Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Umweltschonende Verfahren der Saatgutbehandlung auf dem Vormarsch

28.09.2006
Aktuelle Ergebnisse belegen gute Möglichkeiten der Anwendung physikalischer oder biologischer Behandlungsverfahren anstelle der chemischen Beizung

Gesundes Saatgut ermöglicht unseren Kulturpflanzen einen gesunden Start in Leben. Saatgutbehandlung, im Volksmund Beizen genannt, ist daher ein sehr altes, wichtiges Instrument des Pflanzenschutzes. Viele Erreger (Bakterien, Pilze) schlummern verborgen im oder am Samen, die Krankheiten brechen dann auf dem Feld aus. Um diese Erreger am Samen abzutöten, kommen bei der Beizung meist chemische Pflanzenschutzmittel zum Einsatz.

Wesentlich umweltschonender sind jedoch physikalische Methoden oder biologische Mittel, die beispielsweise die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen stärken. In der Vergangenheit war wenig bekannt, wie es um die Wirksamkeit dieser Verfahren bestellt ist. Die aktuellen Forschungsergebnisse, die auf der 55. Deutschen Pflanzenschutztagung vom 25.-28. September in Göttingen vorgestellt werden, lassen aufhorchen. Demnach stellen die Behandlung mit niederenergetischen Elektronen, optimierte Feuchtheißluftverfahren und Biopräparate wirksame Alternativen zur Bekämpfung von Samenkrankheiten dar. Einsatzbereiche sind sowohl die großen Getreidekulturen als auch viele kleinflächige Gemüse- und Sonderkulturen.

So untersuchte die Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft die Wirtschaftlichkeit der Elektronen-Behandlung im Vergleich zur chemischen Beizung in Winterweizen und Wintergerste. Die e-Behandlung führte nicht zu Nachteilen beim Ertrag. Auch gegen Krankheiten wie z. B. Mykotoxin bildende Fusarium-Arten, bei denen die Elektronenbehandlung nicht immer greift, musste im Vergleich zur chemischen Variante während der Vegetationszeit nicht häufiger behandelt werden. Gemeinsam mit dem Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum in Rheinland Pfalz testeten Wissenschaftler der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA), wie gut die Elektronenbehandlung gegen verschiedene Schaderreger in Heil- und Gewürzpflanzen (Umbelliferae-Arten) wirksam ist. Die Ergebnisse zeigen eine gute Wirksamkeit gegen Pseudomonas syringae und P.coriandricola an Koriander.

Besondere Bedeutung kommt den umweltschonenden Beizverfahren bei der Produktion von Saatgut für den ökologischen Gemüseanbau zu, zumal hier seit 2004 kein konventionell erzeugtes Saatgut mehr eingesetzt werden darf. Im Rahmen des EU-Projektes "STOVE" wurde an der BBA die Wirksamkeit physikalischer Behandlungsmethoden, biologischer Mittel sowie von Methodenkombinationen gegen Pathogene der Möhre (Alternaria radicina und A. dauci) und gegen Phoma valerianella in Feldsalat getestet. Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Elektronenstrahl- und Plasmatechnik konnte die Elektronenbehandlung für Möhrensaatgut optimiert werden, so dass sich bei einer Steigerung der für die Eindringtiefe der Elektronen verantwortlichen Beschleunigungsspannung der Anteil gesunder Samen stark erhöhte.

Im gleichen Projekt wurden Heißwasser- und Feuchtheißluft-Verfahren sowie Mittel auf der Basis von Mikroorganismen (z.B. Pseudomonaden) und zur Pflanzenstärkung untersucht. Demnach stellen besonders die physikalischen Verfahren eine praktikable Alternative zur chemischen Beizung dar, vorausgesetzt, die Anwendung ist kulturspezifisch optimiert. So wurde bei den Feuchtheißluftverfahren durch moderne Technologien eine völlig neue Qualität erreicht, denn heutzutage können sämtliche Parameter wie Temperatur, Behandlungszeit und Luftfeuchte automatisch gesteuert und kontrolliert werden. Für die Getreidekulturen wurde in Schweden unter dem Namen ThermoSeed® ein praxisreifes Verfahren entwickelt.

Noch nicht ganz so weit ist man bei den natürlichen Systemen, bei denen z. B. Pflanzenstärkungsmittel zum Einsatz kommen. Hier muss weiterhin Forschungsarbeit geleistet werden, um den Landwirten praxisrelevante Lösungen zu unterbreiten. Viel versprechend sind die Ergebnisse von Phytomedizinern der Humboldt-Universität Berlin. In Zusammenarbeit mit der Biologischen Bundesanstalt haben sie im Rahmen eines Projektes im Bundesprogramm Ökologischer Landbau mehrere Pflanzenstärkungsmittel gegen den samenbürtigen Schaderreger Septoria nodorum bei zwei unterschiedlich hoch infizierten Winterweizensorten eingesetzt. Drei der Mittel (Lebermooser, Milsana flüssig und Tillecur) erreichten im Klimakammerversuch einen Wirkungsgrad von 70 - 100 %.

Mitteilungen der Biologischen Bundesanstalt, Band 400, 2006, 496 S. (Tagungsband):
Vortrag Nr. 27-7 am 27.9.06, S. 331
Poster Nr. 002, S. 105
Poster Nr. 042, S. 146
Poster Nr. 200 - 202, S. 339/340
Weitere Beispiele im Tagungsband:
Poster 001, S. 104
Poster 199, S. 338
Vortrag 27-8 am 27.9.06, S. 332
Hintergrundinfo zur Elektronenbehandlung:
Elektronen dringen gleichmäßig und an allen Stellen des Samens in die äußere Schale ein. Durch die damit angeregten physikalischen, chemischen und biologischen Prozesse werden die Krankheitserreger, die auf bzw. unmittelbar unter der Samenschale leben, abgetötet. Die Keimfähigkeit der Samen wird nicht beeinträchtigt. Eine erste mobile serienreife Praxisanlage kann stündlich bis zu 30 Tonnen Getreidesaatgut mit niederenergetischen Elektronen behandeln (e-ventus®).

Dr. Gerlinde Nachtigall | idw
Weitere Informationen:
http://www.pflanzenschutztagung.de

Weitere Berichte zu: Beizung Elektron Elektronenbehandlung Saatgut Saatgutbehandlung Samen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Eine Karte der Zellkraftwerke
18.08.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung
18.08.2017 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie