Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Hirntumore können Immunsystem lahm legen - Erste Tierversuche, Blockade mit RNA-Interferenz aufzuheben

08.12.2006
Glioblastome sind außerordentlich bösartige, sehr schnellwachsende Gehirntumore. Sie schütten nicht nur Substanzen aus, um ihre Blutversorgung zu sichern, sondern auch Botenstoffe, die sie vor Angriffen des Immunsystems schützen.

Auf der Tagung Brain Tumor 2006 des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch und des Helios Klinikums Berlin-Buch berichtete Prof. Michael Weller, Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeine Neurologie am Universitätsklinikum Tübingen, dass es im Tierversuch möglich ist, mit Hilfe der "RNA-Interferenz" (RNAi) das Gen für einen zentralen Vertreter dieser Botenstoffe, den Transforming Growth Factor-beta (TGF-beta), auszuschalten und damit die Blockade des Immunsystems aufzuheben.

Bei allen Mäusen mit Glioblastom, bei denen die Forscher das TGF-beta Gen ausgeschaltet hatten, wurden die Tumore vollständig abgebaut und alle Mäuse überlebten. Diese Ergebnisse könnten nach Ansicht von Prof. Weller auch den Weg für Impfungen gegen Gehirntumore öffnen, weil nur ein intaktes Immunsystem in der Lage ist, auf eine Impfung mit einer entsprechenden Immunantwort zu reagieren.

Tumore im Gehirn werden von den Zellen des Immunsystems weniger stark angegriffen, als Tumore im restlichen Körper. Grund dafür ist unter anderem die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn zum Beispiel vor Krankheitserregern, die mit dem Blut transportiert werden, schützt. Das bedeutet zugleich aber auch, dass wegen dieser Barriere das Gehirn weniger gut für das Immunsystem zugänglich ist, als andere Bereiche des Körpers. Die Forschung nahm deshalb lange Zeit an, das Immunsystem sei im Gehirn nicht aktiv.

In den vergangenen Jahren konnten Wissenschaftler jedoch zunehmend auch Immunreaktionen im Gehirn nachweisen. Die Erkrankung Multiple Sklerose zum Beispiel lässt sich auf eine überschießende Immunreaktion auch im Gehirn zurückführen. Weiter konnten Wissenschaftler zeigen, dass sich Hirntumorzellen gegen Angriffe des Immunsystems wehren. Sie produzieren Botenstoffe, die das Immunsystem der Patienten hemmen. Eine Vielzahl solcher Moleküle haben Forscher bereits identifiziert, unter anderem Substanzen mit so komplizierten Namen wie Transforming Growth Factor-beta (TGF-beta), den Regeneration and Tolerance Factor (RTF) und das lösliche Oberflächen-Antigen HLA-G.

Prof. Weller arbeitet seit 1995 in Tübingen daran, den Botenstoff TGF-beta gezielt auszuschalten, damit das Immunsystem die Tumorzellen wieder erkennen und angreifen kann. In Versuchen mit Mäusen und Ratten blockierten seine Mitarbeiter das Gen für TGF-beta mit Hilfe einer Methode, die RNA-Interferenz (RNAi) genannt wird. RNA steht für Ribonukleinsäure. Es ist ein Molekül, das den in einem Gen enthaltenen Bauplan für ein Protein, der in DNA "geschrieben" ist, in die Sprache der Eiweiße (Aminosäuren) übersetzt. Die RNAi ist ein gegenläufiger RNA-Strang. Er bindet an den RNA-Strang des in dem Tumor angeschalteten TGF-beta-Gens und blockiert ihn. Dadurch verhindert die RNAi, dass der in dem Gen enthaltene Bauplan für das TGF-beta-Gen in ein Protein umgesetzt werden kann. Das Gen wird quasi stillgelegt.

Prof. Weller konnte weiter zeigen, dass bestimmte Zellen des Immunsystems, wie Lymphozyten und natürliche Killerzellen, die Tumorzellen erkennen und zerstören können. Um zu verhindern, dass der Tumor erneut ausbricht, versuchen die Forscher derzeit in einem weiteren Schritt, die Mäuse zusätzlich mit abgetöteten Tumorzellen zu impfen. "Diese Tumorzellen können sich nicht mehr teilen, sie bilden deswegen keine Gefahr für den Organismus", betont Prof. Weller. Aber auf ihrer Oberfläche tragen die abgetöteten Tumorzellen die gleichen Merkmale, wie "normale" Tumorzellen, weswegen sie das Immunsystem trotzdem stimulieren können. Erst wenn das Immunsystem nicht mehr durch TGF-beta gehemmt wird, lässt sich eine wirksame Immunantwort durch solche Impfungen hervorrufen. "Derartige Strategien sind allerdings als rein experimentell zu betrachten, da bisher nur am Tiermodell geforscht wird und die verwendeten Methoden noch nicht auf Patienten übertragbar sind", hob Prof. Weller hervor.

Barbara Bachtler
Pressestelle
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
Robert-Rössle-Straße 10
13125 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 94 06 - 38 96
Fax: +49 (0) 30 94 06 - 38 33
e-mail: presse@mdc-berlin.de

Barbara Bachtler | idw
Weitere Informationen:
http://www.mdc-berlin.de/
http://www.mdc-berlin.de/ueber_das_mdc/presse/index.htm

Weitere Berichte zu: Botenstoff Gen Immunsystem Mäuse RNAi TGF-Beta Tumorzelle

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Proteine zueinander finden
21.02.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

nachricht Kleine Moleküle gegen altersbedingte Erkrankungen
21.02.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Zinn in der Photodiode: nächster Schritt zur optischen On-Chip-Datenübertragung

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium allein – die stoffliche Basis der Chip-Produktion – sind als Lichtquelle kaum geeignet. Jülicher Physiker haben nun gemeinsam mit internationalen Partnern eine Diode vorgestellt, die neben Silizium und Germanium zusätzlich Zinn enthält, um die optischen Eigenschaften zu verbessern. Das Besondere daran: Da alle Elemente der vierten Hauptgruppe angehören, sind sie mit der bestehenden Silizium-Technologie voll kompatibel.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach einer geeigneten Lösung, um optische Komponenten auf einem Computerchip zu integrieren. Doch Silizium und Germanium...

Im Focus: Innovative Antikörper für die Tumortherapie

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig von diesen teuren Medikamenten profitieren, wird intensiv an deren Verbesserung gearbeitet. Forschern um Prof. Thomas Valerius an der Christian Albrechts Universität Kiel gelang es nun, innovative Antikörper mit verbesserter Wirkung zu entwickeln.

Immuntherapie mit Antikörpern stellt heute für viele Krebspatienten einen Erfolg versprechenden Ansatz dar. Weil aber längst nicht alle Patienten nachhaltig...

Im Focus: Durchbruch mit einer Kette aus Goldatomen

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des Wärmetransportes

Einem internationalen Physikerteam mit Konstanzer Beteiligung gelang im Bereich der Nanophysik ein entscheidender Durchbruch zum besseren Verständnis des...

Im Focus: Breakthrough with a chain of gold atoms

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

In the field of nanoscience, an international team of physicists with participants from Konstanz has achieved a breakthrough in understanding heat transport

Im Focus: Hoch wirksamer Malaria-Impfstoff erfolgreich getestet

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Tübinger Wissenschaftler erreichen Impfschutz von bis zu 100 Prozent – Lebendimpfstoff unter kontrollierten Bedingungen eingesetzt

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungen

Physikerinnen und Physiker diskutieren in Bremen über aktuelle Grenzen der Physik

21.02.2017 | Veranstaltungen

Kniffe mit Wirkung in der Biotechnik

21.02.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit den Betriebsräten Sozialpläne

21.02.2017 | Unternehmensmeldung

Der Lkw der Zukunft kommt ohne Fahrer aus

21.02.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zur Sprache gebracht: Und das intelligente Haus „hört zu“

21.02.2017 | Messenachrichten