Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Das Überraschungsei im Vogelnest

21.11.2005


Mit der Hilfe von Blut saugenden Wanzen gelingt es Forschern des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung, Vögeln stressfrei Blut abzunehmen.


Ein Gelege aus künstlichen Eiern. In einem davon sitzt eine hungrige Raubwanze. Sie kann durch ein "vergittertes Fenster" zustechen. Foto: Dr. Christian Voigt / IZW


Eine solche Raubwanze (Dipetalogaster maximus) hilft den Forschern bei der Blutentnahme. Foto: Dr. Christian Voigt / IZW



Biologen aus Wilhelmshaven und Berlin haben eine ebenso elegante wie trickreiche Methode entwickelt, um Vögeln stressfrei Blut abzunehmen. Sie nutzen dazu eine Raubwanze, die sie den Federtieren im wahrsten Sinne des Wortes unterschieben: in einem präparierten Ei. Die Forscher haben das Verfahren erfolgreich in einer Seeschwalbenkolonie am Banter See in Wilhelmshaven getestet. Peter H. Becker (Institut für Vogelforschung "Vogelwarte Helgoland", Wilhelmshaven) und Christian C. Voigt (Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin) berichten zusammen mit Kollegen darüber im Band 147 (2006) des Journal of Ornithology.

... mehr zu:
»Eier »Raubwanze »Vögel »Wanzen »Zoo


Normalerweise müssen freilebende Vögel erst gefangen werden, um ihnen mit Kanülen Blut abnehmen zu können. Die ganze Prozedur ist nicht stressfrei für die Tiere. Die Raubwanze Dipetalogaster maximus dagegen erledigt die Aufgabe völlig unbemerkt von den Vögeln. Das Blut saugende Insekt sitzt in einem manipulierten Vogelei aus Kunststoff. Dieses Ei weist eine kleine ovale Öffnung auf, die mit einem feinen Netz versehen ist.

Die Forscher um Peter H. Becker und Christian C. Voigt tauschten jeweils ein ganzes Gelege mit künstlichen Eiern aus, wovon eines ausgehöhlt und mit einer hungrigen Raubwanze bestückt war. Die brütenden Vögel bemerkten offenbar nichts davon und setzten sich auf die falschen Eier. Durch das Netz hindurch konnte die Wanze zustechen und Blut saugen. Die Wanzen brauchten für ihre Mahlzeit rund zehn bis dreißig Minuten. Der darauf folgende Rücktausch der Eier ging problemlos vonstatten - damit hatten die Wissenschaftler eine Blutprobe, die sie per Punktion aus dem Kropf der Wanze entnahmen. Es gelang den Wissenschaftlern, von 59 brütenden Flussseeschwalben (Sterna hirundo) insgesamt 78 Blutproben zu erhalten. 68 dieser Proben wiesen mehr als 100 Mikroliter Plasma auf - genug, um es zu analysieren.

Das Wissenschaftlerteam wollte anhand von Hormonen und anderer chemischer Parameter im Blut ermitteln, welchen Stress die Elternvögel beim Brüten haben und ob dies von Faktoren wie Alter und Bruterfahrung abhängt. Christian Voigt vom Berliner IZW sagt: "Da sind die Wanzen einfach ideal, da jedwede konventionelle Probennahme Stress verursacht und dadurch die Stresshormone verfälscht." Voigt weiter: "Wir haben keinerlei Reaktion der brütenden Vögel auf den Stich beobachtet." Er hat die Methode der Blutabnahme durch Wanzen entwickelt und bereits an zahlreichen anderen Tierarten getestet. Was die Wissenschaftler besonders freut: "Kein einziges der brütenden Paare, dem wir die Eier kurzzeitig vertauschten, hat sein Gelege aufgegeben", berichtet Voigt.

Kontakt:
Dr. Christian C. Voigt
Institut für Zoo- und Wildtierforschung
Alfred-Kowalke-Str. 17
10315 Berlin
tel: 030-5168-609
fax: 030-5126-104
mail: voigt@izw-berlin.de

Josef Zens | idw
Weitere Informationen:
http://www.izw-berlin.de

Weitere Berichte zu: Eier Raubwanze Vögel Wanzen Zoo

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften