Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Lebende Urzeitkrebse in der Ammendorfer Elster-Saale-Aue wiedergefunden

11.05.2006
Auf einer Frühjahrsexkursion der Biologie-Studenten unter Leitung von PD Dr. Wolf-Rüdiger Große der halleschen Universität (am 29. April und am 1. Mai 2006) konnten die Urzeitkrebse unweit des Burgholzes bei Ammendorf wiedergefunden werden.
Dabei handelt es sich um den Schuppenschwanz (Lepidurus apus) und den Feenkrebs (Eubranchipus grubei). Sensationell an ihnen ist neben ihrer Seltenheit ihr Alter. Beide Arten gibt es seit etwa 200 Mio. Jahren auf der Erde und sie gelten damit als älteste Tierarten überhaupt. Seit dem Erdmittelalter besiedeln sie temporäre Kleinstgewässer des zeitigen Frühjahrs und sind verschwunden, wenn die Fressfeinde des Sommers auftauchen. Diese Strategie hat sie Millionen Jahre überleben lassen.

Ihr Nachweis in den wiederintakten halleschen Auen stellt einen Beweis der Regenerationsfähigkeit unbelasteter Natur dar. Wer sie in Pfützen oder Spurrinnen findet, sollte es den Zoologen der Universität mitteilen, da ihre Verbreitung wissenschaftlich erfasst wird.

In einer Sonderschau zur Tierwelt des Saaletals werden die Krebse zur Museumsnacht am 20. Mai 2006 im Institut für Zoologie zu sehen sein (s. u.).
Weitere Informationen zu den Arten

Der Schuppenschwanz (Lepidurus apus)

Die Großbranchiopoden oder Urzeitkrebse sind wenig bekannt. Sie zählen phylogenetisch zu den ursprünglichsten und auch paläontologisch zu den ältesten Krebsen. Die Kiemenfüße existieren bereits seit etwa 200 Millionen Jahren und stellen damit wahrscheinlich die ältesten Tierarten der Erde überhaupt dar. Sie werden volkstümlich Urzeit-, Eiszeit- oder Himmelskrebse genannt. Die biologische Systematik stellt den Schuppenschwanz, Lepidurus apus, in die Ordnung der Rückenschaler (Notostraca), die zur Klasse der Kiemenfußkrebse (Branchiopoda) gehört.

Der Schuppenschwanz fällt durch sein 20-30 mm langes flaches Rückenschild sofort auf. Der Hinterleib der Krebse ragt frei unter dem Rückenschild hervor und ist oberseits mit schuppenartigen Chitinplatten besetzt. Das Schwanzsegment ist zu einer langen dünnen Gabel (Furca) ausgezogen.

Die Schuppenschwänze sind Bodenbewohner. Bei Sauerstoffmangel kann es vorkommen, dass sie mit der Bauchseite nur knapp unter der Wasseroberfläche schwimmen. In dieser Lage kann man deutlich die ständig schlagenden Kiemenfüße sehen. Notostraken sind Allesfresser. Mit Hilfe der Vorderkante ihres Schildes wühlen sie den Boden nach Nahrung auf, die sie mit Hilfe ihrer kräftigen Kiefer aufnehmen und zerkleinern. Daneben können sie auch Plankton filtern. Bei Massenvorkommen kommt es zum Kannibalismus.

Lepidurus apus ist in unserer Region eine charakteristische Kaltwasserart des Frühjahrs. Bereits im Januar/Februar beginnt teilweise noch unter dem Eis die Entwicklung der Krebse. Der Verbreitungsschwerpunkt der Art liegt in den Auen größerer Flüsse. Die Krebse besiedeln hier zeitweilig wasserführende Bodenhohlformen, die von Altarmen ehemals mäandernder Flüsse stammen. Die Eier der Krebse sind etwa einen halben Millimeter groß und glattschalig. Sie überdauern im Boden liegend Jahre oder Jahrzehnte.

International wie national ist bisher wenig über Schutzmaßnahmen für diese interessante Krebsart bekannt. Es besteht die Gefahr, dass diese "lebenden Fossilien" nach 200 Millionen Jahren Erdendasein nun unwiederbringlich verschwinden. Der hohe Stellenwert der Tiere in der evolutiven Forschung geht im Alltag unter. Sie sind wichtige Bioindikatoren, aus deren Vorhandensein auf biologische oder physikalische Parameter eines Habitats geschlossen werden kann. Sie sollten weit mehr als "Flagship species" im engagierten Umwelt- und Naturschutz genutzt werden, wie es vom Panda-Bären oder vom Fischadler bekannt ist.

Der Feenkrebs (Eubranchipus (Siphonophanes) grubei)

Die Feenkrebse sind eine charakteristische Leitform zeitweiliger (astatischer) Gewässer. Sie gehört zu der Klasse der Kiemenfußkrebse (Branchiopoda) und in die Ordnung der Feenkrebse (Anostraca). Sie sind in ihrer Form seit dem Erdmittelalter (Jura) bekannt. Ihr Körper ist seitlich abgeflacht und ihnen fehlt das Rückenschild der Notostraken. Die bis 30 mm langen Krebse sind transparent und schimmern gelblich bis grünlich.

Feenkrebse schwimmen im freien Wasser mit der Bauchseite nach oben. Die sich ständig bewegenden dünnhäutigen Blattbeine vermitteln dem Beobachter den Eindruck eines durch das Wasser schwebendes Fabelwesen. Durch diese Bewegungen erfolgt der Ortswechsel, die Atmung und Ernährung der Tiere. So filtern sie Mikroorganismen und organische Schwebstoffe aus dem Wasser und transportieren die Nahrung in der Bauchrinne nach vorn zur Mundöffnung. Die Färbung der Feenkrebse ist stark von der Art der Nahrung abhängig.

Eubranchipus (Siphonophanes) grubei kommt in zweigeschlechtlichen Populationen vor. Einzelbeobachtungen parthenogenetisch sich vermehrender Vorkommen sind umstritten. Das Männchen hat auffällig geformte Anhänge an den 2. Antennen, die zur Umklammerung des Weibchens bei der Paarung dienen. Die Weibchen tragen am 1. und 2. Hinterleibsring einen Eisack. Die Eischalen besitzen artspezifische Strukturen. Nachdem die Elterntiere bald nach der Paarung absterben, überlebt die Art als Dauerei am Gewässergrund über Jahre. Die Entwicklung wird meist stimuliert durch Austrocknung und Frost wieder einsetzen, wenn die Temporärgewässer im Frühjahr wieder geflutet sind.

Der Lebensraum des Siphonophanes grubei sind temporäre Gewässer. Das können im zeitigen Frühjahr Schmelzwassersenken und Pfützen ebenso wie periodisch wasserführende Altarmbereiche der großen Flußauen sein. Aufgrund ihrer speziellen Physiologie und raschen Entwicklung haben sie sich an diese Extremstandorte ideal angepasst. In warmen Frühjahren kann die Entwicklung von der frisch geschlüpften Naupliuslarve bis zum geschlechtsreifen Tier in 8 Tagen abgeschlossen sein. Das erschwert die Nachweise in der freien Natur beträchtlich. Sie wird einfach übersehen und fällt bei Eingriffen in die Landschaft gar nicht auf. Beim Erhalt der Art kommt dem praktischen Naturschutz damit eine besondere Bedeutung zu. Die Tiere müssen bekannt gemacht werden. Nur was der Mensch kennt, schützt er auch. Sonst sind die Feenkrebse, nachdem sie 200 Millionen Jahre überstanden haben, bald verschwunden.

Technische Daten Sonderschau Tiere des Saaletals
Termin: Sonnabend, den 20. Mai 2006
Ort: Konferenzraum des Instituts für Zoologie, Domplatz 4,
Einlass: ab 18.00 Uhr fortlaufend

Wissenschaftliche und technische Leitung: PD Dr. Wolf-Rüdiger Große,
Tel.: 0345 55-26438, Fax: 0345 55-27152,
E-Mail: wolf.grosse@zoologie.uni-halle.de

Dr. Margarete Wein | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-halle.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark
25.07.2017 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

nachricht Welcher Scotch ist es?
25.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie