Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hirntumore aushungern - erste klinische Versuche in den USA und Deutschland

08.12.2006
Glioblastome sind die häufigsten und bösartigsten Hirntumore. Sie gehören zu den Tumoren des Menschen, die am besten durchblutet sind, weshalb diese Hirntumore sehr schnell wachsen und meist innerhalb weniger Monate zum Tod des Betroffenen führen.

In klinischen Studien in den USA sowie in Deutschland versuchen Ärzte deshalb das Blutgefäßwachstum mit unterschiedlichen Ansätzen zu hemmen und damit die Hirntumore auszuhungern. Auf einer Tagung des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und des Helios Klinikums Berlin-Buch über Hirntumore berichtete Prof. Peter Vajkoczy vom Universitätsklinikum Mannheim der Universität Heidelberg über eine klinische Pilotstudie, bei der Patienten statt einer hochdosierten, in Intervallen verabreichten Chemotherapie, kontinuierlich über Wochen hinweg ein niedrigdosiertes Krebsmedikament in Kombination mit einem Entzündungshemmer erhielten.

"Von den 30 Glioblastompatienten, die in die Studie eingeschlossen waren, betrug die mittlere Überlebenszeit bei sehr guter Verträglichkeit 17 Monate, was günstig im Vergleich mit herkömmlichen Therapien ist", sagte Prof. Vajkoczy.

Die Ausbildung neuer Blutgefäße, Angiogenese genannt, spielt eine wichtige Rolle für das Krebswachstum, da Tumore über die Blutbahn Nährstoffe und Sauerstoff beziehen. Damit sie nicht verhungern, senden die Tumorzellen Signale in Form von Botenstoffen an die umliegenden Blutgefäße. Sie lösen so die Bildung neuer Blutgefäße aus, die zu ihnen hin wachsen und an die die Krebszellen binden können. Mehr als 25 solcher Botenstoffe sind bis heute bekannt. Einer der wichtigsten ist der Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor), der als der zentrale Faktor gilt, der Gefäße neu wachsen lässt.

Um den Tumor am Wachstum zu hindern, arbeiten Grundlagenforscher und Kliniker daran, die Faktoren, beziehungsweise ihre Bildung zu blockieren. Die Idee der Anti-Angiogenese ist nicht neu. Prof. Judah Folkman stellte sie bereits vor 30 Jahren in den USA vor. Doch erst Anfang 2006 wurde in den USA ein Medikament zugelassen, das auf diesem Prinzip basiert und Nierenzellkrebs und einem seltenen Magen-Darm-Krebs (GIST) die Blutzufuhr abschneidet.

Seit kurzem wird dieses Prinzip als mögliche Therapie auch beim Glioblastom vor allem in den USA und auch in Deutschland getestet. Glioblastome entstehen aus den Gliazellen des Gehirns. Sie sind die häufigsten und aggressivsten Gehirntumoren. Gleichzeitig zählen sie nach Aussage von Prof. Vajkoczy zu den am besten durchbluteten Tumoren des Menschen. Da Glioblastome geradezu einen Wachstumsschub durchmachen, nachdem sie sich an das Blutgefäßsystem angebunden haben, messen die Forscher der Anti-Angiogenese eine besondere Bedeutung für die Therapie dieser Hirntumore bei.

Doch die Mechanismen der Gefäßneubildung sind kompliziert und noch nicht vollständig verstanden. Prof. Vajkoczy verfolgt deshalb einen indirekten Ansatz, um Anti-Angiogenese bei Glioblastomen auszulösen. "Es hat sich gezeigt", so Prof. Vajkoczy, "dass einige Medikamente, die für die konventionelle Chemotherapie eingesetzt werden, eine anti-angiogene Wirkung haben." Dazu gehört das Krebsmedikament Temozolomid. Er kombiniert dieses Medikament mit einem Entzündungshemmer, der ebenfalls das Blutgefäßwachstum blockieren kann.

In einer Pilotstudie in Mannheim mit 30 Glioblastom-Patienten haben er und seine Mitarbeiter diesen Vorteil zu nutzen versucht. Die Ergebnisse der Studie, die 2002 begann und 2005 endete, sind erst zum Teil veröffentlicht.? Wie Prof. Vajkoczy in Berlin berichtete, teilten sie die Patienten in Versuchsgruppen auf, die über einen Zeitraum von bis zu 22 Monaten bis zu zweimal am Tag, niedrig dosiertes Temozolomid erhielten. Mit dieser gleichmäßigen, metronomen, Chemotherapie wollen die Mediziner eine Schwachstelle der herkömmlichen Tumortherapie vermeiden. Normalerweise erhalten Patienten hohe Dosen dieser Zellgifte (Cytostatika) für einen bestimmten Zeitraum, auf den eine Erholungsphase folgt. In der Chemotherapie-freien Zeit kann sich jedoch auch der Tumor wieder erholen und neues Blutgefäßwachstum auslösen. Bei der metronomen, niedrigdosierten Chemotherapie hingegen, die die Ärzte über Wochen hinweg verabreichen, wollen sie ausschließen, dass sich neue Blutgefässe bilden können.

Zugleich kombinierten die Mannheimer Kliniker das Cytostatikum mit dem entzündungshemmenden Stoff Rofexocib, einem Medikament, das im Herbst 2004 in anderem Zusammenhang vom Markt genommen wurde, und das sie durch den Entzündungshemmer Celebrex ersetzten. Beide Entzündungshemmer wirken auch anti-angiogen, da sie die vermehrte Bildung des Wachstumsfaktors VEGF in Tumorzellen hemmen. Sie blockieren ein Enzym, die Cyclooxigenase-2, kurz COX-2. Dieses Enzym ist vor allem in Glioblastomen in großen Mengen nachweisbar.

"Dieser kombinierte Ansatz ist sicher und hat nur geringe Nebenwirkungen bei guter Lebensqualität der Patienten", berichtete Prof. Vajkoczy in Berlin. Die mittlere Überlebenszeit betrug 17 Monate, und für Patienten, bei denen die Angiogenese überduchschnittlich stark aktiviert war, sogar bis zu 22 Monate, was im Vergleich mit herkömmlichen Therapieformen sehr günstig ist", sagte er. Prof. Vajkoczy betonte, es seien allerdings weitere Untersuchungen erforderlich, um die Wirkmechanismen und mögliche Resistenzstrategien der Tumore gegenüber dieser neuen Therapieform besser zu verstehen und sie somit unter Umständen optimieren zu können.

Continuous low-dose chemotherapy plus inhibition of cyclooxygenase-2 as an antiangiogenic therapy of glioblastoma multiforme

Jochen Tuettenberg1, Rainer Grobholz2, Tobias Korn1, Frederik Wenz3, Ralf Erber1, Peter Vajkoczy1

1, Department of Neurosurgery, Klinikum Mannheim, Medical Faculty, University of Heidelberg, Theodor-Kutzer-Ufer 1-3, 68167 Mannheim, Germany., E-mail: peter.vajkoczy@nch.ma.uni-heidelberg.de 2, Department of Pathology, Medical Faculty of the University of Heidelberg,Mannheim, Germany 3, Department of Radiation Oncology, Medical Faculty of the University of Heidelberg,Mannheim, Germany

Journal of Cancer Research and Clinical Oncology. 2005 Jan;131(1):31-40.

Barbara Bachtler
Pressestelle
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
Robert-Rössle-Straße 10
13125 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 94 06 - 38 96
Fax: +49 (0) 30 94 06 - 38 33
e-mail: presse@mdc-berlin.de

Barbara Bachtler | idw
Weitere Informationen:
http://www.mdc-berlin.de/

Weitere Berichte zu: Chemotherapie Entzündungshemmer Glioblastom Hirntumore

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit Algen Arthritis behandeln
23.08.2017 | Empa - Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt

nachricht Chaos bei der Zellteilung – wie Chromosomenfehler in Krebszellen entstehen
23.08.2017 | Deutsches Krebsforschungszentrum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Platz 2 für Helikopter-Designstudie aus Stade - Carbontechnologie-Studenten der PFH erfolgreich

Bereits lange vor dem Studienabschluss haben vier Studenten des PFH Hansecampus Stade ihr ingenieurwissenschaftliches Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Malte Blask, Hagen Hagens, Nick Neubert und Rouven Weg haben bei einem internationalen Wettbewerb der American Helicopter Society (AHS International) den zweiten Platz belegt. Ihre Aufgabe war es, eine Designstudie für ein helikopterähnliches Fluggerät zu entwickeln, das 24 Stunden an einem Punkt in der Luft fliegen kann.

Die vier Kommilitonen sind im Studiengang Verbundwerkstoffe/Composites am Hansecampus Stade der PFH Private Hochschule Göttingen eingeschrieben. Seit elf...

Im Focus: Wissenschaftler entdecken seltene Ordnung von Elektronen in einem supraleitenden Kristall

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins „Nature“ berichten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe in Dresden von der Entdeckung eines seltenen Materiezustandes, bei dem sich die Elektronen in einem Kristall gemeinsam in einer Richtung bewegen. Diese Entdeckung berührt eine der offenen Fragestellungen im Bereich der Festkörperphysik: Was passiert, wenn sich Elektronen gemeinsam im Kollektiv verhalten, in sogenannten „stark korrelierten Elektronensystemen“, und wie „einigen sich“ die Elektronen auf ein gemeinsames Verhalten?

In den meisten Metallen beeinflussen sich Elektronen gegenseitig nur wenig und leiten Wärme und elektrischen Strom weitgehend unabhängig voneinander durch das...

Im Focus: Wie ein Bakterium von Methanol leben kann

Bei einem Bakterium, das Methanol als Nährstoff nutzen kann, identifizierten ETH-Forscher alle dafür benötigten Gene. Die Erkenntnis hilft, diesen Rohstoff für die Biotechnologie besser nutzbar zu machen.

Viele Chemiker erforschen derzeit, wie man aus den kleinen Kohlenstoffverbindungen Methan und Methanol grössere Moleküle herstellt. Denn Methan kommt auf der...

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungen

6. Leichtbau-Tagung: Großserienfähiger Leichtbau im Automobil

23.08.2017 | Veranstaltungen

International führende Informatiker in Paderborn

21.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Turbulente Bewegungen in der Atmosphäre eines fernen Sterns

23.08.2017 | Physik Astronomie

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Oktober 2017

23.08.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Mit Algen Arthritis behandeln

23.08.2017 | Biowissenschaften Chemie