Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Sex ist gesund - Zoologen machen erstaunliche Entdeckung bei Graumullen

21.02.2006


Sex verlängert das Leben. Was bislang für wenige Insektenarten galt, haben Wissenschaftler der Uni Duisburg-Essen nun erstmals für ein Säugetier nachgewiesen. Professor Dr. Hynek Burda, Leiter der Abteilung für Allgemeine Zoologie, sowie Doktorand Philip Dammann haben eine afrikanische Graumullen-Art untersucht und sind zu unerwarteten Ergebnissen gekommen.




Frühere Forschungen, die das Altern und die Lebensgeschichten vieler Organismenarten zum Inhalt hatten, belegen: Fortpflanzung ist riskant und kostet Energie. Folglich haben viele Tiere aus den verschiedensten Gruppen eine umso geringere Lebenserwartung, je intensiver sie Fortpflanzung betreiben. Ein Extrembeispiel ist die australische Beutelbreitfußmaus: Bei diesem Beuteltier überlebt kein Männchen seine erste Fortpflanzungssaison. Einzige Ausnahme schienen bislang die Staaten bildenden Insekten zu sein. Bei Ameisen oder Bienen leben die fortpflanzungsfähigen (reproduktiven) Königinnen meist bedeutend länger als die sterilen Arbeiterinnen.

... mehr zu:
»Fortpflanzung »Säugetier »Zoologe


Burda und Dammann haben nun eine weitere Ausnahme aufgetan: Ansells Graumull (Cryptomys anselli), eine Nagetierart aus Sambia, Goldhamster-groß, unterirdisch lebend und fast blind. Diese Graumullen gehören zu den wenigen Säugetierarten, die - ähnlich Ameisen oder Bienen - eusozial leben, sprich in großen Familiengruppen mit nur einem fortpflanzungswilligen Paar. Dagegen verbleiben die Nachkommen lange Zeit - oftmals ihr gesamtes Leben - als "Helfer" bei den Eltern. Gemeinsam gehen alle Koloniemitglieder auf Nahrungssuche, legen Vorratskammern an, erweitern, reparieren und verteidigen das unterirdische Gangsystem und kümmern sich um die Aufzucht weiterer Nachkommen. Doch während das Elternpaar das ganze Jahr über sexuell aktiv ist, bleiben die Helfer vollkommen abstinent.

Diese Paarungs- und Fortpflanzungs-Lust bzw. -Unlust hat Folgen, wie Burda und Dammann feststellten. Sie analysierten Graumull-Zuchtdaten, die mehr als 20 Jahre abdeckten, und verglichen dabei die Überlebenskurven von Eltern und Helfern. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die reproduktiven Tiere beiderlei Geschlechts außergewöhnlich alt werden können - bis zu 20 Jahre - und im Schnitt ungefähr doppelt so lang leben wie ihre nicht-reproduktiven Geschlechtsgenossen. Dass dies keinesfalls auf unterschiedliche körperliche Fitness der Tiere zurückzuführen ist, auf ihren sozialen Rang oder ihre allgemeine Lebensweise und Arbeitsbelastung, konnten die beiden Zoologen in weiteren Tests und Experimenten nachweisen.

"Das Ergebnis haben wir so nicht erwartet", sagt Dammann, "Bei keinem anderen Tier - bis auf die erwähnten Insekten - wurde bislang ein positiver Effekt von Fortpflanzung auf die Lebensdauer nachgewiesen, geschweige denn vermutet. Schon gar nicht bei weiblichen Säugetieren, die doch erheblichen Aufwand betreiben, ihre Jungen auszutragen und zu säugen. Wenn man also zwei Gruppen von Tieren vergleicht, die sich nur darin unterscheiden, dass sich die eine sexuell fortpflanzt, die andere aber nicht, dann würde man das lange Leben eher bei denen erwarten, die sich diesen "Stress" ersparen. Aber offenbar ist es eben nicht unbedingt nur Stress."

"Unsere Studie - sie unterstreicht übrigens den Wert von Langzeitprojekten in der schnelllebiger gewordenen Wissenschaftswelt - rückt die uralte Frage nach dem Zusammenhang von sexueller Aktivität und Lebensdauer bzw. Altern in ein neues Licht", führt Professor Burda weiter aus. "Die Studie stellt den ersten exakten Labornachweis dar für die in den Medien gern formulierten Schlagzeilen wie "Sex ist gesund" oder "Menschen in Partnerschaften leben länger". Doch beim Menschen gibt es so viele andere Faktoren und Zusammenhänge, die hier mitspielen können, dass es nicht einfach ist, Folge und Ursache voneinander zu trennen."

Bleibt also zu untersuchen, ob sich vom Graumull auch auf andere Säugetiere schließen lässt. Der Ansell-Graumull könnte hier ein interessantes Modelltier für die Erforschung derjenigen Mechanismen werden, die dem Alterungsprozess zu Grunde liegen, meinen Burda und Dammann. Der sambische Nager biete nämlich die seltene Gelegenheit, unterschiedliche Alterungsgeschwindigkeiten bei Individuen zu studieren, die die gleichen Gene besitzen, unter identischen Bedingungen leben und sich einzig in der dauerhaften Paarbindung und sexuellen Aktivität unterscheiden.

In internationalen Wissenschaftskreisen stoßen die Untersuchungen von Burda/Dammann auf großes Interesse. Die angesehene Fachzeitschrift Current Biology hat die Ergebnisse in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht (Vol. 16, Nr. 4).

Weitere Informationen: Philip Dammann, 0201-723 4663; E-Mail: philip.dammann@uni-due.de

Ulrike Bohnsack | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-duisburg-essen.de/

Weitere Berichte zu: Fortpflanzung Säugetier Zoologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht In Hochleistungs-Mais sind mehr Gene aktiv
19.01.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Warum es für Pflanzen gut sein kann auf Sex zu verzichten
19.01.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie