Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Buntbarsche: Inzucht ist gut für den Nachwuchs

06.02.2007
In fast allen menschlichen Kulturen ist Inzucht tabu. Nicht so bei manchen Buntbarschen: Lässt man ihnen die Wahl zwischen einem nicht verwandten Artgenossen und einem Familienmitglied, paaren sie sich weit häufiger mit Bruder oder Schwester.

Das haben Evolutionsbiologen der Universität Bonn in einer aktuellen Studie festgestellt (Current Biology, 6. Februar 2007). Die Forscher konnten keine Hinweise dafür finden, dass die Geschwisterliebe unter Buntbarschen beim Nachwuchs zu genetischen Komplikationen führt. Stattdessen arbeiten verwandte Eltern bei der Aufzucht der Kinder besser zusammen. Die Forscher vermuten, dass ihre Beobachtungen auch für andere Arten zutreffen könnten.

Die Bonner Biologen setzten geschlechtsreife Buntbarsch-Männchen in ein Aquarium mit zwei Weibchen und beobachteten, zwischen welchen beiden Tieren es zur Paarung kam. Bei der ersten potenziellen Partnerin handelte es sich um eine Schwester des Männchens, die andere war nicht mit ihm verwandt. In 17 von 23 Fällen kam es dabei zu einer inzestiösen Liaison. Nur sechsmal entschied sich das Männchen für das nicht verwandte Weibchen. "Es ist das erste Mal, dass eine solche Präferenz für einen eng verwandten Partner experimentell nachgewiesen wurde", erklärt Timo Thünken vom Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie. Dieses erstaunliche Ergebnis konnten die Forscher in verschiedenen weiteren Experimenten bestätigen.

Bis vor kurzem ging die weltweite Forschergemeinde davon aus, dass die Liebe unter Geschwistern überwiegend Nachteile mit sich bringt. Vor allem aus genetischer Sicht: Kinder erben von jedem Gen zwei Kopien, eine vom Vater und eine von der Mutter. Ist bei einem Elternteil eine Erbanlage mutiert, kann das der Partner in der Regel mit einer "gesunden" Kopie ausgleichen. Wenn die Eltern verwandt sind, erhöht sich aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass bei ihnen die selben Erbanlagen defekt sind. Entsprechend oft erbt der Nachwuchs zwei defekte Kopien. Zu beobachten ist dieser Effekt beispielsweise an der Gerinnungsstörung Hämophilie, die inzuchtbedingt vor allem Adelige traf und daher auch "Krankheit der Könige" genannt wird. Auch das Immunsystem scheint umso schlagkräftiger auf neue Herausforderungen reagieren zu können, je unterschiedlich die genetische Ausstattung der Eltern ist.

... mehr zu:
»Buntbarsche »Inzucht

Unter Geschwistern gibt's weniger Krach

"Andererseits sagen neue theoretische Arbeiten aber voraus, dass Inzucht den Sexualpartnern auch Vorteile bringen kann", betont Thünken. So müssen Buntbarsche nach dem Schlupf sehr gut auf ihre Jungen aufpassen, um sie vor Fressfeinden zu schützen. Beispielsweise eskortieren sie gemeinsam ihren Nachwuchs bei den ersten Ausflügen. Ein derart kooperatives Verhalten scheint aber unter Verwandten stärker ausgeprägt als unter Fremden: Die Zweier-Eskorte klappte unter den Geschwistern viel besser als bei nicht verwandten Partnern. Auch als Wache vor der Bruthöhle gingen die fremden Männchen häufiger stiften. Stattdessen attackierten sie nicht selten die eigene Partnerin: Doppelt so oft wie bei Geschwistern kam es hier zum Krach.

"Dazu kam, dass in unserer Studie Inzucht die Fitness der Nachkommen kaum zu beeinträchtigen schien", sagt Timo Thünken. Weder starb der Nachwuchs von Geschwistern schneller, noch blieb er kleiner oder schwächer. "Unsere Tiere stammen aus einem Bachlauf in Kamerun, wo nur eine einzige vergleichsweise kleine Population lebt", erklärt Thünken die Beobachtung. "Hier ist es wahrscheinlich über viele Generationen immer wieder zu Inzucht gekommen. Nachkommen mit gefährlichen Erbkrankheiten sind dann früh gestorben." Das genetische Material könnte also über Generationen hinweg gereinigt worden sein, so dass Inzucht für die untersuchten Buntbarsche heute kaum noch gefährliche Konsequenzen hat.

Kontakt:
Timo Thünken
Institut für Evolutionsbiologie und Ökologie der Universität Bonn
Telefon: 0228/73-5749
E-Mail: tthuenken@evolution.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: Buntbarsche Inzucht

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zebras: Immer der Erinnerung nach
24.05.2017 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

nachricht Wichtiges Regulator-Gen für die Bildung der Herzklappen entdeckt
24.05.2017 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Orientierungslauf im Mikrokosmos

Physiker der Universität Würzburg können auf Knopfdruck einzelne Lichtteilchen erzeugen, die einander ähneln wie ein Ei dem anderen. Zwei neue Studien zeigen nun, welches Potenzial diese Methode hat.

Der Quantencomputer beflügelt seit Jahrzehnten die Phantasie der Wissenschaftler: Er beruht auf grundlegend anderen Phänomenen als ein herkömmlicher Rechner....

Im Focus: A quantum walk of photons

Physicists from the University of Würzburg are capable of generating identical looking single light particles at the push of a button. Two new studies now demonstrate the potential this method holds.

The quantum computer has fuelled the imagination of scientists for decades: It is based on fundamentally different phenomena than a conventional computer....

Im Focus: Tumult im trägen Elektronen-Dasein

Ein internationales Team von Physikern hat erstmals das Streuverhalten von Elektronen in einem nichtleitenden Material direkt beobachtet. Ihre Erkenntnisse könnten der Strahlungsmedizin zu Gute kommen.

Elektronen in nichtleitenden Materialien könnte man Trägheit nachsagen. In der Regel bleiben sie an ihren Plätzen, tief im Inneren eines solchen Atomverbunds....

Im Focus: Turmoil in sluggish electrons’ existence

An international team of physicists has monitored the scattering behaviour of electrons in a non-conducting material in real-time. Their insights could be beneficial for radiotherapy.

We can refer to electrons in non-conducting materials as ‘sluggish’. Typically, they remain fixed in a location, deep inside an atomic composite. It is hence...

Im Focus: Hauchdünne magnetische Materialien für zukünftige Quantentechnologien entwickelt

Zweidimensionale magnetische Strukturen gelten als vielversprechendes Material für neuartige Datenspeicher, da sich die magnetischen Eigenschaften einzelner Molekülen untersuchen und verändern lassen. Forscher haben nun erstmals einen hauchdünnen Ferrimagneten hergestellt, bei dem sich Moleküle mit verschiedenen magnetischen Zentren auf einer Goldfläche selbst zu einem Schachbrettmuster anordnen. Dies berichten Wissenschaftler des Swiss Nanoscience Institutes der Universität Basel und des Paul Scherrer Institutes in der Wissenschaftszeitschrift «Nature Communications».

Ferrimagneten besitzen zwei magnetische Zentren, deren Magnetismus verschieden stark ist und in entgegengesetzte Richtungen zeigt. Zweidimensionale, quasi...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Meeresschutz im Fokus: Das IASS auf der UN-Ozean-Konferenz in New York vom 5.-9. Juni

24.05.2017 | Veranstaltungen

Diabetes Kongress in Hamburg beginnt heute: Rund 6000 Teilnehmer werden erwartet

24.05.2017 | Veranstaltungen

Wissensbuffet: „All you can eat – and learn”

24.05.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochspannung für den Teilchenbeschleuniger der Zukunft

24.05.2017 | Physik Astronomie

3D-Graphen: Experiment an BESSY II zeigt, dass optische Eigenschaften einstellbar sind

24.05.2017 | Physik Astronomie

Optisches Messverfahren für Zellanalysen in Echtzeit - Ulmer Physiker auf der Messe "Sensor+Test"

24.05.2017 | Messenachrichten