Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was den Tumor wachsen lässt

16.10.2007
Wenn Kinder an einer bestimmten Art von Nierentumoren erkranken, spielt Retinsäure möglicherweise eine tragende Rolle. Dieses Molekül kontrolliert eine Reihe von Genen, die für das Zellwachstum bestimmend sind.

Welche Mechanismen das Tumorwachstum in Gang setzen, untersucht jetzt eine Arbeitsgruppe um den Würzburger Mediziner Manfred Gessler. Ziel ist es, neue Ansätze für eine Therapie zu entdecken und ein Verfahren zu entwickeln, das Vorhersagen über den Verlauf der Krankheit erlaubt. Unterstützt wird die Arbeit von der Wilhelm Sander-Stiftung.

Wilms-Tumor oder Nephroblastom: So lauten die Fachausdrücke für eine Form von Nierentumoren, an der vor allem Kinder erkranken. Es handelt sich um den am häufigsten auftretenden bösartigen Nierentumor im Kindesalter; er zeigt sich meist zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr, etwa eines von 10.000 Kindern ist davon betroffen. Embryonale Nierenvorläuferzellen, deren Entwicklung entartet ist, gelten als Verursacher. "In diesen Tumoren ist die Funktion von Steuerungsmechanismen der Embryonalentwicklung beeinträchtigt", erklärt Manfred Gessler. Dabei spielt anscheinend auch Retinsäure eine tragende Rolle: Dieser Botenstoff, ein Vitamin A-Abkömmling, ist unter anderem für das Wachstum der Nierenanlagen im Embryo notwendig, "ein Mangel führt zu verkleinerten und fehlgebildeten Nieren", so Gessler.

Damit sie ihren Auftrag erledigen können, docken die Moleküle an Rezeptoren im Zellkern an, die die Aktivität bestimmter Gene kontrollieren und die Funktion der Zellen damit steuern oder sogar umprogrammieren können. "Dieser Signalweg ist in einigen Wilms-Tumoren fehlreguliert", erklärt Gessler. Deshalb will Arbeitsgruppe nun Tumorzellkulturen mit Retinsäure behandeln, um so die Auswirkungen auf das Wachstumsverhalten und das Überleben der Tumorzellen zu studieren. Geplant ist außerdem, die Arbeit der von Retinsäure regulierten Gene gezielt zu beeinflussen. Dafür will die Gruppe mit Hilfe von Viren, die als Transporter fungieren, veränderte Gene in die Zellen einschleusen.

"Es ist bekannt, dass in Wilms-Tumoren insbesondere Retinsäure-regulierte Gene nicht ausreichend arbeiten", so Gessler weiter. Diese Fehlregulation sei vor allem bei den Patienten zu finden, die nach erfolgreicher Behandlung später erneut einen Tumor entwickelten. Für eine Therapie könnte dieser Punkt von Bedeutung sein: "Wenn wir wissen, wie gut die Gene ihre Arbeit erledigen, können wir eventuell daraus Prognosen über den Verlauf der Krankheit ableiten und somit gezielter eine Behandlung aussuchen". Bedeutsamer sei jedoch, dass diese reduzierte Aktivität des Retinsäure-Signals möglicherweise auch direkt therapeutisch nutzbar sein könnte. In ersten Versuchen konnten die Mitglieder der Arbeitsgruppe bereits an zwei Tumorzellkulturen zeigen, dass die Zugabe von Retinsäure die entsprechenden Zielgene zur verstärkten Aktivität anregt. "Somit erscheint auch eine direkte Umsteuerung der Genexpression in diesen Tumorzellen durch Retinsäure möglich", so der Mediziner.

Retinsäure wird schon bei anderen Tumorarten mit Erfolg als Chemotherapeutikum eingesetzt. Daher ist eine klinische Anwendung auch bei Wilms-Tumoren gut vorstellbar. Bevor es soweit ist, müssen allerdings die Effekte der Retinsäure auf Wilms-Tumorzellen im Detail bekannt sein. Die Arbeitsgruppe am Biozentrum wird deshalb Kulturen von möglichst vielen verschiedenen Tumoren anlegen, mit Retinsäure behandeln und anschließend die Auswirkungen auf Wachstum und Überlebensfähigkeit der Zellen analysieren. Um die Funktion einzelner Zielgene besser zu verstehen, werden diese mit Hilfe von Viren in die Zellen zusätzlich eingeführt oder in ihrer Funktion unterdrückt. Die Ergebnisse können dann die Grundlage für einen möglichen Einsatz von Retinsäure in der Therapie schaffen.

Kontakt: Prof. Dr. Manfred Gessler, Tel.: (0931) 888-4159, E-Mail: gessler@biozentrum.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de/presse

Weitere Berichte zu: Gen Nierentumor Retinsäure Wilms-Tumoren

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscherteam der Universität Bremen untersucht Korallenbleiche
24.04.2017 | Universität Bremen

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

1. Essener Gefahrguttage am 19.-20. September 2017 mit fachbegleitender Ausstellung

24.04.2017 | Seminare Workshops

Laserstrukturierung verbessert Haftung auf Metall und schont die Umwelt

24.04.2017 | Maschinenbau

Forscherteam der Universität Bremen untersucht Korallenbleiche

24.04.2017 | Biowissenschaften Chemie