Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geheimnisse des Herzgespannkrautes gelüftet

03.08.2007
Das Herzgespannkraut wird bereits 1485 im ältesten deutschsprachigen Kräuterarzneibuch, dem "Gart der Gesuntheit", als Medikament bei Herzkrankheiten erwähnt und auch in späteren mittelalterlichen Schriften gegen "Herzzittern und -klopfen" empfohlen.

Über die Jahrhunderte bis heute gehörte die Pflanze - mehr oder weniger hoch geschätzt - zum Standardsortiment des Apothekers. Doch möglicherweise steckt mehr in diesem Kraut. Prof. Stefan Dhein, Forschungsleiter der Klinik für Herzchirurgie, und Prof. Hans Wilhelm Rauwald, Lehrstuhlinhaber Pharmazeutische Biologie der Universität Leipzig, wollten es genauer wissen. Vor wenigen Tagen konnten die Wissenschaftler dazu ein Patent veröffentlichen.

"Anfangs hatte ich hatte ich nur ein bisschen in alten medizinischen Schriften geblättert", blickt Dhein zurück. "Es interessierte mich, was im Mittelalter gegen Herz-Kreislauf-Beschwerden unternommen wurde. So stieß ich auf das Herzgespannkraut, da ja schon durch seinen Namen - Gespann hieß so viel wie Schmerz - auf eine Anwendung hinwies. Doch wissenschaftlich untersucht, ob und wie es wirkt, hatte bis heute niemand." Also ging Dhein in die Apotheke, kaufte getrocknetes Herzgespannkraut, bereitete auf ganz traditionelle Weise einen Tee und spritzte den im Labor in ein isoliertes, also außerhalb des Tieres künstlich ernährtes, Kaninchenherz. "Und tatsächlich schlug dieses Herz dann langsamer. Also wusste ich, es lohnt, hier weiterzumachen."

Dhein holte daraufhin den auf pflanzliche Wirkstoffe spezialisierten Pharmazeuten Rauwald mit ins Boot. Rauwald hatte bereits 1993 in ersten Studien zur cardiovaskulären Aktivität von Arzneipflanzen auch Herzgespannkraut untersucht. Unterstützt von Doktoranden widmeten sich beide dem Herstellen und Testen immer neuer hochkonzentrierter Extraktfraktionen aus Herzgespannkraut. Anregungen fand das Forscher-Team auch in der Literatur der traditionellen chinesischen Medizin, die ebenfalls mit einer dem Herzgespannkraut verwandten Pflanze arbeitet. Allerdings wird es dort vor allem in der Geburtsmedizin eingesetzt, eine Anwendung, die auch in Europa nicht unbekannt ist, worauf sein englischer Name "motherwort" verweist.

Bei den nun folgenden Studien ging es längst nicht mehr nur um das Aufbrühen von Tees. "Als Lösungsmittel wurden unter anderem auch Alkohol und Chloroform verwendet", erläutert Rauwald. "Es mussten genau quantifizierte Konzentrationen erzeugt oder einzelne Bestandteile der Extrakte eliminiert werden. Methoden wie die Hochleistungs- und die Dünnschicht-Chromatografie machten sichtbar, welche Wirkstoffgruppen in welcher Konzentration in den Extrakten vorhanden waren."

Nach jedem Schritt in den Labors der Pharmazeuten wurde der erzeugte Spezialextrakt im Herzzentrum am isolierten Tierherzen erprobt. Dabei wurde dessen Verhalten nicht nur mit bloßem Auge verfolgt, sondern über ein spezielles Messverfahren. Vier etwa einen Quadratzentimeter große Platten mit 256 Elektroden bedeckten einen Großteil der Herzoberfläche. Das so mögliche umfassende EKG maß genau, wie das Herz nach dem Einspritzen des Extraktes reagierte. Beispielweise wurde das Test-Herz beim mittels Chloroform erzeugten Extrakt immer langsamer und blieb sogar stehen - also wurde die Rezeptur verworfen.

Aus diesen Untersuchungen konnte das Forscherteam um Dhein und Rauwald erstmals Aussagen zur Wirkung von Herzgespannkraut ableiten. "Belegt ist inzwischen", so Dhein, "dass die Wirkstoffe der Pflanze den Koronarfluss, also die Menge des Blutes, das den Herzmuskel versorgt, steigern. Dadurch wird das Herz besser versorgt. Gleichzeitig wird es langsamer schlagen. Außerdem ist Herzgespannkraut ein Kalziumkanalantagonist und blockiert die Poren, durch die Kalzium tritt. Das wiederum bedeutet, dass der molekulare Wirkmechanismus aufgeklärt werden konnte. Kalziumantagonisten führen zu einer Blutdrucksenkung und - im Falle bestimmter Substanzen und des hier gefundenen Spezialextraktes - auch zu einer Herzwirkung mit Verlangsamung der Herzfrequenz, wodurch das Herz insgesamt entlastet wird."

Doch Rauwald und Dhein sprechen auch von den noch offenen Fragestellungen. So blieb bislang unbeantwortet, welche Einzelstoffe genau drin sind in dem Extrakt und ob diese auch isoliert oder nur im Zusammenspiel ihrer verschiedenen Wirkprinzipien hilfreich sind. Möglicherweise bergen auch einige der isolierten Bestandteile toxische Probleme, die künftig durch entsprechende Reinigungsverfahren umgangen werden können.

Enttäuscht wird allerdings sein, wer auf ein baldiges, über den altbekannten Tee hinausgehendes Medikament wartet. Mit dem Patent, das inzwischen veröffentlicht ist, auf die "Herstellung von Spezialextrakten aus Leonurus cardiaca und deren Anwendung bei koronaren Herzkrankheiten" wurde erst einmal ein Stück Grundlagenforschung abgeschlossen. Nun ist es an den Pharmaunternehmen, die neuen Erkenntnisse - möglicherweise in Kooperation mit den Leipziger Forschern - in ihre Produktentwicklung einzubinden.

Wer übrigens die etwa anderthalb Meter hohen Staude mit rosa Blüten direkt am Stengel in natura sehen möchte, kann dies im Apothekergarten der Universität Leipzig (Eingang über Johannisallee), der seit März wieder geöffnet ist.

Marlis Heinz

weitere Informationen:

Prof. Dr. med. Stefan Dhein
Telefon: 0341 865-1044
E-Mail: dhes@medizin.uni-leipzig.de
www.herzzentrum-leipzig.de
Prof. Hans Wilhelm Rauwald
Telefon: 0341/ 97 36951
E-Mail: rauwald@rz.uni-leipzig.de

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Extrakt Herzgespannkraut Pflanze Spezialextrakt Tee

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers
26.09.2017 | Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

nachricht Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck
26.09.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Die schnellste lichtgetriebene Stromquelle der Welt

Die Stromregelung ist eine der wichtigsten Komponenten moderner Elektronik, denn über schnell angesteuerte Elektronenströme werden Daten und Signale übertragen. Die Ansprüche an die Schnelligkeit der Datenübertragung wachsen dabei beständig. In eine ganz neue Dimension der schnellen Stromregelung sind nun Wissenschaftler der Lehrstühle für Laserphysik und Angewandte Physik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vorgedrungen. Ihnen ist es gelungen, im „Wundermaterial“ Graphen Elektronenströme innerhalb von einer Femtosekunde in die gewünschte Richtung zu lenken – eine Femtosekunde entspricht dabei dem millionsten Teil einer milliardstel Sekunde.

Der Trick: die Elektronen werden von einer einzigen Schwingung eines Lichtpulses angetrieben. Damit können sie den Vorgang um mehr als das Tausendfache im...

Im Focus: The fastest light-driven current source

Controlling electronic current is essential to modern electronics, as data and signals are transferred by streams of electrons which are controlled at high speed. Demands on transmission speeds are also increasing as technology develops. Scientists from the Chair of Laser Physics and the Chair of Applied Physics at Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) have succeeded in switching on a current with a desired direction in graphene using a single laser pulse within a femtosecond ¬¬ – a femtosecond corresponds to the millionth part of a billionth of a second. This is more than a thousand times faster compared to the most efficient transistors today.

Graphene is up to the job

Im Focus: LaserTAB: Effizientere und präzisere Kontakte dank Roboter-Kollaboration

Auf der diesjährigen productronica in München stellt das Fraunhofer-Institut für Lasertechnik ILT das Laser-Based Tape-Automated Bonding, kurz LaserTAB, vor: Die Aachener Experten zeigen, wie sich dank neuer Optik und Roboter-Unterstützung Batteriezellen und Leistungselektronik effizienter und präziser als bisher lasermikroschweißen lassen.

Auf eine geschickte Kombination von Roboter-Einsatz, Laserscanner mit selbstentwickelter neuer Optik und Prozessüberwachung setzt das Fraunhofer ILT aus Aachen.

Im Focus: LaserTAB: More efficient and precise contacts thanks to human-robot collaboration

At the productronica trade fair in Munich this November, the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT will be presenting Laser-Based Tape-Automated Bonding, LaserTAB for short. The experts from Aachen will be demonstrating how new battery cells and power electronics can be micro-welded more efficiently and precisely than ever before thanks to new optics and robot support.

Fraunhofer ILT from Aachen relies on a clever combination of robotics and a laser scanner with new optics as well as process monitoring, which it has developed...

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Im Spannungsfeld von Biologie und Modellierung

26.09.2017 | Veranstaltungen

Archaeopteryx, Klimawandel und Zugvögel: Deutsche Ornithologen-Gesellschaft tagt an der Uni Halle

26.09.2017 | Veranstaltungen

Unsere Arbeitswelt von morgen – Polarisierendes Thema beim 7. Unternehmertag der HNEE

26.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Europas erste Testumgebung für selbstfahrende Züge entsteht im Burgenland

26.09.2017 | Verkehr Logistik

Nerven steuern die Bakterienbesiedlung des Körpers

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Mit künstlicher Intelligenz zum chemischen Fingerabdruck

26.09.2017 | Biowissenschaften Chemie