Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bayreuther populationsökologische Forschung: Hummeln leiden unter Inzucht

25.04.2007
Welchen Einfluss hat die Landnutzung auf die Häufigkeit von Hummelnestern und deren Fortpflanzungserfolg? Dieser Frage sind Populationsökologen aus Bayreuth und Halle nachgegangen.

Ihr Ergebnis lautet: Einige Hummelarten können von blühenden Kulturpflanzen, die massenhaft Nektar und Pollen anbieten wie z.B. Rapsfelder, stärker profitieren als bislang angenommen. Jedoch können Kulturpflanzen aufgrund ihrer kurzen Blütezeiten naturnahe Landnutzungsformen wie etwa Magerrasen oder Streuobstwiesen nicht ersetzen.

Bayreuth (UBT). Welchen Einfluss hat die Landnutzung auf die Häufigkeit von Hummelnestern und deren Fortpflanzungserfolg? Dieser Frage sind Populationsökologen aus Bayreuth und Halle nachgegangen. Ihr Ergebnis lautet: Einige Hummelarten können von blühenden Kulturpflanzen, die massenhaft Nektar und Pollen anbieten wie z.B. Rapsfelder, stärker profitieren als bislang angenommen. Jedoch können Kulturpflanzen aufgrund ihrer kurzen Blütezeiten naturnahe Landnutzungsformen wie etwa Magerrasen oder Streuobstwiesen nicht ersetzen.

Hummeln sind neben Honig- und anderen nicht staatenbildenden Wildbienen wichtige Bestäuber zahlreicher Kultur- und Wildpflanzenarten. Aufgrund ihrer Fähigkeit, bei kühleren Temperaturen zu fliegen, sichern sie den Fruchtansatz, wenn andere Bestäuber dazu nicht mehr in der Lage sind.

Das Bewusstsein für die große Bedeutung der Bestäubungsleistung von Hummeln wuchs in den letzten Jahrzehnten, insbesondere aufgrund der zurückgehenden Honigbienenhaltung und der negativen Auswirkungen einer intensivierten Landwirtschaft. Unter Wissenschaftlern und engagierten Naturschützern werden seit längerem die Auswirkungen einer drohenden Bestäubungskrise diskutiert, die sich negativ auf landwirtschaftliche Erträge und den Fortbestand von bienenbestäubten Pflanzenarten auswirken kann.

Da blütenreiche, naturnahe Lebensräume zunehmend aus den Agrarlandschaften verschwinden, sind Farina Herrmann, Dr. Catrin Westphal, Prof. Dr. Robin Moritz und Prof. Dr. Ingolf Steffan-Dewenter im Rahmen des EU-Projekts ALARM (www.alarm-project.ufz.de) der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die Landnutzung auf die Häufigkeit von Hummelnestern und deren Fortpflanzungserfolg hat. In der Umgebung von Göttingen (Südniedersachsen) wurden 13 Untersuchungsflächen ausgewählt, die sich in den Flächenanteilen von Rapsfeldern unterschieden. Im Zentrum der Untersuchungsflächen wurden Ackerhummeln (Bombus pascuorum) gefangen.

"Aus früheren Ergebnissen wissen wir, dass Hummeln von dem massenhaften Nektar- und Pollenangebot in blühenden Rapsfeldern profitieren. Sogar Monate nach der Rapsblüte konnten höhere Dichten von Hummeln in Landschaftsausschnitten mit zahlreichen Rapsfeldern festgestellt werden" erläutert Dr. Catrin Westphal (Universität Bayreuth). Jedoch blieb eine wichtige Frage bisher ungeklärt: Stammen die in Rapsanbaugebieten vermehrt auftretenden Hummeln aus größeren Kolonien oder ist eine erhöhte Anzahl von Nestern die Ursache?

Gewissheit sollte die Mikrosatellitenanalyse bringen, eine genetische Verwandtschaftsanalyse, wie sie auch bei Vaterschaftstests verwendet wird. Mit dieser Methode waren die Wissenschaftler in der Lage, die gefangenen Ackerhummeln den Nestern zuzuordnen, aus denen sie stammten.

Die Ergebnisse bestätigten vorherige Vermutungen: Der Anteil der Rapsanbaufläche zeigte keinen Einfluss auf die Anzahl der ermittelten Hummelnester. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Größe der Nester positiv vom Rapsangebot beeinflusst wird und die größere Anzahl an Nachkommen zu erhöhten Hummeldichten führt.

Prof. Dr. Ingolf Steffan-Dewenter (Universität Bayreuth), erklärt diesen Zusammengang folgendermaßen: "Den im Frühjahr erscheinenden Hummelköniginnen steht nur ein limitiertes Nahrungsangebot zur Verfügung und die Mortalität unter den jungen Hummelstaaten ist hoch. Nester mit Zugang zu lohnenden Massentrachten wie z.B. Raps erhalten eine effiziente Starthilfe, mit der sie die kritische Gründungsphase besser überstehen. In der Folge produzieren die geförderten Nester mehr Arbeiterinnen, die dann im Spätsommer beobachtet werden können".

Weiterhin konnten die Wissenschaftler zeigen, dass das Nahrungsangebot nicht der einzige Faktor ist, der den Reproduktionserfolg und damit auch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Hummelkolonien beeinflusst. Die genetischen Analysen offenbarten einen deutlichen Zusammenhang zwischen der genetischen Diversität und der Nestgröße. "Landschaften, in denen eine vermehrte Inzucht unter den Ackerhummeln gemessen wurde, haben kleinere Nester hervorgebracht", erklärt Diplom-Biologin Farina Herrmann (Universität Bayreuth), die die Untersuchungen im Rahmen ihrer Diplomarbeit durchgeführt hat. "Unklar bleibt jedoch, welche Faktoren für die großen genetischen Unterschiede zwischen den Hummelpopulationen verantwortlich sind". "Eine spannende Frage vor dem Hintergrund sinkender Artenvielfalt und Individuendichten von Hummeln in der Agrarlandschaft", findet Prof. Dr. Robin Moritz (Universität Halle).

Das Fazit der Untersuchung lautet, dass einige Hummelarten von Massentrachten stärker profitieren können als bislang angenommen. Massentrachten, wie beispielsweise Rapsfelder, sind aber kein Ersatz für extensiv genutzte, naturnahe Landnutzungsformen, wie etwa Magerrasen oder Streuobstwiesen, die ein kontinuierliches Nahrungsangebot für Hummeln und andere wichtige Bestäuber in der Agrarlandschaft zur Verfügung stellen und zudem Nist- und Überwinterungsplätze für Bienen und andere Insekten bieten.

Originalveröffentlichung
Herrmann, F., Westphal, C., Moritz, R. F. A. & Steffan-Dewenter, I. (2007). Genetic diversity and mass resources promote colony size and forager densities of a social bee (Bombus pascuorum) in agricultural landscapes. Molecular Ecology 16: 1167-1178. doi: 10.1111/j.1365-294X.2007.03226.x
Kontaktadressen
Farina Herrmann
Universität Bayreuth
Lehrstuhl für Tierökologie I
Telefon (0921) 55-2644
e-mail: farinaherrmann@web.de
Dr. Catrin Westphal
Universität Bayreuth
Lehrstuhl Tierökologie I
Telefon (0921) 55-2644
e-mail: catrin.westphal@uni-bayreuth.de

Jürgen Abel | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bayreuth.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut
20.10.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise