Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Genau wie wir: Weissbüscheläffchen nehmen Rücksicht auf andere

04.12.2007
Forscher der Universität Zürich konnten zeigen, dass sich Weissbüscheläffchen prosozial verhalten und um das Wohl ihrer Artgenossen kümmern. Bisher war man davon ausgegangen, dass dieser Altruismus nur den Menschen eigen ist, da sich nicht einmal die nächsten Verwandten, die Schimpansen, so verhalten.

Einzigartig bei den Weissbüscheläffchen ist zudem, dass wie bei den Menschen viele Gruppenmitglieder und nicht nur die Mütter die Kinder aufziehen. Die Anthropologen Judith Burkart und Carel van Schaik gehen deshalb davon aus, dass der Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht die Menschwerdung in Gang gebracht hat.

Während mindestens 200 Jahren glaubten Ökonomen, dass Menschen unverbesserlich egoistisch handeln würden. Allerdings zeigte in den letzten Jahren eine grosse Anzahl von Arbeiten, dass dieser propagierte "homo oeconomicus" mehr Mythos denn Realität ist. In Tat und Wahrheit sind wir Menschen bemerkenswert kooperativ und unterscheiden uns in dieser Eigenschaft von allen Affenarten.

Menschen helfen und sind grosszügig - auch gegenüber fremden Leuten - und dies häufig in völlig anonymen Situationen. Diese Verhaltensweisen basieren auf einer Psychologie von spontaner Besorgnis um das Wohlergehen von anderen und wird von Ökonomen als "other-regarding preference" bezeichnet, eine Prädisposition für rücksichtsvolles Verhalten.

Experimente mit Schimpansen haben unlängst überraschenderweise gezeigt, dass kooperatives Verhalten bei Schimpansen nicht wie bei uns auf der Besorgnis um das Wohlergehen des Partners beruht, sondern vielmehr der Regel "Wie-du-mir, so-ich-dir" folgt. Die meisten Primatologen folgerten daraus, dass unser prosoziales Verhalten sich erst vor kurzem entwickelt hat und einzigartig menschlich ist. Aber warum hat sich dieses einzigartige Verhalten bei unseren Vorfahren entwickelt und nicht bei den Vorfahren von anderen Menschenaffen?

Um diese Frage zu beantworten, haben Forscherinnen und Forscher der Universität Zürich Experimente mit Weissbüscheläffchen durchgeführt. Weissbüscheläffchen sind so genannte "cooperative breeders", d.h. sie zeichnen sich durch gemeinsame, kooperative Jungenaufzucht aus. Kooperative Jungenaufzucht bedeutet, dass alle Gruppenmitglieder massgeblich bei der Aufzucht beteiligt sind und nicht nur die Mütter wie bei den anderen Affen. "Cooperative Breeders" kooperieren auch in den meisten anderen Bereichen ihres Lebens.

Rücksichtnahme ist nichts exklusiv Menschliches

Die Weissbüscheläffchen konnten in einem Spiel Futter für andere spenden, ohne selbst etwas dafür zu erhalten und ohne die Chance zu haben, selber im Gegenzug dafür vom Empfänger etwas zu erhalten. Anders als Schimpansen, aber ebenso wie Menschen, spenden die Weissbüscheläffchen freizügig für ihre Artgenossen. Diese Resultate zeigen zum ersten Mal, dass echte Besorgnis um das Wohlergehen von anderen nicht etwas exklusiv Menschliches ist, und unterstützen die Hypothese, dass prosoziales Verhalten eine Folge von kooperativer Jungenaufzucht ist. Die Studie, durchgeführt von Dr. Judith Burkart und Prof. Carel van Schaik vom Anthropologischen Institut in Zusammenarbeit mit Prof. Ernst Fehr und Dr. Charles Efferson vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung, alle von der Universität Zürich, ist am 3.12.2007 in "The Proceedings of the National Academy of Sciences USA (PNAS)" publiziert worden.

Prosoziales Verhalten und grosses Gehirn

Aus der Studie ergibt sich folgendes evolutionäre Szenario: Irgendwann haben unsere Vorfahren begonnen, sich gemeinsam um das Grossziehen der Kinder zu kümmern, was einen tief greifenden Bruch mit dem typischen Lebensstil von anderen Affen darstellte. Obwohl die Vorfahren der Weissbüscheläffchen eine ähnliche Veränderung ihres Lebensstils vornahmen und sie wie die Menschen das zugehörige prosoziale Verhalten entwickelten, gibt es einen wichtigen Unterschied, der weit reichende Folgen für die Menschwerdung hatte. Während das prosoziale Verhalten bei den Weissbüscheläffchen auf ein typisches Tieraffenhirn traf, besassen die Vorfahren des Menschen bereits ein sehr grosses Hirn. Dieses war mindestens so gross wie bei den heutigen Menschenaffen und zu sehr komplexen kognitiven Leistungen fähig. Dieses einzigartige Zusammentreffen von Prosozialität und fortgeschrittener kognitiver Leistungsfähigkeit dürfte eine Kettenreaktion von weiteren Entwicklungen ausgelöst haben, die zu unserer ausschliesslich menschlichen kognitiven Ausstattung geführt hat.

Nehmen wir als Beispiel die entscheidende Rolle, die Erwachsene für die intellektuelle Entwicklung von Kindern spielen. Wenn das Bedürfnis, den Kindern Essen zukommen zu lassen, sich auch auf Information ausbreitet, d.h. wenn Erwachsene ein intrinsisches Bedürfnis haben, Kindern wichtige Informationen zuzuführen, würde dies automatisch die Evolution von gemeinsamer Aufmerksamkeit, von Lehren und möglicherweise sogar Sprache begünstigen. Kurz, der Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht dürfte der springende Punkt gewesen sein, der die Menschwerdung in Gang gebracht hat.

Kontakt:
Dr. Judith Burkart, Anthropologisches Institut, Universität Zürich
Tel. +41 44 63 55432
judith.burkart@aim.uzh.ch

Beat Müller | idw
Weitere Informationen:
http://www.uzh.ch/

Weitere Berichte zu: Jungenaufzucht Schimpanse Vorfahren Weissbüscheläffchen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise