Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn sich der Körper mit den eigenen Waffen schlägt: Neuer SFB untersucht Regulation des Immunsystems

01.12.2005


Bienen leiden nie an einer Pollen-Allergie - anders als Menschen: Bei denen läuft die Immunabwehr hin und wieder aus dem Ruder und attackiert körpereigene Zellen. Folge: Allergien und andere Autoimmunkrankheiten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat jetzt an der Universität Bonn einen neuen Sonderforschungsbereich bewilligt. Darin untersuchen Mediziner, Biologen, Chemiker und Chemie-Informatiker gemeinsam, wie der Körper die Immunantwort im Gewebe reguliert, so dass er sich nicht mit seinen eigenen Waffen schlägt. Rund 6,9 Millionen Euro fließen dafür in den nächsten vier Jahren an die Bonner Hochschule.



Das Immunsystem von Bienen kann konstruktionsbedingt gar nicht Amok laufen: Bei Insekten ist die Immunreaktion angeboren. Ihr Abwehrsystem erkennt die wichtigsten Krankheitserreger an bestimmten Merkmalen, die diese seit Jahrmillionen auf ihrer Oberfläche mit sich herumtragen. Nachteil: Ein Bakterium muss seine Oberflächenstrukturen nur genügend stark abwandeln, dann wird es von den Abwehrzellen einfach übersehen: "Für uns ist dieses ursprüngliche Abwehrbollwerk nicht leistungsstark genug", erklärt der Bonner Biochemiker und Zellbiologe Professor Dr. Waldemar Kolanus, Direktor des Instituts für Molekulare Physiologie und Entwicklungsbiologie. "Unser Immunsystem ist lernfähig: Es kann sich auch an neue Gefahren anpassen." Mitunter läuft das jedoch schief: Dann attackiert die Abwehr-Maschinerie fälschlicherweise körpereigene Zellen. Allergien und chronische Entzündungen können die Folge sein.

... mehr zu:
»Allergie »Immunantwort »Immunsystem


Molekulares Fahndungsposter

Kolanus ist Sprecher des neuen Sonderforschungsbereichs "Molekulare Mechanismen und chemische Modulation der lokalen Immunregulation", den die DFG jetzt bewilligt hat. Die beteiligten Wissenschaftler untersuchen, wie der Körper die Immunantwort reguliert. Ihr Interesse richtet sich dabei vor allem auf die "Antigen-präsentierenden Zellen" - das sind spezielle Fresszellen, die Krankheitserreger verdauen und danach Bruchstücke des Erregers auf ihrer Oberfläche zur Schau stellen. Mit diesem molekularen Fahndungsposter zeigen sie dem Abwehrsystem: "Das ist der Feind, den wir bekämpfen müssen!" Auf ihren chemischen Startschuss hin produziert der Körper dann ein Heer von Immunzellen, die sich genau gegen dieses präsentierte Bruchstück richten. Mitunter sind in diesem Heer aber auch Zellen, die Freund und Feind nicht genügend exakt zu unterscheiden wissen. "Die meisten dieser autoreaktiven Zellen werden abgetötet, aber nicht alle", erklärt Kolanus. "Die Immunantwort kann daher auch den eigenen Körper schädigen."

Normalerweise fährt der Körper die Immunantwort deshalb schnell wieder herunter, sobald der Eindringling besiegt ist. Dieser Schritt scheint aber bei Allergien und Autoimmunkrankheiten nicht zu funktionieren: Stattdessen wenden sich die Immunzellen gegen körpereigene Strukturen und lösen lang anhaltende Entzündungsreaktionen aus. Augenscheinlich funktioniert die Kommunikation zwischen den verschiedenen Teilen des Immunsystems nicht richtig. "Die Kontrolle der Immunantwort und der damit verbundene Schutz der körpereigenen Strukturen kann in verschiedenen Organen sehr unterschiedlich aussehen", sagt Professor Kolanus. "Wir wollen herausfinden, wie das funktioniert und ob wir damit gezielt in die Regulation von Immunantworten eingreifen können."

In Deutschland ist Immunologie meist eine Domäne der Mediziner und Biologen. Umso erstaunlicher, dass an dem Bonner SFB auch Chemiker und Chemie-Informatiker mitarbeiten - eine erfolgversprechende Konstellation, glaubt Waldemar Kolanus: "Gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt uns eine gute Chance, der Lösung dieser Frage in den nächsten vier Jahren ein gutes Stück näher zu kommen. Ein wichtiger Meilenstein in dieser Strategie ist der jetzt begonnene Neubau des LIMES (Life and Medical Sciences)-Zentrums, in dem Gruppen des neuen SFBs gemeinsam über diese Thematik forschen und lehren werden."

Kontakt:
Professor Dr. Waldemar Kolanus
Institut für Molekulare Physiologie und Entwicklungsbiologie der Uni Bonn
Telefon: 0228/73-2073 oder -1608
E-Mail: wkolanus@uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de/

Weitere Berichte zu: Allergie Immunantwort Immunsystem

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen
09.12.2016 | Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP

nachricht Wolkenbildung: Wie Feldspat als Gefrierkeim wirkt
09.12.2016 | Karlsruher Institut für Technologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Elektronenautobahn im Kristall

Physiker der Universität Würzburg haben an einer bestimmten Form topologischer Isolatoren eine überraschende Entdeckung gemacht. Die Erklärung für den Effekt findet sich in der Struktur der verwendeten Materialien. Ihre Arbeit haben die Forscher jetzt in Science veröffentlicht.

Sie sind das derzeit „heißeste Eisen“ der Physik, wie die Neue Zürcher Zeitung schreibt: topologische Isolatoren. Ihre Bedeutung wurde erst vor wenigen Wochen...

Im Focus: Electron highway inside crystal

Physicists of the University of Würzburg have made an astonishing discovery in a specific type of topological insulators. The effect is due to the structure of the materials used. The researchers have now published their work in the journal Science.

Topological insulators are currently the hot topic in physics according to the newspaper Neue Zürcher Zeitung. Only a few weeks ago, their importance was...

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hochgenaue Versuchsstände für dynamisch belastete Komponenten – Workshop zeigt Potenzial auf

09.12.2016 | Seminare Workshops

Ein Nano-Kreisverkehr für Licht

09.12.2016 | Physik Astronomie

Pflanzlicher Wirkstoff lässt Wimpern wachsen

09.12.2016 | Biowissenschaften Chemie