Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nicht ohne meine Jause: Zoologe der Uni Graz entlarvte drei Milbenarten als Pilzsporen-Transporter

31.03.2006
Sie sind 0,2 Millimeter klein, können nicht logisch denken und legen trotzdem ganz erstaunliche "Strategien" an den Tag, um ihren Weiterbestand zu sichern: Milben haben es dem Grazer Zoologen Ernst Ebermann angetan, besonders seitdem er eine faszinierende Entdeckung machte. Einige Arten schnüren sich gewissermaßen ihr eigenes Lunch-Paket und fliegen damit in ihr neues Zuhause.
Wollte man ihnen menschliche Züge zuschreiben, würde man die Milbenarten "Imparipes apicola", "I. breganti" und "I. haeseleri" als wahre Feinspitze bezeichnen, die sich ziemlich schlau anstellen, um nicht auf ihre Lieblingsspeise verzichten zu müssen. Die Gourmets fressen nämlich nur einen bestimmten Pilz, jede Art ihren eige­nen. Zumindest nehmen das die Forscher an, denn sämtliche Versuche, sie mit anderen bekannten Pilzarten zu füttern, schlugen fehl, berichtet Ao.Univ.-Prof. Dr. Ernst Ebermann von der Arbeitsgruppe Acarologie am Institut für Zoologie der Universität Graz. Die Milben traten in Hungerstreik, mit tödlicher Konsequenz. In freier Natur haben sie eine Lösung für dieses Problem gefunden.

Pilz im Gepäck

Vor etwa vier Jahren entdeckte Ebermann unter dem Mikroskop im Körper der erwähnten Arten Pilzsporen. "Solche als Nahrung zu transportieren ist eine aus verhaltensbiologischer Sicht sehr alte ,Strategie’, verbunden mit einem hohen Grad an Spezialisierung", weiß der Experte. "Bei der von uns untersuchten Milbengruppe war das aber neu." Gemeinsam mit Dr. Manfred Hall widmete er sich eingehend den schildförmigen, achtbeinigen Winzlingen. Nach und nach lüfteten die Forscher deren Geheimnis. "Die Milben nehmen Pilzsporen in ihren Genitaltrakt auf und tragen sie dorthin, wo sie sich niederlassen", erklärt Hall, der das Verhalten in seiner Dissertation beschrieben hat. "Diese Art des Sporentransports ist einzigartig unter den über 45.000 beschriebenen Milben-Spezies."

Blinde Passagiere

Eine Strategie, die eine weitere Überlegung nötig macht: Der Pilz muss in der neuen Umgebung gedeihen. "Die Milbe wählt einen Ort, wo ’ihr’ Pilz optimale klimatische Bedingungen vorfindet", so Ebermann. Bei den untersuchten Arten sind dies Erdnester von Wildbienen oder Bauten von Grabwespen in Holz und anderem Pflanzenmaterial, je nach Spezies. Um ihr Reiseziel zu erreichen, klammert sich die tollkühne Milbe als blinde Passagierin an die Körperborsten ihrer zukünftigen Hausherrin und lässt sich ins neue Heim fliegen. "Dazu wurde sie mit einer vergrößerten Kralle am vorderen Beinpaar ausgestattet", erklärt der Forscher. Im Nest gibt sie die Pilzsporen ab und lässt ihre Speise wachsen.

Frauen-Power

In den Genuss des Fliegens kommen aber nur die Damen. Die Männchen fristen ein recht tristes Dasein. Hall: "Sobald sie eine weibliche Larve gefunden haben, tragen sie die Erwählte huckepack mit sich herum, bis sie schlüpft, begatten sie und sterben." Sie hingegen stärkt sich saugend am Pilz, was ihre Eierstöcke reifen lässt. Mit einer jungen Biene oder Wespe fliegt sie fort und landet irgendwann in einem neuen "Heim". Vorausgesetzt sie hat gut gewählt. Denn nur weibliche Bienen und Wespen schaffen sich ein Zuhause, Männchen besuchen selten ein Nest. Hat also die Milbe aufs falsche Flugzeug gesetzt, heißt es rechtzeitig umsteigen.

Kontakt:
Ao.Univ.-Prof. Dr. Ernst Ebermann
Institut für Zoologie der Universität Graz
Tel. 0043 (0)316/380-5605
E-Mail: ernst.ebermann@uni-graz.at

Gudrun Pichler | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-graz.at
http://www.uni-graz.at/%7Eebermann/ebermann.html

Weitere Berichte zu: Milbe Milben Milbenarten Pilzsporen Zoologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie