Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Betrogene Männchen singen lauter

24.08.2012
Steinsperlinge zeigen mit ihrem Gesang ihr Alter und ihren Bruterfolg an und reagieren auf Untreue mit höherer Lautstärke

Der Gesang der Singvogel-Männchen ist vielfältig und dient vor allem dazu, Rivalen abzuschrecken und Weibchen anzulocken. Vogelweibchen achten dabei meist nur auf besondere Merkmale des Gesanges, wie z.B. das Vorhandensein spezieller Silben, um die Qualität des Männchens zu beurteilen.


Ein männlicher Steinsperling: sein Gesang verrät lauschenden Weibchen viel über seine Qualität als potentieller Partner. Wie Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und der Universität Kopenhagen herausfanden, spielt das Tempo, die Tonhöhe und die Lautstärke des Gesanges den Fortpflanzungserfolg des Sängers wider. © Henrik Brumm/MPI für Ornithologie


Sie haben hoffentlich keine Eheprobleme: ein Steinsperlingspärchen auf ihrem Nistkasten. Laut einer neuen Studie singen Männchen, deren Partnerin es mit der Treue nicht so eng sieht, lauter - wahrscheinlich in der Hoffnung, die flatterhafte Gefährtin dadurch stärker an sich zu binden. © Henrik Brumm/MPI für Ornithologie

Ein Forscherteam vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und der Universität Kopenhagen hat nun bei Steinsperlingen herausgefunden, dass das Tempo, die Tonhöhe und die Lautstärke des Gesanges den Fortpflanzungserfolg der Männchen widerspiegelt. Überraschenderweise sangen die erfolgreicheren, meist älteren Männchen in einer höheren Tonhöhe und mit geringerem Tempo als die jüngeren.

Ältere Männchen wurden aber von ihren Weibchen auch häufiger betrogen, konnten dies jedoch durch vermehrtes eigenes Fremdgehen mehr als wettmachen und hatten so den größten Fortpflanzungserfolg. Betrogene Männchen, egal ob jung oder alt, sangen lauter; vermutlich als Reaktion auf die Abwesenheit ihrer Partnerin.

Vogelweibchen haben es oft sehr schwer, die Qualität der Männchen zu beurteilen. Viele Männchen putzen sich mit ihrem Gefieder regelrecht heraus, um Weibchen zu beeindrucken. Singvögel haben es da scheinbar leichter, können sie doch ihren Gesang meist in einer abenteuerlichen Art und Weise variieren. Doch auf was soll ein Weibchen achten, etwa auf die Gesamtanzahl aller Silben, die ein Männchen zu singen vermag? Das würde bei vielen Arten, die ein umfangreiches Repertoire besitzen, sehr lange dauern. So verlegen sich Weibchen bei vielen Arten darauf, auf besondere Merkmale im Gesang zu achten, wie z.B. die sogenannten “sexy Silben“ beim Kanarienvogelgesang. Das heißt, je mehr ein Männchen von einem bestimmten Gesangsmerkmal zu singen in der Lage ist, desto höher ist auch seine Qualität, und das Weibchen kann auf gesunden und starken Nachwuchs hoffen. Das trifft bei einigen Arten vermutlich auch auf das Gesangsmerkmal Lautstärke zu, so ist für Weibchen beim Zebrafinken lauter Gesang attraktiver als leiser.

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen hat nun an einer Population von Steinsperlingen in den französischen Alpen scheinbar das Gegenteil herausgefunden. Die Forscher nahmen in zwei aufeinanderfolgenden Brutzeiten die Gesänge von männlichen Steinsperlingen auf. Besonderes Augenmerk legten sie dabei auf die Lautstärke des Gesanges - aufgrund der Schwierigkeit, Lautstärkemessungen im Freiland vorzunehmen, ein bisher vernachlässigter Parameter in der Verhaltensforschung. Die Vögel brüteten ausschließlich in an Strommasten angebrachten hölzernen Nistkästen, die auch als Singwarten genutzt wurden. Auf diese Weise konnten die Forscher ihre Mikrofone an den Masten in definierter Entfernung zum singenden Vogel anbringen, was für eine zuverlässige Messung des Schalldruckpegels unerläßlich ist. Zusätzlich konnten sie bei über 50 Männchen Vaterschaftsanalysen mittels der Mikrosatelliten-Methode durchführen.

Steinsperlinge singen einen sehr einfachen Gesang, der nur aus einer Silbe besteht, die mehrere Male wiederholt wird. Damit steht die Art im deutlichen Kontrast zu beispielsweise der Nachtigall, die ein schier unermessliches Repertoire an verschiedenen Gesangsmustern besitzt. Überraschenderweise zeigte sich zunächst, dass die Vögel, die mit langsamerem Tempo und in höherer Tonlage sangen, einen größeren Anteil an außerpaarlichen Jungen hatten, also mehr Junge in fremden Nestern zeugten. Die erfolgreicheren Männchen waren meist älter und unterschieden sich von den jungen, einjährigen Rivalen durch ihr langsameres Gesangstempo. Ältere Männchen haben einen höheren Status und müssen diesen vermutlich nicht in ihrem Gesang zeigen, während junge, einjährige Männchen es schwer haben, wenn sie versuchen, ihre geringere Attraktivität für Weibchen durch eine höhere Gesangsrate und tiefere Töne auszugleichen. Darüber hinaus hatten diejenigen Männchen, die lauter sangen, mehr Nachkommen im eigenen Nest, die nicht von ihnen stammten. Auch hier gab es einen Altersunterschied: Ältere Männchen hatten mehr Fremdvaterschaften im eigenen Nest und sangen auch öfters mit höherer Lautstärke als ihre jüngeren Nebenbuhler.

„Der lautere Gesang von Männchen, die ihre Vaterschaft an Rivalen verlieren, ist daher kein Qualitätsmerkmal, sondern vermutlich der vergebliche Versuch den untreuen Partner stärker an sich zu binden“. sagt Erwin Nemeth, Erstautor der Studie. Die älteren Männchen können ihren Verlust an Vaterschaften im eigenen Nest durch mehr Nachkommen in fremden Nestern wettmachen, den jüngeren einjährigen Männchen hingegen bleibt nur übrig, auf bessere Zeiten im nächsten Jahr zu warten.

Ansprechpartner

Dr. Erwin Nemeth
Forschungsgruppe Kommunikation und Sozialverhalten
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
Telefon: +43 664 456-8191
Email: enemeth@­orn.mpg.de
Originalveröffentlichung
Erwin Nemeth, Bart Kempenaers, Giuliano Matessi, Henrik Brumm
Rock sparrow song reflects male age and reproductive success
PLoS One, veröffentlicht online am 23.8.2012

Dr. Erwin Nemeth | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/6300103/steinsperling_gesang-bruterfolg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Verteidigung um fast jeden Preis
14.12.2017 | Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön

nachricht Mitochondrien von Krebszellen im Visier
14.12.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Nanostrukturen steuern Wärmetransport: Bayreuther Forscher entdecken Verfahren zur Wärmeregulierung

Der Forschergruppe von Prof. Dr. Markus Retsch an der Universität Bayreuth ist es erstmals gelungen, die von der Temperatur abhängige Wärmeleitfähigkeit mit Hilfe von polymeren Materialien präzise zu steuern. In der Zeitschrift Science Advances werden diese fortschrittlichen, zunächst für Laboruntersuchungen hergestellten Funktionsmaterialien beschrieben. Die hiermit gewonnenen Erkenntnisse sind von großer Relevanz für die Entwicklung neuer Konzepte zur Wärmedämmung.

Von Schmetterlingsflügeln zu neuen Funktionsmaterialien

Im Focus: Lange Speicherung photonischer Quantenbits für globale Teleportation

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik erreichen mit neuer Speichertechnik für photonische Quantenbits Kohärenzzeiten, welche die weltweite...

Im Focus: Long-lived storage of a photonic qubit for worldwide teleportation

MPQ scientists achieve long storage times for photonic quantum bits which break the lower bound for direct teleportation in a global quantum network.

Concerning the development of quantum memories for the realization of global quantum networks, scientists of the Quantum Dynamics Division led by Professor...

Im Focus: Electromagnetic water cloak eliminates drag and wake

Detailed calculations show water cloaks are feasible with today's technology

Researchers have developed a water cloaking concept based on electromagnetic forces that could eliminate an object's wake, greatly reducing its drag while...

Im Focus: Neue Einblicke in die Materie: Hochdruckforschung in Kombination mit NMR-Spektroskopie

Forschern der Universität Bayreuth und des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) ist es erstmals gelungen, die magnetische Kernresonanzspektroskopie (NMR) in Experimenten anzuwenden, bei denen Materialproben unter sehr hohen Drücken – ähnlich denen im unteren Erdmantel – analysiert werden. Das in der Zeitschrift Science Advances vorgestellte Verfahren verspricht neue Erkenntnisse über Elementarteilchen, die sich unter hohen Drücken oft anders verhalten als unter Normalbedingungen. Es wird voraussichtlich technologische Innovationen fördern, aber auch neue Einblicke in das Erdinnere und die Erdgeschichte, insbesondere die Bedingungen für die Entstehung von Leben, ermöglichen.

Diamanten setzen Materie unter Hochdruck

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungen

Materialinnovationen 2018 – Werkstoff- und Materialforschungskonferenz des BMBF

13.12.2017 | Veranstaltungen

Innovativer Wasserbau im 21. Jahrhundert

13.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Was für IT-Manager jetzt wichtig ist

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

30 Baufritz-Läufer beim 25. Erkheimer Nikolaus-Straßenlauf

14.12.2017 | Unternehmensmeldung

Mit allen Sinnen! - Sensoren im Automobil

14.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten