Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Biologen erforschen die verwundbare Stelle eines Bakteriums

30.10.2001


So viel ist bislang über das NAD-Aufnahmesystem des Bakteriums Haemophilus influenzae bekannt. Grafik: Schlör


Das Bakterium Haemophilus influenzae, das unter anderem Gehirnhautentzündungen verursachen kann, lebt ausschließlich im Menschen. Eine seiner Besonderheiten: Es muss einen lebensnotwendigen Wachstumsfaktor aus dem Körper seines Wirtes beziehen. An genau diesem Punkt sehen Infektionsbiologen von der Universität Würzburg die verwundbare Stelle des Erregers.

Ein Impfstoff, der vor allem Kinder unter zwei Jahren vor Infektionen mit Haemophilus influenzae schützt, wird in den westlichen Industrieländern seit etwa zehn Jahren erfolgreich angewendet. Laut Weltgesundheitsorganisation hatten im Januar 2001 bereits 71 Länder diese Impfung in ihre nationalen Impfprogramme integriert. Der Impfstoff richtet sich gegen den Erreger-Subtyp B, der fast ausschließlich für die Erkrankungen verantwortlich ist.

Aber auch andere Stämme und Subtypen von Haemophilus können beim Menschen Entzündungen beispielsweise der Hirnhäute, der Lunge, des Mittelohrs oder der Nasennebenhöhlen auslösen. Diese Bakterien könnten langfristig die Rolle des B-Subtyps übernehmen. Darum ist es sinnvoll, schon jetzt nach weiteren Strategien zu suchen, um Haemophilus-Infektionen vorzubeugen oder zu behandeln.

Vermutlich als Folge der Anpassung an das ausschließliche Leben im Menschen weist das Bakterium eine Besonderheit auf: Es hat die Enzyme verloren, mit denen es sich den lebensnotwendigen Wachstumsfaktor Nikotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD) selbst herstellen kann. Statt dessen muss es diesen Faktor von seinem Wirt abzapfen. Hierzu besitzt der Erreger ein spezielles System, über das er den Wachstumsfaktor aufnimmt.

An genau dieser Stelle sieht PD Dr. Joachim Reidl vom Zentrum für Infektionsforschung der Uni Würzburg einen Angriffspunkt. Wie er sagt, wurde schon früher versucht, das Wachstum des Bakteriums mit künstlichen, dem NAD ähnlichen Stoffen zu unterbinden. Diese Versuche hätten aber keine maximal hemmende Wirkung gezeigt - schließlich war seinerzeit das System, mit dem Haemophilus NAD aufnimmt, noch völlig unbekannt.

Inzwischen hat die Arbeitsgruppe von Dr. Reidl aber die Funktion zweier Bestandteile des NAD-Aufnahmesystems geklärt. Nun wollen die Würzburger Wissenschaftler alle Komponenten des Systems isolieren und charakterisieren. Dabei kommt ihnen zugute, dass das Erbgut des Erregers bereits vollständig entschlüsselt ist. Das neue Wissen soll beim molekularen Design von Stoffen helfen, die das NAD-Aufnahmesystem hemmen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt von Dr. Reidl.

Beim amerikanischen Pharmaunternehmen Wyeth-Lederle, mit dem die Arbeitsgruppe von Dr. Reidl kooperiert, geht man einen anderen Weg: Dort sollen Impfstoffe gegen Haemophilus influenzae hergestellt werden, die ein weitaus größeres Spektrum an Stämmen des Erregers erfassen. Dabei spielen die zwei Komponenten des NAD-Aufnahmesystems, deren Funktion in Würzburg aufgedeckt wurde, eine zentrale und Erfolg versprechende Rolle. Dr. Reidl: "In Kooperation mit Wyeth-Lederle wollen wir das NAD-Aufnahmesystem weiter erforschen - mit Blick auf eine neue, gezielte antibakterielle Therapie und Prophylaxe von Infektionen mit Haemophilus influenzae."

Weitere Informationen: Dr. Stefan Schlör oder PD Dr. Joachim Reidl, T (0931) 31-2153, Fax (0931) 31-2578, E-Mail: 
stefan.schloer@mail.uni-wuerzburg.de
 


joachim.reidl@mail.uni-wuerzburg.de

Robert Emmerich | idw

Weitere Berichte zu: Bakterien Bakteriums Haemophilus Impfstoff NAD NAD-Aufnahmesystem Wachstumsfaktor

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen
20.09.2017 | Veterinärmedizinische Universität Wien

nachricht Molekulare Kraftmesser
20.09.2017 | Max-Planck-Institut für Biochemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik