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Wunden, die nicht heilen

28.08.2006
Biowissenschaftler der Uni Witten/Herdecke gehen der Frage nach, wie Krebs durch chronischen Infektionen und Entzündungen entstehen kann und warum gerade Stammzellen eine essentielle Rolle in diesem Prozess spielen

Chronische Entzündungen und Infektionen sind oft verbunden mit einem erhöhten Tumorrisiko. Dieser Zusammenhang wurde bereits 1863 von Rudolph Virchow beschrieben. In den letzten 15 bis 20 Jahren ist dieser Zusammenhang wieder stärker in den Fokus der Krebsforschung gerückt. Prof. Dr. Thomas Dittmar, Juniorprofessur für Tumorimmunologie und Prof. Dr. Kurt S. Zänker vom Institut für Immunologie fassen diese Thematik, die elementar für zukünftige Krebsstrategien sein wird, in ihrem kürzlich erschienenen Buch zusammen.

Nach wie vor stellen Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der industrialisierten Welt dar, wobei die hohe Mortalität in mehr als 95 Prozent aller Fälle auf das Entstehen von Metastasen zurückzuführen ist. Die Ursachen für Krebs sind vielfältig. Neben bestimmten Risikofaktoren wie Rauchen, Ernährungsgewohnheiten, Alkoholkonsum spielen auch Pathogene eine gewichtige Rolle bei der Entstehung von Krebs. Obwohl diese Risikofaktoren auf den ersten Blick sehr unterschiedlich sind, so scheint es einen gemeinsamen Nenner hinsichtlich des Mechanismus der Krebsinduktion zu geben: alle Risikofaktoren verursachen Gewebeschädigungen oder anders gesagt, es kommt zu lokalen Entzündungsprozessen. So bewirken z.B. die Inhaltsstoffe des Tabakrauchs lokale Entzündungen in der Lunge, wohingegen Abbauprodukte des Alkohols lokale Entzündungen in der Leber hervorrufen. Ähnliches gilt für Pathogene, wie z.B. Helicobacter pylori oder Hepatitis B- und C-Viren. Das Problem sind nicht kurzfristige, akute entzündliche Prozesse, sondern jene Prozesse, die langfristig und somit chronisch geworden sind und die für die eigentliche Krebsentstehung mittlerweile verantwortlich gemacht werden.

In ihrem Buch, für das international renommierte Krebsforscher Beiträge verfasst haben, präsentieren die Herausgeber neue Modelle zur Krebsentstehung (Karzinogenese), zeigen Zusammenhänge zwischen spezifischen Pathogenen und Krebserkrankungen und befassen sich detailliert mit jenen Prozessen, die im chronisch entzündeten Gewebeumfeld (Mikroenvironment) ablaufen und zur Krebsentstehung beitragen. Ein besonderer Schwerpunkt stellt hierbei die Rolle von Stammzellen in der Karzinogenese dar, welcher von Prof. Dr. Thomas Dittmar, Juniorprofessur für Tumorimmunologie und seiner Arbeitsgruppe intensiv beforscht wird.

"Wir sehen, dass z.B. Gewebestammzellen aus der Brust spontan mit Brustkrebszellen fusionieren. Interessant hierbei ist, dass sich die entstandenen Hybridzellen sehr stark voneinander unterscheiden und jede Hybridzelle andere Eigenschaften hat", so Prof. Dr. Thomas Dittmar, Juniorprofessur für Tumorimmunologie, "Da jede Hybridzelle, sowie deren Tochterzellen, Unikate sind, wäre dieser Mechanismus eine guter Erklärungsansatz, warum Tumorgewebe so extrem vielgestaltig ist. Gerade diese Vielgestaltigkeit ist verantwortlich für die Bildung von Metastasen sowie die häufig zu beobachtenden Resistenz von Tumoren gegenüber z.B. der Chemotherapie"

Die Wittener Forscher sind sich sicher, dass chronisch entzündetes Gewebe bei diesen Prozessen eine treibende Kraft darstellt. Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Tumorgewebe chronisch entzündetem Gewebe ähnelt. Tumore werden daher häufig auch als "Wunden, die nicht heilen" bezeichnet. "Die Entstehung und das Wachstum (Progression) eines Tumors ist daher das Ergebnis eines dynamischen Prozesses, der sich im chronisch entzündeten Gewebeumfeld manifestiert hat und dessen treibende Kraft das komplexe Miteinander von Gewebezellen, Zellen des Immunsystems, Stammzellen und Tumorzellen, Sauerstoffradikalen, Zytokinen, Chemokinen, Wachstumsfaktoren, Hormonen und Proteasen ist", so Prof. Dr. Thomas Dittmar.

Das Verständnis jener Prozesse, die chronische Entzündungen verursachen, sei es durch biologische oder chemische Faktoren, sowie jener Mechanismen, die sich im chronisch entzündeten (Tumor)-Mikroenvironment abspielen, ist daher essentiell für die Krebsprävention und die Entwicklung neuer Krebstherapien.

Prof. Dr. Thomas Dittmar hat seit April 2003 eine Juniorprofessur für Tumorimmunologie am Institut für Immunologie der Universität Witten/ Herdecke. Prof. Dr. mult. Kurt S. Zänker ist seit 1988 Leiter des Instituts für Immunologie der Universität Witten/ Herdecke.

Thomas Dittmar, Kurt S. Zänker, Axel Schmidt: "Infection and Inflammation: Impacts on Oncogenesis", Karger, Basel (ISBN 3-8055-8064-9), € 165,50.

Kontakt: Prof. Dr. Thomas Dittmar, Tel: 02302 926-165, E-Mail: thomasd@uni-wh.de

Dr. Olaf Kaltenborn | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-wh.de
http://wga.dmz.uni-wh.de/biowiss/html/default/zaenker_home

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