Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Biochemie spielt wichtige Rolle bei Suchtverhalten

11.09.2007
EAAT-Conference 2007: Frauen kommen schwerer von Süchten weg

Das Suchtverhalten kann nicht nur lebensgeschichtliche, sondern auch handfeste biochemische Ursachen haben. Zu diesem Schluss kommen Experten bei der Europäischen Tagung über Suchttherapie (EAAT-Conference), die derzeit in Wien stattfindet. Das Forscherteam um Jon-Kar Zubieta von der University of Michigan hat festgestellt, dass die Prägung des Nervensystems eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Süchten spielt.

Zubieta und sein Team konnten mit der so genannten Positronenemissionstomographie (PET) die Wirkung von Suchtgiften wie Methadon, Morphin oder Buprenorphin auf das Opioidsystem des Körpers beobachten. Dieses System, das für das Suchtverhalten einen wichtigen biochemischen Regelkreis bildet, hat auch eine wesentliche Steuerfunktion in der Schmerzverarbeitung. "Wir gingen davon aus, dass es in der Arbeitsweise des Opioidsystems individuelle Unterschiede geben könnte, die für ein Suchtverhalten geneigter oder weniger geneigt machen - schon lange bevor jemand das erste Mal zu Drogen greift. Genau das hat sich nun bestätigt", erklärt der Experte, der zu den weltweit führenden Grundlagenforscher auf dem Gebiet des psychiatrischen Neuro-Imaging gehört. Im gesunden Menschen bildet das Opioidsystem einen hochkomplexen Mechanismus, der das Verhalten durch Stimmungen steuert. Die Opioidrezeptoren sind wesentlich dafür verantwortlich, ob sich ein Mensch wohl oder unwohl fühlt. "Sind wir Stress, wie etwa Schmerz ausgesetzt, bleiben diese unbesetzt, erzeugen Frustrationsgefühle und bringen uns dazu, nach Abhilfe zu suchen. Wenn der Stress aufhört zu wirken, werden körpereigene Morphine - zum Beispiel Endorphine - freigesetzt, die das Schmerzempfinden beseitigen und unsere Stimmung heben."

Die Besetzung der Opioidrezeptoren spielt eine wesentliche Rolle. Darauf beruht die Wirkung von schmerzstillenden Mitteln und von Drogen. "Es zeigt sich, dass der Basisspiegel der Opioidrezeptoren von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist", so Zubieta. Das führe zu einer sehr unterschiedlichen Anfälligkeit für Süchte. Der Forscher konnte zeigen, dass Menschen mit einem hohen Basisspiegel von Opioidrezeptoren in ihrem Verhalten impulsiver sind. "Wer impulsiv ist, neigt eher zu spontanen Handlungen, ohne an deren Konsequenzen zu denken", erklärt Zubieta. "Weil diese Impulsivität mit einer höheren Empfindungsfähigkeit etwa für Schmerz einhergeht, gibt es einen zusätzlichen Anreiz, im Fall einer Krise oder auch nur einer verführerischen Gelegenheit Drogen zu nehmen."

Mehr Rezeptoren bedeuten aber auch, dass das Neurotransmittersystem aktiver ist, sodass die Gefühle von Entspannung und Wohlbefinden, die eine Droge vermittelt, stärker sind als bei Menschen mit weniger Rezeptoren. "Das bildet schon psychologisch einen verstärkten Anreiz, die Droge ein weiteres Mal einzunehmen." Die erhöhte Anzahl von Rezeptoren trage dazu auch physiologisch bei, indem sie nach dem Abklingen der Wirkung ein stärkeres Gefühl von Verlust, Frustration und Schmerz und damit ein verstärktes Verlangen nach der Droge bewirke. Diesem wiederum kann ein impulsiver Mensch weniger widerstehen. Zudem regen viele Drogen den Organismus zur Bildung von Dopamin an. "Dopamin ist aber einer jener Faktoren, die wiederum die Bildung von Opioid-Rezeptoren anregen. Die Droge sorgt also dafür, dass der Körper sie so intensiv wie möglich aufnehmen kann, dass die psychotrope Wirkung zunimmt und dass das Gefühl des Verlusts nach deren Abklingen als umso größer empfunden wird."

Zubieta hat festgestellt, dass Frauen im Hinblick auf diese Mechanismen aus mehreren Gründen verletzlicher als Männer sind: Erstens sind sie insgesamt schmerzempfindlicher und daher anfälliger gegen Stress. Der Grund dürfte darin liegen, dass der Opioid-Rezeptor-Spiegel durch die Hormone Östrogen und Progesteron mitgesteuert wird. So haben die Forscher festgestellt, dass Frauen, wenn einmal abhängig geworden sind, deutlich schwerer von den Substanzen wieder wegkommen. "Die Einsichten bedeuten aber auch, dass Frauen von opioidhaltigen schmerzstillenden Medikamenten höhere Dosen brauchen als Männer, um Schmerzfreiheit zu erreichen."

"Neurobiologische Vorgänge spielen tatsächlich eine große Rolle beim Suchtverhalten", meint die Sucht-Expertin Susanne Lentner, stellvertretende ärztliche Leiterin des Anton-Proksch-Instituts Kalksburg http://www.api.or.at , gegenüber pressetext. Bisher wisse man viel zu wenig über diese Vorgänge, die erst nach und nach erforscht werden. Die Wissenschaftlerin betont allerdings, dass die psychosozialen und psychodynamischen Vorgänge im Suchtverhalten eine ebenso wesentliche Bedeutung hätten. "Diese dürfen unter keinen Umständen weg gestrichen werden, auch wenn die Neurobiologie eine faszinierende Zukunft hat", so Lentner abschließend gegenüber pressetext.

Wolfgang Weitlaner | pressetext.austria
Weitere Informationen:
http://www.eaat.org

Weitere Berichte zu: Droge Opioidrezeptoren Opioidsystem Rezeptor Schmerz Stress Suchtverhalten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht „Spionieren“ der versteckten Geometrie komplexer Netzwerke mit Hilfe von Maschinenintelligenz
08.12.2017 | Technische Universität Dresden

nachricht Die Zukunft der grünen Gentechnik
08.12.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Stabile Quantenbits

Physiker aus Konstanz, Princeton und Maryland schaffen ein stabiles Quantengatter als Grundelement für den Quantencomputer

Meilenstein auf dem Weg zum Quantencomputer: Wissenschaftler der Universität Konstanz, der Princeton University sowie der University of Maryland entwickeln ein...

Im Focus: Realer Versuch statt virtuellem Experiment: Erfolgreiche Prüfung von Nanodrähten

Mit neuartigen Experimenten enträtseln Forscher des Helmholtz-Zentrums Geesthacht und der Technischen Universität Hamburg, warum winzige Metallstrukturen extrem fest sind

Ultraleichte und zugleich extrem feste Werkstoffe – poröse Nanomaterialien aus Metall versprechen hochinteressante Anwendungen unter anderem für künftige...

Im Focus: Geburtshelfer und Wegweiser für Photonen

Gezielt Photonen erzeugen und ihren Weg kontrollieren: Das sollte mit einem neuen Design gelingen, das Würzburger Physiker für optische Antennen erarbeitet haben.

Atome und Moleküle können dazu gebracht werden, Lichtteilchen (Photonen) auszusenden. Dieser Vorgang verläuft aber ohne äußeren Eingriff ineffizient und...

Im Focus: Towards data storage at the single molecule level

The miniaturization of the current technology of storage media is hindered by fundamental limits of quantum mechanics. A new approach consists in using so-called spin-crossover molecules as the smallest possible storage unit. Similar to normal hard drives, these special molecules can save information via their magnetic state. A research team from Kiel University has now managed to successfully place a new class of spin-crossover molecules onto a surface and to improve the molecule’s storage capacity. The storage density of conventional hard drives could therefore theoretically be increased by more than one hundred fold. The study has been published in the scientific journal Nano Letters.

Over the past few years, the building blocks of storage media have gotten ever smaller. But further miniaturization of the current technology is hindered by...

Im Focus: Successful Mechanical Testing of Nanowires

With innovative experiments, researchers at the Helmholtz-Zentrums Geesthacht and the Technical University Hamburg unravel why tiny metallic structures are extremely strong

Light-weight and simultaneously strong – porous metallic nanomaterials promise interesting applications as, for instance, for future aeroplanes with enhanced...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Innovative Strategien zur Bekämpfung von parasitären Würmern

08.12.2017 | Veranstaltungen

Hohe Heilungschancen bei Lymphomen im Kindesalter

07.12.2017 | Veranstaltungen

Der Roboter im Pflegeheim – bald Wirklichkeit?

05.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Papstar entscheidet sich für tisoware

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

Natürliches Radongas – zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs

08.12.2017 | Unternehmensmeldung

„Spionieren“ der versteckten Geometrie komplexer Netzwerke mit Hilfe von Maschinenintelligenz

08.12.2017 | Biowissenschaften Chemie