Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Motorischen Nervenzellen das Leben retten: RUB-Forscher in PNAS

12.11.2007
Mögliche Strategie zur Behandlung von motorischen Erkrankungen
PNAS: RUB-Forscher belegen indirekte Aktivierung

Seit langem ist die Wissenschaft auf der Suche nach Substanzen, die Patienten mit motorischen Erkrankungen wie amyotropher Lateralsklerose (ALS) oder Spinaler Muskelatrophie (SMA) das Leben retten können. Bisherige Kandidaten, die spezielle Rezeptoren ansprechen, welche das Überleben der motorischen Nervenzellen ermöglichen, schieden wegen starker Nebenwirkungen aus: Noch immer ist die fortschreitende Fehlfunktion der Muskeln aufgrund fehlender oder gestörter Kontakte der Motoneuronen unaufhaltsam.

Forscher aus Bochum, Würzburg und New York um Prof. Dr. Stefan Wiese (Fakultät für Biologie der RUB) haben jetzt erstmals belegen können, dass sich die entsprechenden Rezeptoren auch indirekt durch harmlose körpereigene Stoffe aktivieren lassen. Im Experiment ließ sich das Absterben der Nervenzellen auf diese Weise verhindern. Über ihre Studie berichten die Forscher in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Der Beitrag wurde in der Expertenbewertung "Faculty of 1000" mit dem Urteil "must read" gekennzeichnet.

Tod nach durchschnittlich fünf Jahren

Die ALS trifft etwa einen von 50.000 Menschen. Meistens tritt sie zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr auf und zeigt sich durch eine fortschreitende Muskelschwäche und Spastik. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Diagnose beträgt fünf Jahre. Die SMA kommt häufiger vor; etwa einer von 8.000 Menschen erkrankt daran. Auch sie verursacht eine fortschreitende Muskelschwäche. SMA tritt in drei unterschiedlichen Verlaufsformen auf. Die SMA Typ I führt in der Regel innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Geburt zum Tod. Grund ist jeweils der Untergang von motorischen Nervenzellen im Rückenmark und Stammhirn.

Nervenwachstumsfaktoren durch massive Nebenwirkungen im Aus

Lange Zeit wurden große Hoffnungen in so genannte neurotrophe Faktoren gesetzt. Diese Eiweiße, die im Körper für das Wachstum von Nervenzellen sorgen, wurden als Substanzen gehandelt, die in der Lage seien, die Degeneration der motorischen Nervenzellen zu verzögern, wenn nicht sogar aufzuhalten. Als Medikament eingesetzt riefen sie in klinischen Studien jedoch massive Nebenwirkungen unter anderem auf psychischer Ebene hervor, ohne dabei für eine merkliche Verbesserung der Symptomatik zu sorgen. Die Studien mussten daher vorzeitig abgebrochen werden.

Indirektes Signal zum Überleben

Grundlage der aktuellen Arbeit war die Erkenntnis, dass auch andere Substanzen in der Lage sind, die Rezeptoren für neurotrophe Faktoren auf motorischen Nervenzellen zu aktiveren und somit ein Überlebenssignal an die Zelle zu übermitteln. Wiese und seine Kollegen nahmen den Rezeptor für den neurotrophen Faktor BDNF (brain derived neurotrophic factor) unter die Lupe. Die Forscher konnten zeigen, dass die Aktivierung des Rezeptors für Adenosine über eine Signalkaskade in der Zelle dazu führt, dass auch der Rezeptor für BDNF aktiviert wird, und dass dadurch die Nervenzellen vermehrt überleben. Dies gelang sowohl in Zellkulturen als auch in Modellen mit geschädigten Nervenzellen. Letztere ließen sich durch die Gabe von Adenosin-Rezeptor Agonisten und die daraus folgende indirekte Aktivierung des BDNF-Rezeptors am Leben erhalten.

Titelaufnahme

Stefan Wiese, Sibylle Jablonka, Bettina Holtmann, Nadiya Orel, Rithwick Rajagopal, Moses V. Chao, and Michael Sendtner: Adenosine receptor A2A-R contributes to motoneuron survival by transactivating the tyrosine kinase receptor TrkB. In: PNAS, October 23, 2007, vol. 104, no. 43, 17210-17215, http://www.pnas.org/cgi/content/full/104/43/17210

Weitere Informationen

Prof. Dr. Stefan Wiese, Fakultät für Biologie und Biotechnologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22041, Fax 0234/32-14313, E-Mail: stefan.wiese@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.pnas.org/cgi/content/full/104/43/17210

Weitere Berichte zu: Nebenwirkung Nervenzelle PNAS RUB-Forscher Rezeptor SMA

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zellen auf Wanderschaft: Falten in der Zellmembran liefern Material für nötige Auswölbungen
23.11.2017 | Westfälische Wilhelms-Universität Münster

nachricht Neues Verfahren zum Nachweis eines Tumormarkers in bösartigen Lymphomen
23.11.2017 | Wilhelm Sander-Stiftung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Reibungswärme treibt hydrothermale Aktivität auf Enceladus an

Computersimulation zeigt, wie der Eismond Wasser in einem porösen Gesteinskern aufheizt

Wärme aus der Reibung von Gestein, ausgelöst durch starke Gezeitenkräfte, könnte der „Motor“ für die hydrothermale Aktivität auf dem Saturnmond Enceladus sein....

Im Focus: Frictional Heat Powers Hydrothermal Activity on Enceladus

Computer simulation shows how the icy moon heats water in a porous rock core

Heat from the friction of rocks caused by tidal forces could be the “engine” for the hydrothermal activity on Saturn's moon Enceladus. This presupposes that...

Im Focus: Kleine Strukturen – große Wirkung

Innovative Schutzschicht für geringen Verbrauch künftiger Rolls-Royce Flugtriebwerke entwickelt

Gemeinsam mit Rolls-Royce Deutschland hat das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS im Rahmen von zwei Vorhaben aus dem...

Im Focus: Nanoparticles help with malaria diagnosis – new rapid test in development

The WHO reports an estimated 429,000 malaria deaths each year. The disease mostly affects tropical and subtropical regions and in particular the African continent. The Fraunhofer Institute for Silicate Research ISC teamed up with the Fraunhofer Institute for Molecular Biology and Applied Ecology IME and the Institute of Tropical Medicine at the University of Tübingen for a new test method to detect malaria parasites in blood. The idea of the research project “NanoFRET” is to develop a highly sensitive and reliable rapid diagnostic test so that patient treatment can begin as early as possible.

Malaria is caused by parasites transmitted by mosquito bite. The most dangerous form of malaria is malaria tropica. Left untreated, it is fatal in most cases....

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungen

IfBB bei 12th European Bioplastics Conference mit dabei: neue Marktzahlen, neue Forschungsthemen

22.11.2017 | Veranstaltungen

Zahnimplantate: Forschungsergebnisse und ihre Konsequenzen – 31. Kongress der DGI

22.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Kinderanästhesie aktuell: Symposium für Ärzte und Pflegekräfte

23.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Seminar „Leichtbau im Automobil- und Maschinenbau“ im Haus der Technik Berlin am 16. - 17. Januar 2018

23.11.2017 | Seminare Workshops

Biohausbau-Unternehmen Baufritz erhält von „ Capital“ die Auszeichnung „Beste Ausbilder Deutschlands“

23.11.2017 | Unternehmensmeldung