Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Soundguide der Frösche: Jeder quakt auf seine Art

18.01.2006


Auf Madagaskar haben Wissenschaftler - mit Unterstützung der VolkswagenStiftung - einen wirksamen Beitrag zum Artenschutz geleistet


Der madagassische Sirenen-Baumfrosch (Boophis luteus) ist extrem schwierig zu beobachten, da er hoch oben in den Bäumen lebt. Sein Ruf hingegen, der an eine Polizeisirene erinnert, ist so charakteristisch, dass er schon von weitem zu erkennen ist. Miguel Vences/Frank Glaw



War es tatsächlich die Nachtigall und nicht die Lerche? Für manche Menschen ist es fast unmöglich, Vogelstimmen eindeutig zuzuordnen. Gänzlich scheitern aber würden wohl die meisten, wenn es um das Quaken von Fröschen geht. Dabei verrät auch der Frosch durch sein Rufen, zu welcher Art er gehört. Wissenschaftler beweisen dies jetzt eindrücklich mit einem Soundguide: Auf drei Audio-CDs sind die Rufe von rund 250 Arten madagassischer Frösche aufgezeichnet. Diese außergewöhnliche Sammlung sowie umfassende morphologische und genetische Daten von Kaulquappen sind das Ergebnis eines dreijährigen Forschungsvorhabens auf Madagaskar; die VolkswagenStiftung unterstützte das Projekt im Rahmen ihres Partnerschaftsprogramms mit 63.000 Euro. Die Biologen Dr. Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München, Professor Dr. Miguel Vences von der Technischen Universität Braunschweig und Professor Dr. Noromalala Raminosoa von der Universität Antananarivo in Madagaskar verfolgten gemeinsam vor Ort ein ehrgeiziges Ziel: Es galt Methoden zu entwickeln, die eine schnelle und verlässliche Bestimmung von Fröschen ermöglichen - und die damit auch einen wirksamen Artenschutz unterstützen. Amphibien, und darunter besonders die Frösche, sind in ihrer Artenvielfalt weltweit gefährdet. Allein in Madagaskar sind 55 Amphibienarten vom Aussterben bedroht.

... mehr zu:
»Frösche »Madagaskar »Soundguide


Madagaskar ist seit 130 Millionen Jahren vom afrikanischen Festland und seit 90 Millionen Jahren von Indien getrennt. Es entwickelte sich daher auf dieser Insel eine einzigartige Vielfalt an Tieren und Pflanzen, die heute angesichts der rapide fortschreitenden Vernichtung der Waldgebiete zunehmend bedroht ist. Für ihren Erhalt müssen nun sorgsam Schutzgebiete ausgewählt werden, die möglichst vielen verschiedenen Arten das Überleben sichern sollen. Vor allem Gebiete mit einer einzigartigen Tier- und Pflanzenwelt - so genannte Endemitenzentren - gilt es zu identifizieren. Als Indikatoren eignen sich insbesondere jene etwa 224 bekannten Froscharten, die zu 99 Prozent nur in ganz bestimmten Regionen Madagaskars vorkommen.

Allerdings ist die Suche und die genaue Bestimmung bei erwachsenen Fröschen nicht ganz einfach: Nicht selten leben sie versteckt unterirdisch oder gar hoch in den Bäumen, und viele sind sich zum Verwechseln ähnlich. Ganz anders dagegen ihr Quaken: Hier konnten die Wissenschaftler nahezu immer eindeutig zuordnen - und brauchten dazu den Frosch nicht einmal zu fangen. Die Bioakustik wurde so ein wichtiger Baustein eines schnellen Erfassungssystems. Daneben entwickelten die Wissenschaftler auf Madagaskar Bestimmungshilfen für Kaulquappen, und als neuestes Werkzeug passten sie eine genetische Bestimmungsmethode an, das so genannte DNA-Barcoding.

Diese Analyse des Erbguts kommt immer dann zum Einsatz, wenn sich die Arten einem eindeutigen Ruf verweigern. Aus dem Gewebe der fraglichen Exemplare wird zunächst DNA extrahiert. Die Wissenschaftler sequenzieren und analysieren daraus ein Fragment der mitochondrialen DNA; seine Länge beträgt etwa 550 Basenpaare. Von fast allen bekannten und vielen neuen, noch unbeschriebenen Froscharten Madagaskars konnten solche Gensignaturen inzwischen erstellt werden. Sie werden in Zukunft eine schnelle und eindeutige Zuordnung der Frösche ermöglichen. Diese Arbeiten, die sich nahtlos in globale Bemühungen für einen Identifizierungs-Standard aller Organismen mittels Erbgut-Signaturen einfügen, wurden beim First International Congress for the Barcode of Life im Februar 2005 in London vorgestellt und in der renommierten Fachzeitschrift "Philosophical Transactions of the Royal Society" in der Ausgabe Ser. B, 360 (2005) veröffentlicht.

Die Expeditionen im Rahmen des Projekts sind jetzt beendet. Ein Standardverfahren für die Schnellerfassung von Amphibien in Madagaskar liegt vor und soll helfen, sinnvoll Prioritäten im madagassischen Naturschutz zu setzen. Durch die enge Zusammenarbeit im Zuge des Partnerschaftsprogramms der VolkswagenStiftung stehen nun auf Madagaskar das Know-how und die Geräte für weiterführende bioakustische und genetische Datensammlungen zur Verfügung. Für die beteiligten Wissenschaftler aus Deutschland wird es dennoch vermutlich nicht die letzte Expedition auf diese Insel gewesen sein, denn gerade die Anwendung der neu entwickelten Methoden eröffnet weitere faszinierende Forschungsperspektiven. "Ich habe mit vier Jahren begonnen, Kröten und Salamander zu sammeln und meine Eltern damit fast in den Wahnsinn getrieben", gesteht Professor Miguel Vences. Die Faszination für die Kröten hat ihn ebenso wenig verlassen wie seinen Kollegen Frank Glaw. Weder Überschwemmungen noch politische Unruhen oder die Gefahr von Malaria konnten die beiden davon abhalten, ihre Feldforschung auf Madagaskar zu betreiben. So ganz nebenbei entdeckten sie mittlerweile bei ihren Streifzügen noch über hundert neue Arten von Fröschen, außerdem neue Schlangenarten, Echsen sowie ein bisher unbekanntes Zwergchamäleon - eines der kleinsten Reptilien der Welt.

Wenn Sie mehr über das Abenteuer Forschung in den Wäldern Madagaskars erfahren möchten: Miguel Vences und Frank Glaw haben viel zu erzählen. Eine Kostprobe des Soundguides und Bilder finden Sie unter http://www.fonozoo.com oder unter http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse06/18012006.htm.

Soundguide:
Vences, M., F. Glaw & R. Marquez (2006) (Hrsg.):
The Calls of the Frogs of Madagascar. Soundguide, 3 Audio-CD. Museo Nacional de Ciencias Naturales, Madrid & Alosa, Barcelona.
ISBN 84-609-8402-8

Originalarbeiten:

Andreone, F., Cadle, J.E., Cox, N., Glaw, F., Nussbaum, R. A., Raxworthy, C. J., Stuart, S. N., Vallan, D. & Vences, M. (2005) Species review of amphibian extinction risks in Madagascar: conclusions from the Global Amphibian Assessment. Conservation Biology 19: 1790-1801.

Vences, M., Thomas, M., Bonett, R. M. & Vieites, D. R. (2005): Deciphering amphibian diversity through DNA barcoding: chances and challenges. - Philosophical Transactions of the Royal Society London, Ser. B, 360: 1859-1868.

Dr. Christian Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.volkswagenstiftung.de
http://www.fonozoo.com
http://www.volkswagenstiftung.de/presse-news/presse06/18012006.htm

Weitere Berichte zu: Frösche Madagaskar Soundguide

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolutionsvorteil der Strandschnecke
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Mobile Goldfinger
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Biegsame Touchscreens: Neues Herstellungsverfahren für transparente Elektronik verbessert

28.03.2017 | Materialwissenschaften

Mobile Goldfinger

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Schnelle Time-to-Market durch standardisierte Datacenter-Container

28.03.2017 | Informationstechnologie