Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Merlin: Der Zauberer in der Krebsentstehung

27.09.2006
Forscher vom Fritz-Lipmann-Institut in Jena haben einen neuen Schritt in der Krebsentstehung aufgedeckt. Sie wussten, dass aktiviertes Merlin eine Rolle spielt. Jetzt ist bekannt, wie diese Aktivierung erfolgt. Die Arbeitsgruppe erhofft sich neue Ansätze für die Diagnostik.

Merlin ist nicht nur der Zauberer der Artus-Sage, der das Schwert Excalibur in einem Steinblock versenkte, sondern auch ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der Krebsentstehung spielt. Zu den natürlichen Aufgaben des so genannten Tumorsuppressorproteins gehört die Kontrolle des Zellwachstums. "Wenn wir uns schneiden, fangen Stammzellen unserer Haut an sich zu teilen und zu wandern, um den Schnitt wieder aufzufüllen", erläutert Dr. Helen Morrison vom Fritz Lipmann Institute in Jena. Wie sie hinzufügt, müssen diese Prozesse jedoch wieder stoppen, wenn die Wunde verschlossen ist, damit sie ohne sichtbare Zeichen verheilt. Das entsprechende Stoppsignal gibt aktiviertes Merlin.

Da bei Krebs genau dieser Mechanismus - die Kontrolle der Zellvermehrung - gestört ist, haben Morrison und Kollegen die Aktivierung von Merlin im Detail untersucht, um die Entstehung von Tumoren besser zu verstehen. Die Wissenschaftler erläutern in ihrer Veröffentlichung in der renommierten Fachzeitschrift "Nature", dass Merlin eine zentrale Kontrollfunktion bei der Vermehrung von vielen Zell- und Gewebetypen hat. Das Protein befindet sich an der Innenseite der Zellhülle und tritt in Aktion, wenn die Zelle in Kontakt zu einer anderen Zelle oder zur Grundsubstanz (Matrix) zwischen Zellen tritt (vereinfacht gesagt, wenn der Schnitt nicht mehr gefüllt, sondern der Zellverband geschlossen wird). Auch eine nachlassende Menge von Wachstumsfaktoren in der Umgebung der Zelle kann ein Auslöser sein.

Wie bereits seit längerem bekannt ist, erfolgt die Aktivierung von Merlin, indem eine spezielle Phosphatgruppe abgespalten wird. Weil bislang jedoch unklar war, auf welchem Wege die Abspaltung stattfindet, hat sich die Arbeitsgruppe um Morrison dieser Frage angenommen. Sie konnte nachweisen, dass ein so genanntes PP1-Enzym diese Aufgabe übernimmt. Es setzt sich zusammen aus zwei Untereinheiten: Die eine (MYPT-1) erkennt Merlin, die andere (PP1?) übernimmt die Abspaltung des Phosphatrests an der entsprechenden Stelle.

Darüber hinaus untersuchte die Arbeitsgruppe den Einfluss von CPI-17 auf die Merlin-Aktivierung, weil die Substanz ein Gegenspieler des PP1-Enzyms ist und dieses sehr spezifisch und potent hemmt. Tatsächlich führte CPI-17 zu einer verminderten Aktivierung von Merlin und zu einer Veränderung der Zellen in Richtung Tumorzellen. Durch Zugabe von aktiviertem Merlin ließen sich diese Prozesse wieder rückgängig machen.

Nach den Vorstellungen der Arbeitsgruppe tritt beispielsweise bei Zell-Zell-Kontakt das PP1-Enzym in Aktion und spaltet den entsprechenden Phosphatrest von Merlin ab. Dadurch kann Merlin die Aktivierung des so genannten Ras-Proteins verhindern. Von Ras wiederum ist bereits seit längerem bekannt, dass es wesentlich zur Entstehung von Krebs beiträgt, wenn es ständig im aktivierten Zustand vorliegt und Signale weitergibt, die zum Zellwachstum und zur Zellteilung führen.

"Nach unseren Ergebnissen könnten - neben Mutationen im Merlin-Gen - auch Störungen der CPI-17-Produktion zum Verlust der Merlin-Funktion und damit zur Tumorentstehung beitragen", betonen die Forscher. Wie sie hinzufügen, haben sie in verschiedenen menschlichen Tumorzelllinien erhöhte CPI-17-Werte gefunden.

Nach Angaben von Dr. Tobias Sperka, einem der Autoren der Studie, überprüft die Arbeitsgruppe derzeit, ob sich der Nachweis von CPI-17 in Gewebeschnitten für die Charakterisierung von Tumoren - etwa die Stadieneinteilung - eignet. Zudem hält er es für interessant, künftig zu untersuchen, auf welchem Wege die Aktivierung von des PP1-Enzyms erfolgt, um irgendwann die gesamte Kaskade vom Zell-Zell-Kontakt über das PP1-Enzym und Merlin bis hin zum Ras-Protein zu kennen.

PP1: protein phosphatase-1
CPI-17: protein kinase C potentiated inhibitor
MYPT-1: myosin phophatase targeting subunit 1
Veröffentlichung:
Jin H, Sperka T, Herrlich P, Morrison H.
Tumorigenic transformation by CPI-17 through inhibition of a merlin phosphatase. Nature. 2006 Aug 3;442(7102):576-9.
Kontakt:
Prof. Peter Herrlich
Leibniz-Institut für Altersforschung- Fritz-Lipmann-Institut (FLI)
Beutenbergstr. 11
D-07745 Jena
Email: pherrlich@fli-leibniz.de
Dr. Eberhard Fritz
Forschungskoordinator
Leibniz-Institut für Altersforschung- Fritz-Lipmann-Institut (FLI)
Beutenbergstr. 11
D-07745 Jena
Email: efritz@fli-leibniz.de

Dr. Eberhard Fritz | idw
Weitere Informationen:
http://www.fli-leibniz.de

Weitere Berichte zu: Aktivierung CPI-17 Krebsentstehung Merlin PP1-Enzym

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers
28.04.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Forschungsteam entdeckt Mechanismus zur Aktivierung der Reproduktion bei Pflanzen
28.04.2017 | Universität Hamburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: TU Chemnitz präsentiert weltweit einzigartige Pilotanlage für nachhaltigen Leichtbau

Wickelprinzip umgekehrt: Orbitalwickeltechnologie soll neue Maßstäbe in der großserientauglichen Fertigung komplexer Strukturbauteile setzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesexzellenzclusters „Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen" (MERGE) und des Instituts für...

Im Focus: Smart Wireless Solutions: EU-Großprojekt „DEWI“ liefert Innovationen für eine drahtlose Zukunft

58 europäische Industrie- und Forschungspartner aus 11 Ländern forschten unter der Leitung des VIRTUAL VEHICLE drei Jahre lang, um Europas führende Position im Bereich Embedded Systems und dem Internet of Things zu stärken. Die Ergebnisse von DEWI (Dependable Embedded Wireless Infrastructure) wurden heute in Graz präsentiert. Zu sehen war eine Fülle verschiedenster Anwendungen drahtloser Sensornetzwerke und drahtloser Kommunikation – von einer Forschungsrakete über Demonstratoren zur Gebäude-, Fahrzeug- oder Eisenbahntechnik bis hin zu einem voll vernetzten LKW.

Was vor wenigen Jahren noch nach Science-Fiction geklungen hätte, ist in seinem Ansatz bereits Wirklichkeit und wird in Zukunft selbstverständlicher Teil...

Im Focus: Weltweit einzigartiger Windkanal im Leipziger Wolkenlabor hat Betrieb aufgenommen

Am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS) ist am Dienstag eine weltweit einzigartige Anlage in Betrieb genommen worden, mit der die Einflüsse von Turbulenzen auf Wolkenprozesse unter präzise einstellbaren Versuchsbedingungen untersucht werden können. Der neue Windkanal ist Teil des Leipziger Wolkenlabors, in dem seit 2006 verschiedenste Wolkenprozesse simuliert werden. Unter Laborbedingungen wurden z.B. das Entstehen und Gefrieren von Wolken nachgestellt. Wie stark Luftverwirbelungen diese Prozesse beeinflussen, konnte bisher noch nicht untersucht werden. Deshalb entstand in den letzten Jahren eine ergänzende Anlage für rund eine Million Euro.

Die von dieser Anlage zu erwarteten neuen Erkenntnisse sind wichtig für das Verständnis von Wetter und Klima, wie etwa die Bildung von Niederschlag und die...

Im Focus: Nanoskopie auf dem Chip: Mikroskopie in HD-Qualität

Neue Erfindung der Universitäten Bielefeld und Tromsø (Norwegen)

Physiker der Universität Bielefeld und der norwegischen Universität Tromsø haben einen Chip entwickelt, der super-auflösende Lichtmikroskopie, auch...

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Tag der Immunologie - 29. April 2017

28.04.2017 | Veranstaltungen

Kampf gegen multiresistente Tuberkulose – InfectoGnostics trifft MYCO-NET²-Partner in Peru

28.04.2017 | Veranstaltungen

123. Internistenkongress: Traumata, Sprachbarrieren, Infektionen und Bürokratie – Herausforderungen

27.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Über zwei Millionen für bessere Bordnetze

28.04.2017 | Förderungen Preise

Symbiose-Bakterien: Vom blinden Passagier zum Leibwächter des Wollkäfers

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wie Pflanzen ihre Zucker leitenden Gewebe bilden

28.04.2017 | Biowissenschaften Chemie