Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

In Käfern ist der Wurm drin

26.04.2006
Max-Planck-Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Fadenwürmer der Gattung Pristionchus von Mikroorganismen an Käfern leben.

Fadenwürmer gibt es fast überall: Im Meer, im Strandsand und im Ackerboden. Bestimmte Arten können sich sogar in den Augen des Menschen einnisten und die in den Tropen gefürchtete Flussblindheit auslösen. Forscher des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen haben jetzt entdeckt, das einige Fadenwürmer der Gattung Pristionchus auf Maikäfern, Mistkäfern und Kartoffelkäfern vorkommen. Solange die Käfer leben, harren sie als Dauerlarven aus. Erst wenn die Käfer sterben, fressen sie Bakterien, Pilze und andere Fadenwurmarten, die sich auf dem Kadaver ausbreiten. Biologen halten es für möglich, dass diese Lebensweise eine Vorstufe des Parasitismus darstellt. Mit Hilfe der neuen Erkenntnisse lässt sich also vielleicht klären, wie Parasitismus überhaupt entstanden ist. (Zoology, 17. April 2006)


Diese Kartoffelkäfer sind noch sehr lebenslustig - doch sie tragen schon die Fadenwürmer mit sich herum, die sich einmal über ihren toten Körper hermachen werden. Bild: Matthias Herrmann / Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie


Rasterelektronenmikroskopischer Vergleich von Caenorhabditis elegans (links) und Pristionchus pacificus, mit Vergrößerung der Vulva, ihres Eiablageapparates. Bild: Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Parasiten leben auf Kosten ihres Wirts und töten ihn dabei in vielen Fällen.
Dem Menschen setzen vor allem Bandwürmer, Läuse und Mücken zu. Andere Schmarotzer richten im Ackerbau und in der Viehzucht große Schäden an. Doch auch Käfer und andere kleine Bodenbewohner bleiben von Parasiten nicht verschont. Darüber wissen Biologen bislang aber wenig. Auch wie sich das Schmarotzertum überhaupt entwickelt hat, ist noch kaum erforscht.

Alleine die Fadenwürmer sind acht Mal unabhängig voneinander auf die parasitäre Lebensweise verfallen. Ralf Sommer und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie haben untersucht, wie der Fadenwürmer der Gattung Pristionchus leben. Pristionchus pacificus bevölkert als Versuchstier zwar schon viele Labore, doch wo sich die Würmer seiner Gattung in der Natur tummeln, war bislang kaum bekannt. Nun hat das Forscherteam von Ralf Sommer Fadenwürmer der Gattung Pristionchus an mehr als der Hälfte von 4000 Käfern gefunden, die sie in verschiedenen Ländern Westeuropas inspiziert haben. In der Tübinger Gegend waren sogar bis zu 70 Prozent der Mistkäfer befallen. Sieben verschiedene Pristionchus - Arten habe die Entwicklungsbiologen bei ihren Untersuchungen identifiziert.

Diese Fadenwürmer leben allerdings nicht als Schmarotzer in den Käfern, vielmehr warten sie auf den natürlichen Tod des Insekts. Die Zwischenzeit überleben sie als Dauerlarve, einem inaktiven Stadium. Stirbt der Käfer, so weiden sich an ihm Bakterien, Einzeller und Pilze. Von diesen wiederum ernähren sich die Fadenwürmer, die damit zu den Allesfressern unter den Schmarotzern gehören. Dieses Verhalten nennen Wissenschaftler necromenisch. Sie vermuten, dass es eine direkte Vorstufe des Parasitismus darstellt.

Die Erkenntnisse der Max-Planck-Wissenschaftler könnten dazu beitragen, die Entstehung des Parasitismus besser zu verstehen. In künftige Arbeiten wollen sie das Zusammenleben der Käfer und Fadenwürmer genauer erforschen. Dass die amerikanische Gesundheitsbehörde, die National Institutes of Health, derzeit sein komplettes Genom entschlüsselt, wird den Forscher dabei vermutlich sehr helfen.

Für die Wissenschaft ist Pristionchus pacificus aber noch aus einem anderen Grund interessant: Er ist mit Caenorhabditis elegans verwandt. Als Modellorganismus in der vergleichenden Entwicklungsbiologie kann er somit helfen, die Evolution dieser Fadenwürmer nachzuvollziehen. Bei ihren Untersuchungen profitieren die Biologen davon, dass viele Fadenwürmer der Gattung Pristionchus, so auch Pristionchus pacificus, als Zwitter leben. Daher verändert sich sein Erbgut von Generation zu Generation nur sehr wenig. So ist es leichter, genetische Veränderungen zu verfolgen.

Originalveröffentlichung:

Matthias Herrmann, Werner E. Mayer, Ralf J. Sommer
Nematodes of the genus Pristionchus are closely associated with scarab beetles and the Colorado potato beetle in western Europe.

Zoology, 17. April 2006

Dr. Andreas Trepte | Max-Planck-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Berichte zu: Fadenwürmer Gattung Käfer Käfern Parasitismus Pristionchus

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Kupferhydroxid-Nanopartikel schützen vor toxischen Sauerstoffradikalen im Zigarettenrauch
30.03.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung
30.03.2017 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE