Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mehr Lungenkrebs und Herzkreislauferkrankungen unter strahlenbelasteten Arbeitern im Südural

17.08.2007
Neue Datenbasis für Berechnungen des Strahlenrisikos

In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat die Plutoniumproduktion für sowjetrussische Atomwaffen in Ozyorsk, einer immer noch geschlossenen Stadt im Südural, zu erhöhten Strahlenexpositionen sowohl der Arbeiter, als auch - durch flüssige radioaktive Ableitungen - der Anwohner des Flusses Tetscha geführt. Im niederbayerischen Bad Griesbach trafen sich vom 13.-16. August Wissenschaftler aus elf Nationen, um über die möglichen gesundheitlichen Folgen dieser Strahlenexposition zu diskutieren.

Das vom GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit koordinierte Forschungsvorhaben SOUL legte dazu erste Ergebnisse vor: Bei den im Zeitraum von 1949 bis 1953 beschäftigten Arbeitern, die höheren Strahlenexpositionen ausgesetzt waren, stellten die Wissenschaftler eine erhöhte Erkrankungsrate der Hirn- und Herzkranzgefäße fest. Frühere Studien hatte schon eine Erhöhung der Krebsrate, insbesondere der Lungenkrebsrate ergeben. Eine wesentliche Frage für die Fortführung der Studie wird nun sein, ob die Effekte auch schon bei geringeren Strahlendosen, wie sie heute unter beruflich strahlenexponierten Personen zu finden sind, auftreten.

Dr. Peter Jacob vom Institut für Strahlenschutz des GSF - Forschungszentrums und Koordinator des von der Europäischen Union mit 6,8 Millionen Euro unterstützten Projektes Southern Urals Radiation Risk Research SOUL betont das hohe internationale Interesse an den untersuchten Gesundheitseffekten: "Unsere Daten aus dem Südural haben im Vergleich zu denen aus Hiroshima und Nagasaki, welche ja bisher die Hauptinformationsquelle zu gesundheitlichen Gefährdungen durch Strahlenexpositionen bildeten, zwei wesentliche Eigenschaften: Erstens beziehen sie sich auf Strahlenexpositionen, die über einen längeren Zeitraum aufgetreten sind.

Dies ermöglicht den Vergleich mit Strahlenexpositionen, wie sie in unseren Ländern durch die friedliche Nutzung von Radioaktivität und Strahlung entstehen und in der Regel auch über einen längeren Zeitraum akkumulieren. Zweitens sind die meisten Bewohner des Südurals Kaukasier, wie auch der Großteil der Bevölkerung der Europäischen Union und Nordamerikas. Diese gemeinsame genetische Grundlage erlaubt ebenfalls direktere Vergleiche als dies bislang mit den japanischen Daten möglich war.

In der untersuchten Kohorte von Arbeitern, die an ihrem Arbeitsplatz mit Plutonium exponiert waren, stellten die Wissenschaftler vermehrt Lungenkrebsfälle fest. Die Rekonstruktion der Lungendosen basiert auf Messungen des Plutoniumgehaltes im Urin der Arbeiter sowie auf 1946 Autopsien, bei denen der Plutoniumgehalt in den verschiedenen Organen der Arbeiter bestimmt wurde.

Die Autopsien hatten ergeben, dass ein größerer Anteil des Plutoniums in der Lunge verbleibt, als dies bisher angenommen wurde. Die retrospektive Bestimmung der Plutoniumdosen ist aufwändig, und bisher liegen nur vorläufige Ergebnisse vor. Basierend auf diesen vorläufigen Dosiswerten ergibt sich, dass Plutonium bei gleicher Dosis 10- bis 20mal so viele Lungenkrebsfälle erzeugt wie externe Strahlung.

Im Rahmen von SOUL wurde auch der mögliche Einfluss der Strahlenexposition auf Herzkreislauferkrankungen untersucht. "Erste Ergebnisse zeigen", so Peter Jacob vom GSF - Forschungszentrum, "dass Erkrankungen der Hirn- und Herzkranzgefäße vermehrt unter den Arbeitern auftreten, die in den ersten Betriebsjahren der Produktionsgenossenschaft Mayak besonders hohen Strahlenexpositionen ausgesetzt waren." Eine wesentliche Frage, der sich nun die Fortführung der Studie widmet, ist, ob auch schon bei geringeren Strahlendosen, wie sie heute unter beruflich strahlenexponierten Personen zu finden sind, eine erhöhte Rate von Herzkreislauferkrankungen auftritt.

Betroffen sind aber auch die Anwohner des belasteten Tetschaflusses in der Umgebung der Produktionsgenossenschaft. So widmete sich ein weiterer Schwerpunkt auf dem Workshop in Bad Griesbach Fragen zur retrospektiven Bestimmung der Strahlenexposition der Anwohner. Hierzu führt die GSF elektronenparamagnetische Resonanzmessungen im Zahnschmelz exponierter Personen sowie Lumineszenzmessungen in Ziegelsteinen exponierter Gebäude durch. Die Auswertung dieser Daten sowie neu gefundener Archivdaten zeigt für die Anwohner Krebsrisiken auf, deren Größe - entgegen anderer Erwartungen - nicht geringer als die der Atombombenüberlebenden sind.

Am Ende des internationalen Workshops stimmten die Teilnehmer darin überein, dass die Ergebnisse der Strahlenrisikostudien im Südural einen wichtigen Beitrag zum sicheren Umgang mit Strahlung auch in unserer Gesellschaft leisten werden.

GSF - Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit
Kommunikation
Tel: 089 3187-2460
Fax 089 3187-3324
E-Mail: oea@gsf.de

Michael van den Heuvel | idw
Weitere Informationen:
http://www.gsf.de
http://www.gsf.de/neu/Aktuelles/Presse/2007/soul2.php

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff
20.01.2017 | GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH

nachricht Leibwächter im Darm mit chemischer Waffe
20.01.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise