Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum manche Schnecken Haare haben

15.11.2005


Die Haarschnecke Trochulus liebt feuchtes Wetter. Dank ihrer Haare hat sie eine gute Haftung auf nassen, schwankenden Blättern. Foto: Aline Dèpraz


Bei dieser Schnecke der Gattung Tvilosus sind die haarartigen Auswüchse auf dem Gehäuse besonders gut zu erkennen. Foto: Aline Dèpraz


Frankfurter Zoologen entdecken neue Art der Haarschneckengattung Trochulus

"Behaarte" Schneckenarten kommen überall auf der Welt in unterschiedlichen Familien der Landschnecken vor. Bei dem haarigen Aufwuchs handelt es sich um fädige Auswüchse der zähen Proteinschutzschicht (Conchiolin) des Schneckenhauses. Gebildet wird diese Schutzschicht vom Mantelgewebe der Schnecken bei der Erweiterung des Gehäuses am Rand der Öffnung. Je nach Dichte und Länge der Haare erscheinen die Tiere samtig bis pelzig. Welche Funktion die "behaarten" Gehäuse haben, war den Forschern bisher ein Rätsel. "Die Bildung der Haare erfordert besondere Strategien und einen erheblich größeren Materialeinsatz als eine glatte Schale," erklärt der Frankfurter Zoologe Privatdozent Dr. Markus Pfenninger, "Eine haarige Schale stellt also einen `teuren´ Mehraufwand dar, der seinem Träger irgendeinen evolutiven Vorteil bringen sollte".

... mehr zu:
»Gattung »Gehäuse »Schnecken »Zoologe

Einen Hinweis auf des Rätsels Lösung gab die Beobachtung, dass die behaarten Arten vorzugsweise in feuchten Waldhabitaten vorkommen. Um sich zu vergewissern, dass dies kein Zufall ist, rekonstruierte die Forschergruppe um Pfenninger, an der auch Wissenschaftler aus Prag, Konstanz und Lausanne beteiligt sind, die Stammesgeschichte der Haarschneckengattung Trochulus. In dieser in Mitteleuropa verbreiteten Gattung gibt es sowohl behaarte als auch glatte Arten, was die Voraussetzung für eine solche Untersuchung ist. Sehr zuverlässig lässt sich die Stammesgeschichte durch den genetischen Vergleich von nukleären und mitochondrialen DNA-Sequenzen rekonstruieren. Bei dieser Gelegenheit entdeckten Pfenninger und seine Frau Anne Pfenninger auch eine bisher nicht bekannte Art, die sie Trochulus piccardi benannten. Dieser Fund wäre allein durch die Beschreibung äußerer Merkmale nicht möglich gewesen, weil sich viele Arten der Gattung Trochulus sehr stark ähneln.

Die Untersuchung hat gezeigt, daß die letzte gemeinsame Vorfahrenart aller Trochulus-Schnecken aller Wahrscheinlichkeit nach bereits Haare hatte und in einem feuchten Habitat lebte. Im Laufe der Evolution gingen dann diese Haare mindestens drei Mal unabhängig voneinander verloren und zwar jeweils beim Übergang zu trockenem Habitat. Das spricht dafür, dass die Haare in trockener Umgebung nicht gebraucht werden. Wozu sind sie aber in feuchter Umgebung nützlich? 1999 hatte der russische Zoologe Suvorov vermutet, die Haare würden die Fortbewegung auf nassen Oberflächen erleichtern, indem sie den Wasserfilm vom Gehäuse fernhalten. Dass gerade das Gegenteil der Fall ist, konnten Pfenninger und seine Kollegen jetzt experimentell nachweisen. "Die Haarschnecken der Gattung Trochulus gehen meistens bei sehr feuchtem Wetter auf Nahrungssuche," erklärt Pfenninger, "Sie bevorzugen krautige Pflanzen, wie z.B. Huflattich, die dann mit einem Wasserfilm überzogen sind. Eine Schnecke, die sich auf solch schwankendem Grund ernährt, benötigt also jedes bisschen zusätzliche Haftung, die sie bekommen kann." Denn fiele die Schnecke von ihrer oft ein Meter über dem Boden schwebenden Futterquelle, würde es für sie einen immensen Energieverlust bedeuten, wieder hochzuklettern.


Kontakt: PD. Dr. Markus Pfenninger. Zoologisches Institut der J.W.Goethe-Universität, Tel.: 069 798 24714. E-Mail: Pfenninger@zoology.uni-frankfurt.de

Anne Hardy | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-frankfurt.de
http://user.uni-frankfurt.de/~markusp/

Weitere Berichte zu: Gattung Gehäuse Schnecken Zoologe

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur
17.08.2017 | Deutsches Krebsforschungszentrum

nachricht Magenkrebs: Auch Bakterien können Auslöser sein
17.08.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten