen Methoden nachgewiesen: Schnelle Moleküle in der Umgebung bringen die Zellmembran der Blutkörperchen zum "Zappeln". Wenn sie ausreichend Reaktionszeit haben, sind Blutkörperchen jedoch auch selbst aktiv. Erschienen ist die Studie in der Fachzeitschrift Nature Physics (Advance Online Publication).

Wissenschaftler haben erstmals mit physikalischen Methoden nachgewiesen, wie sich rote Blutkörperchen bewegen. Ob die Zellen von äußeren Kräften bewegt werden oder aktiv "zappeln", darüber hatte es unter Forschern regelrechte Kämpfe gegeben. Ein internationales Team von Biophysikern aus Münster, Paris und Jülich hat nun bewiesen, dass beides stimmt.


Drei winzige Kugeln halten die roten Blutkörperchen fest, während mit Hilfe einer vierten Kugel die Bewegungen der Zellmembran (Ausschnitt unten) gemessen werden.

Copyright: Forschungszentrum Jülich

Sie haben physikalische Grundsätze und biologische Realität miteinander verknüpft und erkannt: Schnelle Moleküle in der Umgebung bringen die Zellmembran der Blutkörperchen zum Zappeln, aber wenn sie genug Reaktionszeit haben, sind Blutkörperchen auch selbst aktiv.

Durch einen Vergleich von innovativen Experimenten mit neuen theoretischen Modellen kann dieser Prozess genau bestimmt werden. Erschienen ist die Studie in der Fachzeitschrift Nature Physics, einem der weltweit führenden Physik-Journale.

Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) dienen dem Transport von Sauerstoff im Blut von Wirbeltieren. Den Grund für ihr ständiges Zappeln haben Physiker bislang einzig in thermischen, also äußeren Kräften gesehen. Biologische Überlegungen lassen dagegen vermuten: Auch innere, durch Proteine verursachte Kräfte sind dafür verantwortlich, dass sich die Zellmembran der Blutkörperchen verformt.

"Unsere Ausgangsfrage lautete deshalb: Da Blutkörperchen lebendige Zellen sind, warum sollten nicht auch interne Kräfte in der Zelle auf die Membran wirken?", sagt Dr. Timo Betz von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). "Für Biologen ist das eigentlich klar, aber diese Kräfte waren eben nie Teil einer physikalischen Gleichung."

Die Forscher haben sogar schon eine Vermutung, welche Kräfte innerhalb der Zelle die Zellmembran verformen. "In der Membran könnten Transportproteine solche Kräfte dadurch erzeugen, dass sie Ionen von einer Seite der Membran auf die andere befördern", sagt Prof. Dr. Gerhard Gompper, Direktor des Jülicher "Institute of Complex Systems".

Timo Betz forscht seit dem Jahr 2015 als Biophysiker an der WWU und ist Leiter der Forschungsgruppe "Mechanics of cellular systems" (Mechanik von Zellsystemen) des Exzellenzclusters "Cells in Motion". Die Forschung zur Aktivität roter Blutkörperchen wurde als internationale Zusammenarbeit zwischen dem renommierten Pariser Institut Curie und dem "Institute of Complex Systems" und "Institute for Advanced Simulation" in Jülich begonnen und jetzt in Münster, Paris und Jülich abgeschlossen.

"Dabei war das Zusammenwirken der physikalischen Theorien von Hervé Turlier, der Computersimulationen von Dmitry Fedosov und Thorsten Auth sowie meiner experimentellen Resultate der Schlüssel zum Erfolg", erklärt Timo Betz. Die Kombination von Experiment, Theorie und Computersimulationen sind für neue Einsichten essenziell, weiß auch Gerhard Gompper: "Hochmoderne Simulationen sind heute dazu in der Lage, chemische und biologische Prozesse zu quantifizieren, die sich einer direkten experimentellen Beobachtung entziehen."

Mehr Verständnis für die Zellmechanik

Die Grundlagenforscher möchten mehr über die Mechanik von Blutkörperchen herausfinden und im Detail verstehen, welche Kräfte Zellen bewegen und formen. Gerade im Fall von roten Blutkörperchen ist es wichtig, über ihre Beschaffenheit und inneren Kräfte Bescheid zu wissen. Sie sind nämlich ungewöhnlich weich, elastisch und verformen sich, um auch durch die teilweise winzigen Blutgefäße unseres Körpers hindurchzupassen.

Eben weil Blutkörperchen im Normalfall so weich sind, konnten Physiker in vorherigen Studien an ihrer äußeren Membran große thermische Fluktuationen messen. Diese natürlichen Bewegungen von Molekülen werden durch die Umgebungstemperatur bestimmt. Das heißt: Die Zellmembran der Blutkörperchen bewegt sich, weil Moleküle in der Umgebung sie anstoßen. Unter dem Mikroskop sieht das aus, als würden die Blutkörperchen zappeln.

Dies erklärt zwar, warum sich Blutkörperchen bewegen, fragt aber nicht nach möglichen inneren Kräften, die dazu beitragen. Das Forscherteam um Timo Betz hat deshalb die Fluktuationen von Blutkörperchen mit einer neuen Methode genau untersucht: Mit einer sogenannten optischen Pinzette, einem konzentrierten Laserstrahl, haben die Forscher Blutkörperchen in einer Petrischale in die Länge gezogen und analysiert, wie sich die Zelle verhält.

Das Ergebnis: Hatten die Blutkörperchen genügend Reaktionszeit, wurden sie selbst aktiv und konnten der Kraft der optischen Pinzette entgegenwirken. Blieb ihnen diese Zeit nicht, waren sie ihrer Umgebung ausgeliefert, und es wurden nur temperaturbedingte Kräfte gemessen.

"Wir können durch den Vergleich beider Messungen genau bestimmen, wie schnell die Zellen selbst aktiv werden und welche Kraft sie erzeugen, um sich zu verformen", erklärt Betz. "Jetzt sind die Biologen dran: Wir Physiker haben nämlich nur eine grobe Idee, welche Proteine der Motor für diese Bewegung sein könnten. Dafür können wir genau vorhersagen, wie schnell und stark sie sind."

Originalpublikation:

Turlier H., Fedosov D. A., Audoly B., Auth T., Gov N. S., Sykes C., Joanny J. F., Gompper G., Betz T. (2016): Red blood cell mechanics violates the fluctuation dissipation theorem. Nature Phys: PUBLISHED ONLINE: 18 JANUARY 2016 | DOI: 10.1038/NPHYS3621

Gemeinsame Pressemitteilung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und des Forschungszentrums Jülich

Pressekontakt:

Angela Wenzik, Wissenschaftsjournalistin, Forschungszentrum Jülich,
Tel. 02461 61-6048, E-Mail: a.wenzik@fz-juelich.de

Sibylle Schikora, Pressereferentin/Forschungsredakteurin
Exzellenzcluster "Cells in Motion"
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Tel.: +49 251 83-49310
sibylle.schikora@uni-muenster.de

Weitere Informationen:

http://www.uni-muenster.de/Cells-in-Motion/de/people/all/betz-t.php CiM-Gruppenleiter Dr. Timo Betz
http://www.fz-juelich.de/ics/ics-2/DE/Home/home_node.html Forschungszentrum Jülich, Theorie der Weichen Materie und Biophysik
http://www.nature.com/nphys/index.html Fachjournal Nature Physics

Dr. Christina Heimken | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterien aus dem Blut «ziehen»
07.12.2016 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

nachricht HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle
07.12.2016 | Forschungszentrum Jülich

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie