Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Artbildung ohne räumliche Trennung und lange Isolation

06.11.2007
Feuersalamander-Forschung widerspricht traditioneller Lehrmeinung zur Entstehung von Arten

Am Beispiel des Feuersalamanders haben Forscher von der Universität Bielefeld um Dr. Sebastian Steinfartz (Arbeitsgruppe Molekulare Ökologie und Verhalten) in enger Zusammenarbeit mit Forschern der Universität zu Köln (Prof. Dr. Diethard Tautz und Dr. Markus Weitere) einen großen Schritt bei der Aufklärung von Artbildungsprozessen gemacht.

In ihrer neuesten Veröffentlichung in der November-Ausgabe der Zeitschrift "Molecular Ecology" (Band 16, Seite 4550-4561) zeigen sie, dass im Kottenforst, einem kleinen geschlossenen Waldgebiet bei Bonn, eine Population des Feuersalamanders sich unter "sympatrischen" Bedingungen in zwei genetisch differenzierte Gruppen aufgetrennt hat. "Sympatrisch" meint das unmittelbare Nebeneinandervorkommen nahe miteinander verwandter Tier- oder Pflanzenarten. Der Befund der Wissenschaftler steht im Gegensatz zur Lehrbuchmeinung, dass Artbildungsprozesse vor allem "allopatrisch", durch räumliche Trennung und sehr lange Isolation, erfolgen. Zugleich zeigt er deutlich, dass die Erforschung von Artbildung nicht zwangsläufig an ferne, tropische Gebiete gebunden sein muss, sondern auch direkt vor unserer Haustür stattfinden kann.

Es gibt wohl wenige Fragen innerhalb der Evolutionsbiologie und vielleicht innerhalb der Biologie überhaupt, die schon so lange und so kontrovers diskutiert werden, wie die Frage der Entstehung einer neuen Art. 125 Jahre nach dem Tod von Charles Darwin muss diese zentrale Frage der Evolutionsforschung immer noch als weitgehend ungeklärt angesehen werden. Im Zuge der so genannten "Molekularen Revolution" der letzten 15 Jahre ist aber sehr deutlich geworden, dass Arten in relativ kurzen Zeitspannen von wenigen hundert Generationen ohne die von Autoritäten wie Ernst Mayr postulierte räumliche Trennung und lange Isolation entstehen können - also in einer Kon-taktsituation unter sympatrischen Bedingungen. Die Mechanismen, die diesem Artbildungsprozess zugrunde liegen, sind bisher vor allem theoretisch formuliert worden, wohingegen die Verifizierung dieser Mechanismen in natürlichen Untersuchungssystemen bisher kaum stattgefunden hat.

Besonders bemerkenswert ist an den jetzt veröffentlichten Ergebnissen, dass die entdeckte genetische Differenzierung spezifische Lebensraumanpassungen der Feuersalamander widerspiegelt - nämlich an die Fortpflanzung in stehenden Gewässern einerseits und an die Fortpflanzung in fließenden Gewässern andererseits. Dies muss als ein Prozess der durch Anpassung an unterschiedliche Lebensräume erfolgten so genannten "adaptiven" Artbildung angesehen werden. Da die Feuersalamander erst nach der letzten Eiszeit den Kottenforst vor rund 6000 bis 8000 Jahren wiederbesiedelt haben können, handelt es sich hierbei um ein frühes Stadium der adaptiven Artbildung. Gerade dies ist jedoch für die Wissenschaft hochinteressant, da in diesem Stadium am ehesten die zugrunde liegenden Mechanismen der adaptiven Artbildung untersucht werden können. Die Identifizierung der Differenzierungs- und möglichen Artbildungsmechanismen soll nun in den kommenden Jahren in ganz verschiedenen Projekten untersucht werden. Hierbei ist die Kenntnis allgemein biologischer Parameter wie das spezifische Ausbreitungs- und Wanderverhalten als auch das Reproduktionsverhalten der Feuersalamander enorm wichtig, um die genetischen Befunde korrekt interpretieren zu können. Zurzeit wird die Erforschung der Mechanismen der adaptiven Artbildung beim Feuersalamander sowohl durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft als auch durch die VolkswagenStiftung in Form von Einzelprojekten gefördert und maßgeblich unterstützt.

Kontakt:
Dr. Sebastian Steinfartz,
Molekulare Ökologie und Verhalten, Fakultät für Biologie, Universität Bielefeld
E-Mail: sebastian.steinfartz@uni-bielefeld.de

Ingo Lohuis | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bielefeld.de/biologie/vhf/SF/Research_projects.html

Weitere Berichte zu: Artbildung Feuersalamander Isolation

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Adenoviren binden gezielt an Strukturen auf Tumorzellen
23.04.2018 | Eberhard Karls Universität Tübingen

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Moleküle brillant beleuchtet

Physiker des Labors für Attosekundenphysik, der Ludwig-Maximilians-Universität und des Max-Planck-Instituts für Quantenoptik haben eine leistungsstarke Lichtquelle entwickelt, die ultrakurze Pulse über einen Großteil des mittleren Infrarot-Wellenlängenbereichs generiert. Die Wissenschaftler versprechen sich von dieser Technologie eine Vielzahl von Anwendungen, unter anderem im Bereich der Krebsfrüherkennung.

Moleküle sind die Grundelemente des Lebens. Auch wir Menschen bestehen aus ihnen. Sie steuern unseren Biorhythmus, zeigen aber auch an, wenn dieser erkrankt...

Im Focus: Molecules Brilliantly Illuminated

Physicists at the Laboratory for Attosecond Physics, which is jointly run by Ludwig-Maximilians-Universität and the Max Planck Institute of Quantum Optics, have developed a high-power laser system that generates ultrashort pulses of light covering a large share of the mid-infrared spectrum. The researchers envisage a wide range of applications for the technology – in the early diagnosis of cancer, for instance.

Molecules are the building blocks of life. Like all other organisms, we are made of them. They control our biorhythm, and they can also reflect our state of...

Im Focus: Metalle verbinden ohne Schweißen

Kieler Prototyp für neue Verbindungstechnik wird auf Hannover Messe präsentiert

Schweißen ist noch immer die Standardtechnik, um Metalle miteinander zu verbinden. Doch das aufwändige Verfahren unter hohen Temperaturen ist nicht überall...

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Fraunhofer eröffnet Community zur Entwicklung von Anwendungen und Technologien für die Industrie 4.0

23.04.2018 | Veranstaltungen

Mars Sample Return – Wann kommen die ersten Gesteinsproben vom Roten Planeten?

23.04.2018 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Moleküle brillant beleuchtet

23.04.2018 | Physik Astronomie

Sauber und effizient - Fraunhofer ISE präsentiert Wasserstofftechnologien auf Hannover Messe

23.04.2018 | HANNOVER MESSE

Fraunhofer IMWS entwickelt biobasierte Faser-Kunststoff-Verbunde für Leichtbau-Anwendungen

23.04.2018 | Materialwissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics