Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Pilze wehren sich mit Pumpen

02.11.2007
Kein anderer krankheitserregender Pilz macht dem Menschen so häufig zu schaffen wie Candida albicans. Hinzu kommt, dass dieser Hefepilz gegen die verfügbaren Medikamente resistent werden kann. Wie diese Wandlung vor sich geht, haben Wissenschaftler vom Institut für Molekulare Infektionsbiologie der Universität Würzburg mit Kollegen aus den USA herausgefunden. Über die neuen Erkenntnisse berichtet das Fachblatt PLoS Pathogens.

Candida albicans ist ein Hefepilz, der bei den meisten gesunden Menschen als harmloser Bewohner der Schleimhäute vorkommt. Wenn das Immunsystem geschwächt ist, kann er sich aber massiv ausbreiten und dann auch zu lebensbedrohlichen Infektionen der inneren Organe führen. Bei Aidskranken zum Beispiel befällt der Pilz gern die Mundhöhle. Das ist für die Betroffenen zwar sehr unangenehm, aber nicht lebensgefährlich. Anders ist das bei Menschen, denen Organe oder Knochenmark transplantiert wurden. Bei ihnen muss die Immunabwehr künstlich unterdrückt werden, damit sie die fremden Gewebe nicht abstößt. In dieser Situation kann der Pilz den ganzen Körper infizieren und das Leben der Patienten akut bedrohen.

Gegen Pilze wie Candida gibt es nicht gerade viele Medikamente, wie der Würzburger Infektionsbiologe Joachim Morschhäuser sagt. Häufig werden so genannte Azole eingesetzt. Sie dringen in den Erreger ein und hemmen seine Vermehrung. Doch gegen solche Angriffe wissen sich die widerstandsfähigen Formen des Pilzes nachhaltig zu wehren: Sie fabrizieren massenhaft spezielle Pumpen, mit denen sie die Wirkstoffe kurzerhand wieder ins Freie befördern. "Das ist seit Langem bekannt. Wir haben jetzt aber herausgefunden, wie Candida albicans die Produktion der Pumpen dauerhaft steigert und dadurch letzten Endes unempfindlich gegen das am häufigsten eingesetzte Medikament Fluconazol wird", so Morschhäuser.

Die Forscher entdeckten im Erbgut widerstandsfähiger Candida-Pilze kleine Mutationen, die große Auswirkungen haben. Durch sie wird eine veränderte Form des Proteins Mrr1p gebildet - dabei handelt es sich um einen so genannten Transkriptionsfaktor, der dann die Produktion einer der Pumpen ankurbelt, die die Pilzzellen von den Medikamenten befreien.

"Damit haben wir einen weiteren Ansatzpunkt gefunden, über den sich resistente Candida-Stämme künftig vielleicht bekämpfen lassen." So erläutert der Würzburger Professor die Bedeutung der Erkenntnisse, die er mit seinem Team in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet hat. "Nach neuen Medikamenten, die direkt die Pumpen hemmen, suchen derzeit schon viele Arbeitsgruppen weltweit, weil dieser Mechanismus auch eine Rolle beim Versagen von Krebsmedikamenten spielt." Interessant seien jetzt auch Wirkstoffe, die den mutierten Transkriptionsfaktor ausschalten.

Als nächstes wollen Morschhäuser und seine zehn Mitarbeiter herausfinden, wie der Transkriptionsfaktor an sein Zielgen bindet. Außerdem interessieren sie sich weiterhin für die Mutationen, die sie im Gen des Transkriptionsfaktors fanden. Schließlich bewirken genau diese Veränderungen, dass der Faktor im Pilz nicht nur zur gebotenen Zeit, sondern ständig aktiv ist. Als die Forscher das mutierte Gen in nicht-resistente Candida-Stämme einbrachten, wurden diese plötzlich unempfindlich gegen Azole. Und nachdem sie das Gen in resistenten Pilzen inaktiviert hatten, konnte das Medikament seine Wirkung wieder entfalten.

"The Transcription Factor Mrr1p Controls Expression of the MDR1 Efflux Pump and Mediates Multidrug Resistance in Candida albicans", Joachim Morschhäuser, Julia Blaß-Warmuth (Universität Würzburg); Katherine Barker, Teresa Liu (University of Tennessee Health Science Center); Ramin Homayouni (University of Memphis); P. Rogers (University of Tennessee), PLoS Pathogens, Artikel #07-PLPA-RA-0463R2

Weitere Informationen: Prof. Dr. Joachim Morschhäuser, T (0931) 31-2152, joachim.morschhaeuser@uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Gen Medikament Morschhäuser Transkriptionsfaktor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der erste Blick auf ein einzelnes Protein
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, Stuttgart

nachricht Unterschiedliche Rekombinationsraten halten besonders egoistische Gene im Zaum
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik