Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

"Charakter-Gen" macht Meisen neugierig

02.05.2007
Max-Planck-Wissenschaftler weisen Zusammenhang zwischen Genvariante und Erkundungsverhalten bei Kohlmeisen nach

Der eine ist ängstlich, der andere mutig - solche Unterschiede in der Persönlichkeit können auch eine Frage der Gene sein. Doch solche "Charakter-Gene" lassen sich beim Menschen nur sehr schwer dingfest machen - zu viele Faktoren beeinflussen das Verhalten und sind entsprechend schwer zu kontrollieren. An Vögeln lässt es sich da schon besser forschen - auch sie haben unterschiedliche Persönlichkeiten. So konnte ein internationales Forscherteam an Kohlmeisen (Parus major) sozusagen ein "Neugier-Gen" nachweisen: das Gen (Drd4) trägt die Bauanleitung für einen Rezeptor, der im Gehirn Andockstelle für den Botenstoff Dopamin ist. Bei Vögeln mit einer bestimmten Variante dieses Dopamin-Rezeptor D4 Gens beobachteten die Wissenschaftler ein signifikant ausgeprägteres Erkundungsverhalten als bei ihren Artgenossen mit andere Formen des Gens (Proceedings of the Royal Society London B, 2. Mai 2007).


Besonders erkundigungsfreudige Vögel suchen innerhalb kurzer Zeit vier von fünf künstlichen "Bäumen" im Beobachtungsraum auf. Bild: Kees van Oers


Es gehört schon Mut dazu, sich einfach so neben einem rosaroten Panther an der Futterschale niederzulassen (links). Doch wer zu ängstlich ist (rechts), muss hungrig bleiben. Bild: Kees van Oers

Es gibt Hinweise darauf, dass bei Genen, die im Zusammenhang mit Neurotransmittern stehen, das Auftreten von Genvarianten (Polymorphismen) auch mit Persönlichkeitsunterschieden einhergeht. Eine Verbindung zwischen dem Drd4-Gen und der Eigenschaft Neugier galt aufgrund von Untersuchungen aus den vergangenen zehn Jahren als besonders vielversprechend. Zu Recht, wie die Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen gemeinsam mit ihren Kollegen vom neuseeländischen Cawthron Institute in Nelson und dem Netherlands Institute of Ecology in Heteren (NL) anhand von Versuchsreihen mit Kohlmeisen jetzt zeigen konnten.

Im Drd4-Gen dieser Vögel entdeckten sie 73 Polymorphismen, darunter 66 sogenannte Single Nucleotide Polymorphism (SNP) - hier ist nur ein einziger Nukleotidbaustein ausgetauscht. Eine Variante, SNP830, ist tatsächlich mit dem Erkundungsverhalten, also sprich mit Neugier assoziiert. Es zeigten sich nämlich deutliche Unterschiede zwischen zwei Kohlmeisenlinien, die die Forscher über vier Generationen nach dem Grad ihrer Neugier ausgewählt hatten. Als Maß diente den Forschern dabei das Erkundungsverhalten der Tiere (Early Exploratory Behaviour, EEB), sobald sie flügge geworden waren: In dem einen Verhaltenstest hielten die Biologen die Zeit fest, bis der Vogel den vierten von fünf "Bäumen" - in diesem Fall einfache Pflöcke mit gekreuzten Sitzstangen (Abb. 1) - im Beobachtungsraum aufgesucht hatte; in dem anderen testeten sie seine Reaktion auf zwei unbekannte Objekte, die an seiner Futterschale platziert wurden, u.a. eine Gummifigur von Paulchen Panther (Abb. 2).

Untersuchungen an freilebenden, unselektierten Vögeln bestätigten das Ergebnis: Auch hier fanden die Wissenschaftler eine signifikante Verknüpfung zwischen SNP830-Genotypen und den unterschiedlichen Ausprägungen von Neugier. "Die Persönlichkeit kann Einfluss darauf nehmen, wie Individuen vorhersagbare, aber auch zufällig auftretende Umweltänderungen bewältigen", erklärt Bart Kempenaers. "Wenn wir die ökologische und evolutionäre Bedeutung von Variationen in der Persönlichkeit bei natürlichen, frei lebenden Tierpopulationen besser verstehen wollen, müssen wir zunächst die molekulargenetischen Mechanismen begreifen, die dem zugrunde liegen." Die Forscher hoffen, dass sie anhand des verhaltensrelevanten Drd4-Polymorphismus mikroevolutionäre Veränderungen innerhalb von Populationen verfolgen können, bei denen ein unterschiedlicher Selektionsdruck auf die verschiedenen Persönlichkeitstypen wirkt.

Originalveröffentlichung:

Andrew E. Fidler, Kees van Oers, Piet J. Drent, Sylvia Kuhn, Jacob C. Mueller and Bart Kempenaers; Drd4 gene polymorphisms are associated with personality variation in a passerin bird; Proceedings of the Royal Society London B, 2. Mai 2007

Dr. Bernd Wirsing | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Erkundungsverhalten Gen Kohlmeise Polymorphism Vögel

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Proteine entdecken, zählen, katalogisieren
28.06.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Chemisches Profil von Ameisen passt sich bei Selektionsdruck rasch an
28.06.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Schnelles und umweltschonendes Laserstrukturieren von Werkzeugen zur Folienherstellung

Kosteneffizienz und hohe Produktivität ohne dabei die Umwelt zu belasten: Im EU-Projekt »PoLaRoll« entwickelt das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT aus Aachen gemeinsam mit dem Oberhausener Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheit- und Energietechnik UMSICHT und sechs Industriepartnern ein Modul zur direkten Laser-Mikrostrukturierung in einem Rolle-zu-Rolle-Verfahren. Ziel ist es, mit Hilfe dieses Systems eine siebartige Metallfolie als Demonstrator zu fertigen, die zum Sonnenschutz von Glasfassaden verwendet wird: Durch ihre besondere Geometrie wird die Sonneneinstrahlung reduziert, woraus sich ein verminderter Energieaufwand für Kühlung und Belüftung ergibt.

Das Fraunhofer IPT ist im Projekt »PoLaRoll« für die Prozessentwicklung der Laserstrukturierung sowie für die Mess- und Systemtechnik zuständig. Von den...

Im Focus: Das Auto lernt vorauszudenken

Ein neues Christian Doppler Labor an der TU Wien beschäftigt sich mit der Regelung und Überwachung von Antriebssystemen – mit Unterstützung des Wissenschaftsministeriums und von AVL List.

Wer ein Auto fährt, trifft ständig Entscheidungen: Man gibt Gas, bremst und dreht am Lenkrad. Doch zusätzlich muss auch das Fahrzeug selbst ununterbrochen...

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Willkommen an Bord!

28.06.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Fraunhofer-Forscher entwickeln Hochdrucksensoren für Extremtemperaturen

28.06.2017 | Energie und Elektrotechnik

Zeolith-Katalysatoren ebnen den Weg für dezentrale chemische Prozesse: Biosprit aus Abfällen

28.06.2017 | Verfahrenstechnologie