Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das große Krabbeln. Zoologen interessieren sich für die städtische Unterwelt und erforschen die Arbeit von Bodentieren

24.04.2007
Sobald es warm genug dafür ist, sind nicht nur wir Menschen in den Stadtparks auf den Beinen. Während wir joggen, sonnenbaden oder grillen, pulsiert auch unterhalb der Grasnarbe das Leben.

Die Biologin Silvia Pieper schätzt, dass pro Quadratmeter und bis ungefähr 20 Zentimeter Tiefe mehrere Zehntausend Bodentiere leben. Die einzelnen Bewohner sind für Bodenzoologen meist alte Bekannte. Aber "über das, was die Tiere speziell in Städten mit dem Boden machen, gab es bisher so gut wie keine Erkenntnisse", sagt Pieper. Gemeinsam mit Professor Gerd Weigmann, Leiter der Arbeitsgruppe Bodenzoologie und Ökologie an der Freien Universität Berlin, hat sie das Teilprojekt "Fauna" des Forschungsprogramms "Interurban" der Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Wasser- und Stoffdynamik urbaner Standorte bearbeitet.

Springschwänze, Asseln, Milben und Würmer zerkleinern und verdauen herabgefallene Blätter, durchmischen mit ihren Bewegungen den Boden und liefern Bakterien und Pilzen Nahrung. Diese Mikroorganismen schließen wiederum die organische Substanz so auf, dass sie von Pflanzenwurzeln aufgenommen werden kann. Doch Städte sind ein schwieriges Pflaster. Es landen mehr Luftschadstoffe auf dem Boden und die Wasserverteilung zwischen bebauten und offenen Flächen ist extrem unterschiedlich. Vor allem müssen sich die Bodentiere mit stark zergliederten Lebensräumen arrangieren, die durch unsere Freizeitaktivitäten, etwa in den Stadtparks, verdichtet sind. Den Wissenschaftlern ging es daher um die Frage, ob die Tiere unter urbanen Bedingungen überhaupt noch ihre ökologisch wichtigen Funktionen erfüllen können.

Sechs Jahre wurde die Arbeit der Bodentiere im Freiland und im Labor untersucht. Im Berliner Tiergarten wurde beobachtet, wie schnell die Streu besiedelt und dann abgebaut wird. Für die Versuche unter Laborbedingungen wurden in speziellen Behältern Miniökosysteme konstruiert, die es den am Interurban-Projekt beteiligten Arbeitsgruppen erlaubten, ihre Messungen vorzunehmen. In ihnen wurden die Prozesse des Tiergartenbodens sehr realistisch simuliert, inklusive Beregnung; die größeren von ihnen erhielten sogar eine Bepflanzung mit der Grassorte "Tiergartenmischung". Als Vergleichsboden dienten Proben aus den ehemaligen Rieselfeldern in Buch - ein extrem unwirtlicher Ort. Bis 1984 wurde hier mit Schadstoffen gesättigtes Abwasser verrieselt und nur einzelne Bodentiere wagten sich daran.

... mehr zu:
»Bodenfauna »Bodentier »Ökologie

"Wir waren wirklich überrascht, wie deutlich die Bodenfauna ihre städtischen Lebensräume beeinflusst", berichtet Silvia Pieper über die Ergebnisse der Studie. So wird die Streu in besiedelten Böden etwa doppelt so schnell abgebaut und allein 30 Prozent des Stickstoffumsatzes, wichtig für die Pflanzenernährung, gehen auf das Konto der Bodenfauna. Im Labor reichten bereits wenige Springschwänze, um die verfügbare Menge des Nährstoffs Kalzium in den Miniökosystemen um 40 Prozent zu erhöhen. Die Nährstoffe des Tiergartens werden durch die Aktivitäten von Springschwanz und Co. für alle Organismen gut erreichbar und Wasser bleibt über längere Zeit in der Erde. So können vorübergehende "Durststrecken" überbrückt werden. Insgesamt erhalten und fördern Bodentiere also die Fruchtbarkeit auch städtischer Böden. Für die Erholung des Menschen ist das zwar auf den ersten Blick unerheblich, doch auch Liegewiesen und Parks geht es mit einem intakten Bodenleben besser.

Von Matthias Manych

Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern:
Prof. Dr. Gerd Weigmann, Leiter der Arbeitsgruppe Bodenzoologie und Ökologie an der Freien Universität Berlin, Tel.: 030 / 838-53885, E-Mail: weigmann@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Bodenfauna Bodentier Ökologie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht In Hochleistungs-Mais sind mehr Gene aktiv
19.01.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Warum es für Pflanzen gut sein kann auf Sex zu verzichten
19.01.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie