Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Spinnen: Keuschheitsgürtel gegen "Kuckuckskinder"

05.03.2007
Dass weibliche Wespenspinnen zahlreiche Sexualkontakte haben, können ihre männlichen Artgenossen nicht verhindern. Wohl aber, dass aus diesen Tête-à-têtes mit den Rivalen Kinder hervorgehen: Die Spinnenmänner legen ihrer Partnerin bei der Begattung einfach einen Keuschheitsgürtel an.

Die Spitze ihres Genitals bricht nämlich beim Verkehr ab und verstopft die Geschlechtsöffnung der Spinnen-Dame. Biologen der Universitäten Bonn und Hamburg berichten über diesen verblüffenden Mechanismus in der Zeitschrift "Behavioral Ecology" (Band 18, Seite 174-181, 2007).

Hat ein Wespenspinnen-Mann eine potenzielle Partnerin entdeckt, bringt er sie in Stimmung, indem er an ihrem Netz rüttelt. Das Weibchen stützt sich daraufhin hochbeinig vom Netz ab; der sehr viel kleinere Spinnenmann kann nun unter ihren Körper kriechen. Der Rest funktioniert hydraulisch: Ein mit Spermien gefüllter Taster am Kopf des Männchens klappt aus und rastet beim Weibchen in die Geschlechtsöffnung ein - ähnlich wie ein Skischuh in die Bindung.

Das Weibchen setzt dem Zusammensein meist schon nach einigen Sekunden ein Ende: Sie attackiert ihren Liebhaber und tötet ihn, wenn er nicht rechtzeitig flieht. "Wenn sich das Männchen vom Weibchen löst, bricht in mehr als 80 Prozent der Fälle die Spitze seines Genitals ab", sagt die Bonner Privatdozentin Dr. Gabriele Uhl. "Die Spitze sitzt dann wie ein Korken in der Geschlechtsöffnung und verstopft sie."

Zusammen mit ihrer Kollegin Professor Dr. Jutta Schneider und dem Verhaltensbiologen Stefan Nessler (beide inzwischen Universität Hamburg) hat Uhl nach einem Grund für die Genitalverstümmlung gesucht. "Grundsätzlich gibt es zwei Hypothesen", erläutert sie. "Einerseits könnte das Abbrechen des Tasters dem Männchen dabei helfen, dem mordlustigen Weibchen zu entkommen. Andererseits könnte es sich um einen Mechanismus der Vaterschaftssicherung handeln, durch den weitere Kopulationen des Weibchens verhindert oder erschwert werden."

Genitalspitze als "Korken"

Selbst bei einem Quickie überträgt ein Männchen genug Spermien, um sämtliche Eier seiner Partnerin zu befruchten. Kommt danach aber noch ein Konkurrent zum Zuge, konkurrieren seine Samenzellen bei der Befruchtung mit denen seines Vorgängers. "Die abgebrochene Tasterspitze könnte wie ein Keuschheitsgürtel einen nachfolgenden Geschlechtsverkehr verhindern", erklärt Jutta Schneider. "Das erste Männchen würde so sicher stellen, dass alle Eizellen von ihm befruchtet werden und nicht von seinem Konkurrenten."

Stefan Nessler hat in seiner Diplomarbeit an der Uni Bonn genauer untersucht, welche der beiden Hypothesen zutrifft. Resultat: Ob die Tasterspitze abbrach oder nicht, hatte keine signifikante Auswirkung auf die Überlebenschance des Männchens - sehr wohl aber auf die Dauer einer nachfolgenden Paarung mit einem anderen Männchen: Bei blockierter Geschlechtsöffnung war schon nach 8 Sekunden Schluss; ansonsten kopulieren Spinnenmänner doppelt so lang. "Die Ergebnisse zeigen, dass die Blockade die Paarung zumindest erschwert", betont Nessler. "Nach ersten morphologischen Untersuchungen verschließt die abgesprochene Spitze die Öffnung zudem so sicher, dass ein Samentransport weitgehend ausgeschlossen sein dürfte."

Die Forscher konnten inzwischen zeigen, dass auch andere Wespenspinnenarten diesen "Verkorkungsmechanismus" kennen. Ihnen allen ist gemein, dass das Weibchen ihren Partner beim Geschlechtsverkehr zu töten versucht. "Wir vermuten, dass Genitalverstümmelung nur dann sinnvoll ist, wenn ohnehin kaum eine Chance auf eine weitere Kopulation besteht", erklärt Gabriele Uhl. "Die Männchen setzen dann alles auf eine Karte."

Uhls Diplomand Martin Busch ist momentan einer ganz anderen Strategie auf der Spur, Konkurrenten am Geschlechtsverkehr zu hindern: Die Zwergspinne produziert in ihrem Paarungsorgan ein zähflüssiges Sekret, dass sie den Spermien hinterher schießt. Dieser Schleimpfropf verschließt die die weibliche Genitalöffnung so effektiv, dass Rivalen nicht mehr kopulieren können. Egal ob Schleimpropf oder Tasterspitze - die Eiablage bleibt von dem "Keuschheitsgürtel" unbeeinflusst: "Dafür besitzen die Weibchen eine separate Öffnung", betont die Bonner Privatdozentin. "Bei Spinnenarten mit nur einer Öffnung für Kopulation und Eiablage gibt es derartige Verhütungsstrategien nicht."

Kontakt:
Privatdozentin Dr. Gabriele Uhl
Institut für Zoologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-5557
E-Mail: g.uhl@uni-bonn.de
Prof. Dr. Jutta M. Schneider
Leiterin der Arbeitsgruppe Verhaltensbiologie der Universität Hamburg
Telefon: 040/42838-3878
E-Mail: Jutta.Schneider@uni-hamburg.de
Stefan Nessler
Telefon: 040/42838-7894
E-Mail: Stefan.Nessler@web.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Geschlechtsöffnung Keuschheitsgürtel Männchen Weibchen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Designerviren stacheln Immunabwehr gegen Krebszellen an
26.05.2017 | Universität Basel

nachricht Wachstumsmechanismus der Pilze entschlüsselt
26.05.2017 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

Staphylococcus aureus ist aufgrund häufiger Resistenzen gegenüber vielen Antibiotika ein gefürchteter Erreger (MRSA) insbesondere bei Krankenhaus-Infektionen. Forscher des Paul-Ehrlich-Instituts haben immunologische Prozesse identifiziert, die eine erfolgreiche körpereigene, gegen den Erreger gerichtete Abwehr verhindern. Die Forscher konnten zeigen, dass sich durch Übertragung von Protein oder Boten-RNA (mRNA, messenger RNA) des Erregers auf Immunzellen die Immunantwort in Richtung einer aktiven Erregerabwehr verschieben lässt. Dies könnte für die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs bedeutsam sein. Darüber berichtet PLOS Pathogens in seiner Online-Ausgabe vom 25.05.2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) ist ein Bakterium, das bei weit über der Hälfte der Erwachsenen Haut und Schleimhäute besiedelt und dabei normalerweise keine...

Im Focus: Can the immune system be boosted against Staphylococcus aureus by delivery of messenger RNA?

Staphylococcus aureus is a feared pathogen (MRSA, multi-resistant S. aureus) due to frequent resistances against many antibiotics, especially in hospital infections. Researchers at the Paul-Ehrlich-Institut have identified immunological processes that prevent a successful immune response directed against the pathogenic agent. The delivery of bacterial proteins with RNA adjuvant or messenger RNA (mRNA) into immune cells allows the re-direction of the immune response towards an active defense against S. aureus. This could be of significant importance for the development of an effective vaccine. PLOS Pathogens has published these research results online on 25 May 2017.

Staphylococcus aureus (S. aureus) is a bacterium that colonizes by far more than half of the skin and the mucosa of adults, usually without causing infections....

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

DFG fördert 15 neue Sonderforschungsbereiche (SFB)

26.05.2017 | Förderungen Preise

Lässt sich mit Boten-RNA das Immunsystem gegen Staphylococcus aureus scharf schalten?

26.05.2017 | Biowissenschaften Chemie

Unglaublich formbar: Lesen lernen krempelt Gehirn selbst bei Erwachsenen tiefgreifend um

26.05.2017 | Gesellschaftswissenschaften