Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Biomarker für Multiple Sklerose entwickelt

06.11.2015

Patienten mit Multipler Sklerose werden beim Ausbruch der Krankheit meist „ins Blaue hinein“ behandelt. Erstmals scheint jetzt eine Blutanalyse zu zeigen, welches der zwei wichtigsten Medikamente sich für welche Patienten besser eignet.

Über zwei Millionen Menschen leiden weltweit an Multipler Sklerose (MS). Bei dieser schubförmig verlaufenden Erkrankung zerstört das Immunsystem fälschlicherweise Zellen im Gehirn und im Rückenmark.


Ein an der Uni Würzburg entwickelter Bluttest kann die Therapie-Entscheidung bei Multipler Sklerose erleichtern.

Grafik: Michael Christof

Dabei entstehen Entzündungsherde, die je nach Ort und Größe mehr oder weniger schwere Symptome hervorrufen: Die Betroffenen spüren zum Beispiel ein Kribbeln in Armen und Beinen, sie stolpern häufig oder sehen schlechter. Im Extremfall können sie nicht mehr aus eigener Kraft gehen und sind dann auf einen Rollstuhl angewiesen.

Bislang ist die Multiple Sklerose unheilbar, die verfügbaren Medikamente bewirken aber wenigstens eine Milderung der Symptome. „Wir können nicht einmal vorhersagen, wann ein Patient einen nächsten Schub entwickeln wird oder ob nach einem ersten Schub überhaupt eine MS entsteht“, sagt Stefanie Kürten, Professorin für Anatomie und Zellbiologie an der Universität Würzburg.

Seit kurzem seien zwar neue Medikamente auf dem Markt, aber es gebe keinen Anhaltspunkt, welches davon für welche Patienten am besten ist. „Oft wird einfach ein Medikament ausprobiert, und wenn es nicht wirkt, wird das nächste versucht“, sagt Kürten. Natürlich sei das für Patienten und Ärzte sehr unbefriedigend – zumal bekannt ist, dass die MS frühzeitig effizient behandelt werden muss, um auf lange Sicht ihr Fortschreiten und den Verlust von Hirngewebe zu verhindern.

B-Zellen eignen sich als Biomarker

Kürtens Team ist es jetzt gelungen, erstmals einen Biomarker für die MS zu entwickeln: Mit einer Blutanalyse lässt sich womöglich entscheiden, welcher der beiden „Therapie-Klassiker“ in der Frühphase der Krankheit zum Einsatz kommen sollte. Demnach müssten Patienten mit autoreaktiven B-Zellen im Blut mit Copaxone behandelt werden, wogegen Patienten ohne diese B-Zellen eher von einer Therapie mit IFN-beta profitieren dürften.

Diese neuen Erkenntnisse wurden in Kooperation mit dem Unternehmen TEVA Pharmaceutical Industries erarbeitet. Den Biomarker-Test selbst haben die Wissenschaftler gemeinsam mit der Firma Cellular Technology Limited aus den USA entwickelt.

Wie der Biomarker-Test abläuft? „Wir brauchen dafür lediglich Blutproben von den Patienten“, erklärt Kürtens Mitarbeiter Damiano Rovituso. Daraus werden die weißen Blutzellen isoliert und vier Tage lang in einer Zellkultur so stimuliert, dass die Gedächtnis-B-Zellen des Immunsystems damit anfangen, Antikörper zu produzieren. „Wir bestimmen dann, ob diese Antikörper gegen Gewebe des Zentralen Nervensystems reagieren.“ Der Test sei hochspezifisch für die Multiple Sklerose, denn B-Lymphozyten und ihre Antikörper können direkt zur Schädigung der Nervenfasern beitragen.

Mehrere Krankenhäuser an Studie beteiligt

Publiziert sind die Ergebnisse im Fachblatt „Scientific Reports“. Die Würzburger Wissenschaftler haben dafür Tests mit insgesamt 57 MS-Patienten durchgeführt. An der Studie beteiligt waren die Neurologien der Universitätskliniken Köln und Würzburg; außerdem das Klinikum Augsburg, das Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim und die Charité Universitätsmedizin Berlin.

Klinische Studie mit mehr Patienten nötig

Bevor die neuen Erkenntnisse eventuell Eingang in die Routinebehandlung finden, müssen sie bei einer klinischen Studie mit größeren Patientenzahlen abgesichert werden. Eine solche Studie startet laut Stefanie Kürten voraussichtlich noch 2015; finanziert wird sie vom Arzneimittelhersteller TEVA Pharmaceutical Industries.

Durchgeführt wird die Studie gemeinsam mit Stefan Braune, Professor für Neurologie an der Technischen Universität München. Er wird über das bundesweite Netzwerk NeuroTransData GmbH Patienten aus ganz Deutschland für die Studie rekrutieren.

Nächster Schritt: Antikörper-Wirkung erforschen

Als nächstes möchte Stefanie Kürten herausfinden, gegen welche Zielstrukturen im Gehirn sich die Antikörper aus den B-Gedächtniszellen einzelner testpositiver Patienten richten. Das soll weiteren Aufschluss über den Verlauf der Erkrankung geben. „Vielleicht können wir dann auch Therapien entwickeln, die krankheitserzeugende B-Zellen direkt angreifen.“

„The brain antigen-specific B cell response correlates with glatiramer acetate responsiveness in relapsing-remitting multiple sclerosis patients”, Damiano M. Rovituso, Cathrina E. Duffy, Michael Schroeter, Claudia C. Kaiser, Christoph Kleinschnitz, Antonios Bayas, Rebecca Elsner & Stefanie Kuerten. Scientific Reports 5, Artikelnummer 14265 (2015), DOI: 10.1038/srep14265

Kontakt

Prof. Dr. Stefanie Kürten, Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Würzburg, stefanie.kuerten@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Verteidigung um fast jeden Preis
14.12.2017 | Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön

nachricht Mitochondrien von Krebszellen im Visier
14.12.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was für IT-Manager jetzt wichtig ist

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

30 Baufritz-Läufer beim 25. Erkheimer Nikolaus-Straßenlauf

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten