Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Parasitologie: Würmer treiben Krebse in den Selbstmord

13.02.2007
Biologen der Universität Bonn sind einem trickreichen Parasiten auf die Spur gekommen: Der Wurm befällt zunächst Flohkrebse, kann sich dort aber nur bis zum Larvenstadium entwickeln.

Die Larve programmiert ihren Wirt jedoch um: Der infizierte Krebs weicht räuberischen Fischen plötzlich nicht mehr aus, sondern schwimmt ihnen quasi ins Maul. Im Fisch entwickelt sich dann aus der Wurmlarve ein geschlechtsreifes Tier. Über ihre Beobachtungen berichten die Forscher im International Journal for Parasitology (Band 37, S. 61-65).

Der Wurm, der Flohkrebse in den Selbstmord treibt, hört auf den zungenbrecherischen Namen Pomphorhynchus laevis, abgekürzt P. laevis. Wie bei vielen anderen Parasiten vollzieht sich sein Leben in zwei Stadien: Die Larve benötigt für ihre Entwicklung den Bachflohkrebs. Nur in Fischen wie dem Flussbarsch kann sie aber zum geschlechtsreifen Wurm heranwachsen. Der Schmarotzer muss also den Wirt wechseln, will er sich vermehren. Die Kunst ist es, das möglichst effizient zu tun.

Dazu hat sich P. laevis einen gemeinen Trick einfallen lassen: Er programmiert den Flohkrebs so um, dass der sein Verhalten ändert. "Infizierte Bachflohkrebse gehen gefräßigen Fischen nicht mehr aus dem Weg, sondern schwimmen ihnen sogar entgegen", erklärt der Bonner Evolutionsbiologe Sebastian Baldauf. Resultat: Der Flussbarsch frisst den Krebs samt Wurmlarve, die Larve entwickelt sich zum erwachsenen Wurm, der Fisch scheidet mit seinem Kot Wurmeier ins Wasser aus, diese werden von Flohkrebsen gefressen. Damit schließt sich der Kreis.

Bachflohkrebse können sehen, verfügen aber auch über einen empfindlichen Geruchssinn. Um zu sehen, welchen dieser Sinne P. laevis umprogrammiert, haben sich Baldauf und seine Kollegen verschiedene Versuchsanordnungen einfallen lassen. Dazu setzten sie infizierte und gesunde Krebse auf den Grund eines Aquariums und spannten darüber ein feinmaschiges Netz. Das Becken oberhalb des Netzes trennten sie mit einer Wand in zwei Teile. "Wenn wir nun in eines dieser Teilbecken einen Flussbarsch setzten, schwammen die infizierten Krebse zu seiner Seite", sagt Sebastian Baldauf. "Die gesunden Tiere zogen sich dagegen in die andere Hälfte des Aquariums zurück."

Nun wiederholten die Forscher den Versuch. Statt den Barsch in eine Beckenhälfte zu setzen, gossen sie aber nur ein wenig Wasser hinzu, in dem sich der Fisch vorher aufgehalten hatte. Wieder beobachteten sie dasselbe Bild: Plötzlich mieden die gesunden Flohkrebse diese Hälfte. Die kranken Tiere fühlten sich von ihr dagegen magisch angezogen. "P. laevis scheint also die Verarbeitung der Geruchsreize in den Krebsen umzukehren", interpretiert Baldauf die Ergebnisse. "Der Sehsinn bleibt dagegen unbeeinflusst, wie wir in anderen Experimenten feststellen konnten." Möglicherweise verändert der Schmarotzer die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin, was die Signalverarbeitung im Krebs-Gehirn verändern könnte.

Parasiten, die auf einen Wirtswechsel angewiesen sind, haben dafür oft ausgefeilte Strategien entwickelt. Nicht immer ändern sie das Verhalten ihres Zwischenwirts. Manchmal sabotieren sie auch einfach seine Tarnung, so dass er schneller gefressen wird. "Ein schönes Beispiel liefert der Saugwurm, dessen Jungstadien sich in Bernsteinschnecken entwickeln", erklärt Sebastian Baldauf. Schließlich dringen die Saugwurmlarven in die Fühler der Schnecke ein und verwandeln sie in farbenfroh geringelte pulsierende Fortsätze. Endwirt ist in diesem Fall die Wasseramsel: Die sieht die auffälligen Fühler und frisst sie samt ihrem infektiösen Inhalt auf.

Kontakt:
Sebastian Baldauf
Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie der Uni Bonn
Telefon: 0228/73-5749
E-Mail: sbaldauf@evolution.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Flohkrebs Flussbarsch Larve Selbstmord Wurmlarve

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Antibiotikaresistente Erreger in Haushaltsgeräten
16.02.2018 | Hochschule Rhein-Waal

nachricht Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt
16.02.2018 | Stiftung Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig, Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

Erstmals ist es einem Forscherteam am Max-Planck-Institut (MPI) für Polymerforschung in Mainz gelungen, einen integrierten Schaltkreis (IC) aus einer monomolekularen Schicht eines Halbleiterpolymers herzustellen. Dies erfolgte in einem sogenannten Bottom-Up-Ansatz durch einen selbstanordnenden Aufbau.

In diesem selbstanordnenden Aufbauprozess ordnen sich die Halbleiterpolymere als geordnete monomolekulare Schicht in einem Transistor an. Transistoren sind...

Im Focus: Quantenbits per Licht übertragen

Physiker aus Princeton, Konstanz und Maryland koppeln Quantenbits und Licht

Der Quantencomputer rückt näher: Neue Forschungsergebnisse zeigen das Potenzial von Licht als Medium, um Informationen zwischen sogenannten Quantenbits...

Im Focus: Demonstration of a single molecule piezoelectric effect

Breakthrough provides a new concept of the design of molecular motors, sensors and electricity generators at nanoscale

Researchers from the Institute of Organic Chemistry and Biochemistry of the CAS (IOCB Prague), Institute of Physics of the CAS (IP CAS) and Palacký University...

Im Focus: Das VLT der ESO arbeitet erstmals wie ein 16-Meter-Teleskop

Erstes Licht für das ESPRESSO-Instrument mit allen vier Hauptteleskopen

Das ESPRESSO-Instrument am Very Large Telescope der ESO in Chile hat zum ersten Mal das kombinierte Licht aller vier 8,2-Meter-Hauptteleskope nutzbar gemacht....

Im Focus: Neuer Quantenspeicher behält Information über Stunden

Information in einem Quantensystem abzuspeichern ist schwer, sie geht meist rasch verloren. An der TU Wien erzielte man nun ultralange Speicherzeiten mit winzigen Diamanten.

Mit Quantenteilchen kann man Information speichern und manipulieren – das ist die Basis für viele vielversprechende Technologien, vom hochsensiblen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Auf der grünen Welle in die Zukunft des Mobilfunks

16.02.2018 | Veranstaltungen

Smart City: Interdisziplinäre Konferenz zu Solarenergie und Architektur

15.02.2018 | Veranstaltungen

Forschung für fruchtbare Böden / BonaRes-Konferenz 2018 versammelt internationale Bodenforscher

15.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Erste integrierte Schaltkreise (IC) aus Plastik

17.02.2018 | Energie und Elektrotechnik

Stammbaum der Tagfalter erstmalig umfassend neu aufgestellt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Strategien zur Behandlung chronischer Nierenleiden kommen aus der Tierwelt

16.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics