Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Schmerzmittel ohne Suchtpotential?

11.06.2007
Schmerzlindernde Effekte üben Haschisch-Wirkstoffe Cannabinoide an Nerven aus - Nebenwirkungen entstehen in Gehirn und Rückenmark / Heidelberger Wissenschaftler veröffentlichen in "Nature Neuroscience"

Wissenschaftler des Pharmakologischen Instituts der Universität Heidelberg haben im Tierversuch erstmals gezeigt, dass die schmerzlindernde und die unerwünschte Wirkung der im Haschisch enthaltenen Wirkstoffe Cannabinoide an verschiedenen Stellen im Nervensystems ausgelöst werden: Die Schmerzen werden vor allem an den Nervenfasern unterdrückt während Rausch und Muskellähmungen überwiegend in Gehirn und Rückenmark entstehen. Cannabinoide können chronische Schmerzen hemmen - zur Therapie sind sie in Deutschland jedoch wegen ihrer schweren Nebenwirkungen und Suchtpotential nur in Ausnahmefällen zugelassen.

Die neuen Erkenntnisse zeigen möglicherweise einen Ausweg. Es ist denkbar, Cannabinoid-Medikamente zu entwickeln, die gezielt die Schmerzen bekämpfen, ohne gleichzeitig gefährliche Begleiterscheinungen hervorzurufen. Jeder fünfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen. Von einer geeigneten Therapie könnten z.B. Patienten mit rheumatischen Erkrankungen, Entzündungen der Haut oder von Organen sowie Patienten mit Nervenverletzungen, etwa nach einem Unfall, profitieren.

Die herausragenden Ergebnisse des Wissenschaftlerteams um Frau Professor Dr. Rohini Kuner und Dr. Nitin Agarwal des Pharmakologischen Instituts der Universität Heidelberg in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Mainz wurden jetzt vorab online in der renommierten internationalen Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" veröffentlicht.

Köpereigene Cannabinoide lindern akute und chronische Schmerzen

Der Körper produziert Cannabinoide als erste Hilfe gegen akute Schmerzen, z.B. bei Hitze oder mechanischen Reizen. Aber auch bei chronischen Entzündungen entfalten körpereigene Cannabinoide ihre schmerzlindernden Eigenschaften innerhalb des Nervensystems: Sie binden an passende Eiweiß-Strukturen, so genannten Cannabinoid-Rezeptoren, auf Nervenzellen und setzen dadurch Prozesse in Gang, die schließlich eine Schmerzlinderung bewirken. Auch Cannabinoide, die man dem Körper von außen zuführt, agieren auf diese Weise.

"Wir wollten wissen, wo genau innerhalb des schmerzverarbeitenden Nervensystems Cannabinoide aktiv werden, und die komplexen Abläufe erforschen", sagt Professor Kuner, die seit Herbst 2006 die W3 Professur für Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät innehat. Bisher galt die Vermutung, dass Cannabinoide vor allem im Zentralen Nervensystem, also in Gehirn und Rückenmark, sowohl ihre schmerzlindernde Wirkung als auch die unerwünschten Effekte entfalten. Dass Cannabinoide auch in den peripheren Teilen des Nervensystems wirken können, also in Nervenfasern, die Schmerzsignale von außen zur Körpermitte transportieren (Nozizeptoren), war bekannt. Aber dass diese als Hauptwirkungsorte der Schmerzlinderung fungieren, galt als unwahrscheinlich.

Nachweis der getrennten Wirkung bei gentechnisch veränderten Mäusen

Mit Hilfe gentechnisch veränderter Mäuse konnten die Heidelberger Forscher jetzt diese Vorstellung widerlegen: Mäuse, die in den peripheren Nervenfasern keine Cannabinoid-Rezeptoren ausbilden, im Zentralen Nervensystem jedoch über ein funktionierendes Rezeptor-System verfügen, zeigten eine stark erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen.

"Die körpereigenen Cannabinoide vermitteln ihre schmerzlindernde Wirkung also hauptsächlich über intakte periphere Nervenfasern und nicht über das Zentrale Nervensystem", erklärt Rohini Kuner. Auch eine Behandlung der Tiere mit Cannabinoiden blieb bei den gentechnisch veränderten Mäusen erfolglos. Die üblichen Nebenwirkungen wie Rausch und Lähmungen bildeten sich jedoch aus. "Damit konnten wir bestätigen, dass die unerwünschten Begleiterscheinungen vor allem durch Prozesse in Gehirn und Rückenmark entstehen."

Die Ergebnisse ermutigen die Wissenschaftler. "Denkbar wäre es, die erwünschten von den unerwünschten Wirkungen zu trennen. Cannabinoide könnten im Labor so verändert werden, dass sie als Medikamente in den peripheren Nervenfasern ihre schmerzstillenden Effekte entfalten, die so genannte Blut-Hirnschranke aber nicht mehr passieren können und so erst gar nicht in das Zentrale Nervensystem gelangen", blickt Professor Kuner in die Zukunft.

Literatur:
Nitin Agarwal, Rohini Kuner, et.al.: Cannabinoids mediate analgesia largely via peripheral type 1 cannabinoid receptors in nociceptors. Nature Neuroscience. Published online: 10 June 2007 , doi:10.1038/nn1916

(Der Originalartikel kann bei der Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg unter contact@med.uni-heidelberg.de angefordert werden)

Weitere Infos im Internet
www.klinikum.uni-heidelberg.de/Pharmakologisches-Institut.102627.0.html
Ansprechpartner:
Professor Dr. Rohini Kuner
Tel.: 06221 /54 82 89
E-Mail: rohini.kuner@pharma.uni-heidelberg.de
Bei Rückfragen von Journalisten:
Dr. Annette Tuffs
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Universitätsklinikums Heidelberg
und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg
Im Neuenheimer Feld 672
69120 Heidelberg
Tel.: 06221 / 56 45 36
Fax: 06221 / 56 45 44
E-Mail: annette.tuffs(at)med.uni-heidelberg.de

Dr. Annette Tuffs | idw
Weitere Informationen:
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/presse
http://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Pharmakologisches-Institut.102627.0.html

Weitere Berichte zu: Cannabinoide Mäuse Nervenfaser Nervensystem Rückenmark Schmerz

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

nachricht Einen Schritt näher an die Wirklichkeit
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics