Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Insekten und Pflanzen: Wer mit wem?

02.02.2007
Paradiesisch, so eine Blumenwiese im Frühling. Den Ökologen allerdings bereitet dieses Idyll eher Kopfzerbrechen: Heerscharen von Tieren und jede Menge Pflanzenarten verbinden sich auf der Wiese zu einem schwer durchschaubaren Beziehungsgeflecht. Wissenschaftler vom Biozentrum der Uni Würzburg haben nun eine Methode entwickelt, mit der sich solche Insekten-Pflanzen-Netzwerke analysieren lassen.

Was das Besondere an dem neuen Verfahren ist, erläutert Nico Blüthgen vom Lehrstuhl für Tierökologie und Tropenbiologie mit einem Vergleich zum Verkehrsnetz: "Bislang wurde nur beachtet, welche Städte durch Straßen miteinander verbunden sind. Wir können nun aber auch berücksichtigen, wie viele Spuren die Straßen haben und wie dicht der Verkehr ist."

Mit Städten meint er einzelne Insekten und Pflanzen, mit Straßen die Beziehungen zwischen den Wiesenbewohnern. Klassisches Beispiel: Besucht eine Biene eine Blüte, bekommt sie dort Futter und sorgt im Gegenzug für die Bestäubung. Die Würzburger Forscher interessieren sich nur für Beziehungen, von denen beide Seiten etwas haben. Denn sie wollen wissen: Wie stark sind die unterschiedlichen Lebewesen aufeinander angewiesen? Wie hoch ist der Spezialisierungsgrad und wie reagiert das Netzwerk auf Einflüsse von außen?

Erst einmal haben sie ihre Analysemethode auf bekannte Daten von verschiedenen Lebensräumen wie Regenwald, Savannen, Bergregionen oder Wiesen angewendet. Dabei zeigte sich: Den geringsten Grad an Spezialisierung gibt es bei der Samenverbreitung. An dieser sind in der Regel alle möglichen Vögel und Säugetiere beteiligt; sie fressen die Pflanzenfrüchte und scheiden die Samen wieder aus. Deren Verbreitung funktioniert umso effektiver, je mehr Helfer daran mitwirken. Darum ist hier ein niedriger Spezialisierungsgrad sinnvoll.

... mehr zu:
»Ameise »Biosphärenreservat »Insekt »Wiese

Wie die Wissenschaftler in der Titelstory der Zeitschrift "Current Biology" weiter berichten, ist die Bestäubung dagegen viel stärker spezialisiert. Blüten werden nur von einigen wenigen Tierarten besucht. Auch das macht Sinn, denn so werden die Pollen viel zielstrebiger zu anderen Blüten derselben Art getragen und nicht an Fremdlinge verschwendet.

Die stärkste Spezialisierung überhaupt fanden die Forscher in den Tropen: Dort leben Ameisen der Gattung Crematogaster eng mit bestimmten Bäumen der Gattung Macaranga zusammen. Die Bäume bieten den Ameisen Lebensraum in Wohnhöhlen und oft auch spezielle Futterplätze. Im Gegenzug bekommen sie eine ganze Armee von Leibwächtern. Die Ameisen vertreiben nämlich alle hungrigen Mäuler, die an den Bäumen fressen wollen.

"Solche Analysen sind für das grundlegende Verständnis von Ökosystemen und ihrer Gefährdung sehr wichtig", sagt Blüthgen. Wenn zum Beispiel eine Glockenblumen-Art aus dem Netzwerk Wiese verschwindet - bedeutet das dann eine starke Störung? Oder weichen die von ihrem Pflanzenpartner im Stich gelassenen Insekten einfach auf andere Arten aus?

Als nächstes wollen die Forscher ihr Verfahren auf Grasland und Wälder anwenden, die unterschiedlich stark vom Menschen genutzt werden, also unterschiedlich stark gestört sind. So hoffen sie herauszufinden, welchen Einfluss das Ausmaß der Nutzung auf die Tier-Pflanzen-Netzwerke hat.

Dieses Vorhaben ist Teil eines Projektes, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in den kommenden drei Jahren mit acht Millionen Euro fördert. Beteiligt sind die Würzburger Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Karl Eduard Linsenmair, außerdem Forscher von den Universitäten Jena, Ulm und Potsdam sowie vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Die Federführung liegt bei den Potsdamern.

Die Wissenschaftler konzentrieren sich bei dem Projekt auf drei klimatisch sehr unterschiedliche Gebiete: das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin nördlich von Berlin, den Nationalpark Hainich in Thüringen und das designierte Biosphärenreservat Schwäbische Alb in Baden-Württemberg. In allen drei Gebieten sammeln die Würzburger Doktoranden Michael Werner und Christiane Weiner ab diesem Frühling jede Menge Daten: Wie wird das Land genutzt, welche Pflanzen und Tiere leben dort? Wie ist das Klima, wie fruchtbar der Boden - das sind nur ein paar davon. Gesammelt wird wiederholt über alle Jahreszeiten hinweg. Später soll experimentell untersucht werden, wie sich menschliche Eingriffe auswirken. Mit ersten Ergebnissen rechnen die Wissenschaftler im Sommer 2008. Dann sollte das komplexe Geschehen in Wäldern und auf Wiesen schon leichter zu durchschauen sein.

"Specialization, Constraints, and Conflicting Interests in Mutualistic Networks", Nico Blüthgen, Florian Menzel, Thomas Hovestadt, Brigitte Fiala und Nils Blüthgen, Current Biology. Online vorab publiziert am 1. Februar 2007, DOI 10.1016/j.cub.2006.12.039

Weitere Informationen: Dr. Nico Blüthgen, T (0931) 888-4370, bluethgen@biozentrum.uni-wuerzburg.de, Internet: www.biozentrum.uni-wuerzburg.de/2214.html

Robert Emmerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wuerzburg.de

Weitere Berichte zu: Ameise Biosphärenreservat Insekt Wiese

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Darmflora beeinflusst das Altern
21.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten