Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Geschickt verpackt

24.05.2007
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung simulieren, wie Zellen Membranhüllen produzieren

Auf die Verpackung kommt es an: Auch Zellen schließen Proteine zum Transport in kleine Membranbläschen ein, damit sich diese unterwegs nicht mit anderen Substanzen vermischen. Wie diese Bläschen, die Vesikel, genau gebildet werden, zählt zu den wichtigen Fragen der Zellbiologie. Forscher des Mainzer Max-Planck-Instituts für Polymerforschung haben mittels einer Computersimulation herausgefunden, wie bestimmte Proteine ohne direkte Wechselwirkung untereinander großflächige Ausstülpungen der Membran erzeugen. Der physikalische Mechanismus, den die Wissenschaftler mit ihrer Simulation entdeckten, wirkt möglicherweise auch an anderen Prozessen mit, bei denen Zellmembranen verformt werden. So ließe sich damit etwa die Bildung von Organellen mit stark gekrümmten Oberflächen wie dem Golgi-Apparat und den Mitochondrien beschreiben (Nature, 24. Mai 2007).


Abb. 1: Die Simulation der Max-Planck-Forscher zeigt, wie sich auf einer Membran großflächige Einstülpungen bilden: Auf einer Membran (blau-gelb) haften Proteine (rot), welche die Membran lokal krümmen (a), dies führt zu einer Ausbuchtung (b). In (c) ist ein fast abgeschnürtes Vesikel im Querschnitt zu sehen. Bild: Max-Planck-Institut für Polymerforschung


Abb. 2: Querschnitt durch eine Membran, die von zwei symmetrisch anhaftenden Teilchen stark gekrümmt wird. Bild: Max-Planck-Institut für Polymerforschung

Jede Zelle des menschlichen Körpers ähnelt einer Fabrik auf kleinstem Raum, die unermüdlich tausende Substanzen produziert. Unter anderem müssen Botenstoffe und Zellbausteine synthetisiert und an die richtige Stelle transportiert werden. Für diesen Materialaustausch verfügen Zellen über einen raffinierte Verpackungsmechanismus: Fertige Proteine werden in kleine Bläschen eingeschlossen, die sich aus der Zellmembran abschnüren. Dazu lagern sich spezielle Proteine an der Membranwand an. Diese verformen die Membran - eine Einstülpung entsteht. Im Inneren eines solchen Vesikels eingeschlossene Proteine überstehen den Transport durch die Zelle, ohne sich unterwegs mit anderen Substanzen zu vermischen. Während Zellbiologen die für die Verformung zuständigen Proteine schon seit längerem kennen, wussten sie über den Prozess der Vesikelbildung bisher noch sehr wenig.

Mit einer Computersimulation haben Wissenschaftler um Markus Deserno am Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz nun gezeigt, wie Proteine bei der Verformung der Membran zusammenarbeiten: Binden sie an die Membranoberfläche, rufen sie in ihrer unmittelbaren Umgebung eine trichterähnliche Verformung hervor. Ohne direkt miteinander zu wechselwirken, beeinflussen sich die membrangebundenen Proteine indirekt über die Verformung der Membran. Sobald sich zwei Proteine zu nahe kommen und die gekrümmten Membranen überlappen, führt das zu einer Anziehung, aus der bei ausreichend vielen Proteinen eine Membraneinstülpung entsteht. Diese Anordnung der Proteine ähnelt der von zwei nah beieinander liegenden Kugeln auf einem gespannten Gummituch.

"Uns geht es dabei grundsätzlich um die Frage, wie Membranen verformt werden", sagt Markus Deserno. "In der Zelle gibt es zahlreiche Organellen, etwa den Golgi-Apparat oder die Mitochondrien, deren Membranoberflächen auf ganz bestimmte Art und Weise gekrümmt sind. Solche Verformungen kosten viel Energie, und das muss die Zelle irgendwie steuern. Möglicherweise spielen die Mechanismen, die wir entdeckt haben, auch dort eine Rolle."

Zu Beginn der Simulation sind die membrankrümmenden Proteine erst einmal gleichmäßig verteilt. Im Verlauf der Vesikelbildung wandern sie auf der Membran und häufen sich an bestimmten Stellen. "Das ist das einfachste Szenario, von dem wir ausgehen können", sagt Deserno. "Vermutlich macht die Natur das schlauer und bringt Proteine von Anfang gehäuft an bestimmte Stellen." Außerdem mussten die Max-Planck-Forscher auf die Modellierung von einzelnen Atomen verzichten, sonst wäre das Experiment im Computer rechnerisch nicht zu bewältigen gewesen. Denn während die Natur eine Vesikel in wenigen Millisekunden bildet, benötigten die Computercluster des DEISA-Projektes (Distributed European Infrastructure for Supercomputing Applications) dafür mehrere Wochen.

Originalveröffentlichung:

Benedict J. Reynwar, Gregoria Illya, Vagelis A. Harmandaris, Martin M. Müller, Kurt Kremer und Markus Deserno

Aggregation and Vesiculation of membrane proteins by curvature mediated interactionsAggregation and Vesiculation of membrane proteins by curvature mediated interactions. Nature, 24. Mai 2007

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Max-Planck-Institut Membran Protein Verformung Vesikel Zelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ionen gegen Herzrhythmusstörungen – Nicht-invasive Alternative zu Katheter-Eingriff
20.01.2017 | GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung GmbH

nachricht Leibwächter im Darm mit chemischer Waffe
20.01.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Innovatives Hochleistungsmaterial: Biofasern aus Florfliegenseide

Neuartige Biofasern aus einem Seidenprotein der Florfliege werden am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP gemeinsam mit der Firma AMSilk GmbH entwickelt. Die Forscher arbeiten daran, das Protein in großen Mengen biotechnologisch herzustellen. Als hochgradig biegesteife Faser soll das Material künftig zum Beispiel in Leichtbaukunststoffen für die Verkehrstechnik eingesetzt werden. Im Bereich Medizintechnik sind beispielsweise biokompatible Seidenbeschichtungen von Implantaten denkbar. Ein erstes Materialmuster präsentiert das Fraunhofer IAP auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vom 20.1. bis 29.1.2017 in Halle 4.2 am Stand 212.

Zum Schutz des Nachwuchses vor bodennahen Fressfeinden lagern Florfliegen ihre Eier auf der Unterseite von Blättern ab – auf der Spitze von stabilen seidenen...

Im Focus: Verkehrsstau im Nichts

Konstanzer Physiker verbuchen neue Erfolge bei der Vermessung des Quanten-Vakuums

An der Universität Konstanz ist ein weiterer bedeutender Schritt hin zu einem völlig neuen experimentellen Zugang zur Quantenphysik gelungen. Das Team um Prof....

Im Focus: Traffic jam in empty space

New success for Konstanz physicists in studying the quantum vacuum

An important step towards a completely new experimental access to quantum physics has been made at University of Konstanz. The team of scientists headed by...

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Mittelstand 4.0 – Mehrwerte durch Digitalisierung: Hintergründe, Beispiele, Lösungen

20.01.2017 | Veranstaltungen

Nachhaltige Wassernutzung in der Landwirtschaft Osteuropas und Zentralasiens

19.01.2017 | Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

21.500 Euro für eine grüne Zukunft – Unserer Umwelt zuliebe

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

innovations-report im Interview mit Rolf-Dieter Lafrenz, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Start ups Cargonexx

20.01.2017 | Unternehmensmeldung

Niederlande: Intelligente Lösungen für Bahn und Stahlindustrie werden gefördert

20.01.2017 | Förderungen Preise