Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sensationeller Züchtungserfolg

24.01.2007
Weltweit erstes Nashornkalb nach künstlicher Befruchtung geboren. Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung haben das Verfahren entwickelt.

Das weltweit erste Nashornkalb, das durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde, ist nach 16-monatiger Trächtigkeit im Budapester Zoo zur Welt gekommen. Die Geburt am 23. Januar gegen 18 Uhr verlief ohne Komplikationen. Das kleine Nashornkalb wiegt 58 Kilo und ist ein Weibchen. Es kam nach rund 500 Tagen Tragezeit zur Welt.

Die Besamung war im September 2005 von Reproduktionsexperten des Berliner Leibniz- Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) durchgeführt worden, nachdem die Nashornmutter Lulu nur vier Wochen zuvor ein totes Kalb zur Welt gebracht hatte (vergleiche Pressemitteilung:

http://www.fv-berlin.de/pm_archiv/2005/38-lulubaby.html).

Lulu war bereits im Jahr 2004 erstmals erfolgreich mit einer speziell für das Nashorn entwickelten Methode künstlich besamt worden. Drei Wissenschaftler des IZW, Thomas Hildebrandt, Frank Göritz und Robert Hermes, hatten das Verfahren zur künstlichen Befruchtung beim Nashorn entwickelt. Das Fachjournal "Science" zeigte damals ein 3D- Ultraschallbild des ersten künstlich erzeugten Nashornbabys im Mutterleib. Nach normaler Trächtigkeit wurde dieses Nashornbaby leider nur tot geboren.

„Wir haben uns von der großen Enttäuschung nach der Totgeburt nicht entmutigen lassen“, sagte IZW-Veterinär Dr. Robert Hermes, „und haben sofort an eine erneute Besamung gedacht.“ Trotz Totgeburt hatte die schon 25 Jahre alte Lulu durch ihre erste Trächtigkeit bewiesen, dass sie noch fruchtbar ist. Besonders die verantwortlichen Zootierärzte in Budapest, Dr. Endre Sós und Dr. Victor Molnár, die sich intensiv auf diese zweite Geburt vorbereitet hatten, um bei Geburtskomplikationen notfalls schnell eingreifen zu können, sind glücklich und erleichtert über das kleine Kalb.

Der jetzige Erfolg des IZW-Teams um Dr. Thomas Hildebrandt gelang nur durch enge Zusammenarbeit mit Tierärzten verschiedener europäischer Institutionen und Ingenieuren. Hormonspezialist Prof. Franz Schwarzenberger und Wildtieranästhesist Dr. Chris Walzer von der Veterinärmedizinischen Universität Wien, die Chirurgiemechanikfirma A. Schnorrenberg aus Berlin und die Medizintechnikfirma General Electric (GE) leisteten einen wesentlichen Beitrag zu diesem entscheidenden Durchbruch nach siebenjähriger Forschungsarbeit.

Die Forscher hoffen, die künstliche Besamung nun auch bei Nördlichen Breitmaulnashörnern (Ceratotherium simum cottoni) einsetzen zu können, einer der seltensten Tierarten auf unserer Erde. Von dieser Breitmaulnashorn-Unterart gibt es noch 4 Exemplare in freier Wildbahn und lediglich 5 zuchtfähige Tiere in Menschenhand. Der Einsatz der künstlichen Besamung könnte helfen, das Überleben dieser hoch bedrohten Tiere in menschlicher Obhut zu sichern.

Ansprechpartner am IZW:
Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor: 030 / 5168-100
Steven Seet (Öffentlichkeitsarbeit): 030 / 5168-108
Hintergrund-Informationen
Kranke Geschlechtsorgane
Im Gegensatz zu anderen Rhinozerosarten pflanzen sich Breitmaulnashörner - Nördliche ebenso wie Südliche - in Gefangenschaft kaum fort. Auch Lulu war nie gedeckt worden, obwohl sie seit vielen Jahren mit dem Vater des ungeborenen Babys zusammenlebte. "Wir vermuten, dass die beiden wie Bruder und Schwester aufgewachsen sind, obwohl sie nicht verwandt sind", sagt Dr. Robert Hermes vom IZW. Als er und seine Kollegen Lulu vor der ersten Besamung untersuchten, stellten sie fest, dass ihr Jungfernhäutchen noch intakt war. Die Paarungsunlust hat für die Geschlechtsorgane der weiblichen Tiere gravierende Folgen. Werden die Tiere nicht schwanger, so degeneriert die Gebärmutter, es bilden sich Zysten und Tumoren, und am Ende setzt die Menopause viele Jahre früher ein als normal. Für Lulu blieb nach einer anfänglichen gynäkologischen Untersuchung schätzungsweise nur noch ein Zeitraum von drei bis vier Jahren, bis die so genannte biologische Uhr abgelaufen wäre. Dies ist bereits bei vier der sechs weiblichen Nördlichen Breitmaulnashörnern in Gefangenschaft der Fall. "Da ist nichts mehr zu machen", sagt Hermes, "diese Kühe sind für die Arterhaltung verloren".

Alle Hoffnungen ruhen daher auf zwei noch fruchtbaren Kühen im Zoo von Dvur Kralové (Tschechien). Im Jahre 2000 wurde dort das letzte Jungtier auf natürlichem Wege geboren. Doch seither gab es keine Trächtigkeit mehr. So droht diesen beiden Nashorndamen dasselbe Schicksal wie den fünf Artgenossinnen in Gefangenschaft - außer, es gelingt eine künstliche Besamung wie bei Lulu.

Ist noch Rettung möglich?

Lulu ist zwar auch ein Breitmaulnashorn, gehört aber zur südlichen Unterart (Ceratotherium simum simum). Deren Population in Südafrika und angrenzenden Ländern ist mittlerweile wieder stabil. Die Gesamtzahl der Südlichen Breitmaulnashörner wird auf 12.000 geschätzt. Ist es da angesichts der bloß noch 9 überlebenden und fruchtbaren Nördlichen Breitmaulnashörner nicht aussichtslos, für den Arterhalt zu kämpfen? "Nein", sagt Hermes, "denn auch die Südlichen Breitmaulnashörner standen einmal kurz vor dem Aussterben." Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es davon schätzungsweise nur mehr hundert Tiere. Jetzt sind es mehr als hundertmal so viele.

Vor diesem Hintergrund kann das in Berlin entwickelte Verfahren vielleicht noch einen Beitrag zur Rettung für die Nördlichen Breitmaulnashörner leisten. Der Erfolg in Budapest bringt auch Hoffnung für extrem bedrohte asiatische Nashornarten, deren Fortpflanzung in Gefangenschaft auch wenig erfolgreich ist.

Bevor es zu den beiden Schwangerschaften von Lulu kam, mussten zahlreiche Schwierigkeiten überwunden werden. Herkömmliches Besamungsbesteck, wie es routinemäßig bei vielen Großtierarten eingesetzt wird, erwies sich als nutzlos. Denn der Genitaltrakt von Nashörnern ist extrem lang, rund eineinhalb Meter. Hinzu kommt, dass der Gebärmutterhals sehr derb und stark gefaltet ist. Außerdem sind Nashörner gefährlich. Alle Untersuchungen zur Fruchtbarkeit (Ultraschallaufnahmen) müssen daher unter Narkose gemacht werden. Erst die Entwicklung eines spezifischen Narkoseprotokolls von Dr. Walzer von der Universität Wien ermöglichte die erforderlichen Untersuchungen und schließlich die Besamung. Die verwendeten Narkosemittel sind 5000-fach wirksamer als vergleichbare Narkotika in der Humanmedizin.

"Das geht nur mit einem Team aus erfahrenen Spezialisten", betont Hermes und hebt die Rolle seiner Kollegen aus Wien (Prof. Franz Schwarzenberger, Hormonanalyse Dr. Chris Walzer, Anästhesie) sowie die Kooperation mit der Chirurgiemechanikfirma A. Schnorrenberg und der Medizintechnikfirma General Electric hervor.

Zusätzlich zu den veröffentlichten Bildern liegt weiteres umfangreiches Material vor (patentiertes Besamungsbesteck, Porträts der Nashornkuh). Bildanfragen können an die Pressestelle des IZW (seet@izw-berlin.de) oder des Forschungsverbundes Berlin (zens@fv- berlin.de) gerichtet werden. Eine 3D-Visualisierung des Nashornbabys kann das IZW zur Verfügung stellen (honorarpflichtig).

Das IZW forscht in den Bereichen Evolutionsbiologie und -ökologie, Wildtiermedizin sowie Reproduktionsbiologie. Die Experten untersuchen Säugetiere und Vögel in ihren Wechselbeziehungen mit Mensch und biotischer wie abiotischer Umwelt (Biotop, Nahrung, Krankheitserreger und Beutegreifer). Hauptziel ist die Erforschung der Anpassungsleistungen und -grenzen größerer Wildtiere und ihrer Rolle in naturnahen und kulturnahen Ökosystemen. Schwerpunktregionen sind Mitteleuropa, Ostasien, Ost- und südliches Afrika. Das Institut legt besonderen Wert auf die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Biologen und Veterinärmedizinern und setzt seine Forschungsziele durch Kooperationsprojekte mit Schutzgebieten und Zoos in Europa, Afrika und Nordamerika um. Das IZW gehört zum Forschungsverbund Berlin. Es hat knapp hundert Mitarbeiter und einen Etat von mehr als vier Millionen Euro.

Das IZW im Netz: http://www.izw-berlin.de

Der Forschungsverbund Berlin e.V. (FVB) ist Träger von acht natur-, lebens- und umweltwissenschaftlichen Forschungsinstituten in Berlin, die alle wissenschaftlich eigenständig sind, aber im Rahmen einer einheitlichen Rechtspersönlichkeit gemeinsame Interessen wahrnehmen. Alle Institute des FVB gehören zur Leibniz-Gemeinschaft. Der FVB im Netz: www.fv-berlin.de.

Josef Zens | Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen:
http://www.fv-berlin.de
http://www.izw-berlin.de

Weitere Berichte zu: Besamung Breitmaulnashörner IZW Trächtigkeit Zoo

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Multifunktionaler Mikroschwimmer transportiert Fracht und zerstört sich selbst
26.04.2018 | Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme

nachricht Der lange Irrweg der ADP Ribosylierung
26.04.2018 | Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Why we need erasable MRI scans

New technology could allow an MRI contrast agent to 'blink off,' helping doctors diagnose disease

Magnetic resonance imaging, or MRI, is a widely used medical tool for taking pictures of the insides of our body. One way to make MRI scans easier to read is...

Im Focus: Fraunhofer ISE und teamtechnik bringen leitfähiges Kleben für Siliciumsolarzellen zu Industriereife

Das Kleben der Zellverbinder von Hocheffizienz-Solarzellen im industriellen Maßstab ist laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE und dem Anlagenhersteller teamtechnik marktreif. Als Ergebnis des gemeinsamen Forschungsprojekts »KleVer« ist die Klebetechnologie inzwischen so weit ausgereift, dass sie als alternative Verschaltungstechnologie zum weit verbreiteten Weichlöten angewendet werden kann. Durch die im Vergleich zum Löten wesentlich niedrigeren Prozesstemperaturen können vor allem temperatursensitive Hocheffizienzzellen schonend und materialsparend verschaltet werden.

Dabei ist der Durchsatz in der industriellen Produktion nur geringfügig niedriger als beim Verlöten der Zellen. Die Zuverlässigkeit der Klebeverbindung wurde...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: Innovatives 3D-Druckverfahren für die Raumfahrt

Auf der Hannover Messe 2018 präsentiert die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), wie Astronauten in Zukunft Werkzeug oder Ersatzteile per 3D-Druck in der Schwerelosigkeit selbst herstellen können. So können Gewicht und damit auch Transportkosten für Weltraummissionen deutlich reduziert werden. Besucherinnen und Besucher können das innovative additive Fertigungsverfahren auf der Messe live erleben.

Pulverbasierte additive Fertigung unter Schwerelosigkeit heißt das Projekt, bei dem ein Bauteil durch Aufbringen von Pulverschichten und selektivem...

Im Focus: BAM@Hannover Messe: innovative 3D printing method for space flight

At the Hannover Messe 2018, the Bundesanstalt für Materialforschung und-prüfung (BAM) will show how, in the future, astronauts could produce their own tools or spare parts in zero gravity using 3D printing. This will reduce, weight and transport costs for space missions. Visitors can experience the innovative additive manufacturing process live at the fair.

Powder-based additive manufacturing in zero gravity is the name of the project in which a component is produced by applying metallic powder layers and then...

Im Focus: IWS-Ingenieure formen moderne Alu-Bauteile für zukünftige Flugzeuge

Mit Unterdruck zum Leichtbau-Flugzeug

Ingenieure des Fraunhofer-Instituts für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) in Dresden haben in Kooperation mit Industriepartnern ein innovatives Verfahren...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Konferenz »Encoding Cultures. Leben mit intelligenten Maschinen« | 27. & 28.04.2018 ZKM | Karlsruhe

26.04.2018 | Veranstaltungen

Konferenz zur Marktentwicklung von Gigabitnetzen in Deutschland

26.04.2018 | Veranstaltungen

infernum-Tag 2018: Digitalisierung und Nachhaltigkeit

24.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Weltrekord an der Uni Paderborn: Optische Datenübertragung mit 128 Gigabits pro Sekunde

26.04.2018 | Informationstechnologie

Multifunktionaler Mikroschwimmer transportiert Fracht und zerstört sich selbst

26.04.2018 | Biowissenschaften Chemie

Berner Mars-Kamera liefert erste farbige Bilder vom Mars

26.04.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics