Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kein Zurück zum Nicht-Wissen

17.09.2001


Gentests sollen freiwillig sein. Ihre Folgen sind allerdings nicht immer absehbar. Bürger und Experten diskutieren auf dem Berliner Wissenschaftssommer über die Gendiagnostik: Kristallkugel oder Lebensplaner?

Habe ich ein höheres Risiko, durch Schadstoffe an meinem Arbeitsplatz an Krebs zu erkranken? Trage ich ein erbliches Risiko für Brustkrebs? Wird mein Kind gesund zur Welt kommen oder an einer Erbkrankheit leiden? Schon heute stehen Gentests zur Verfügung, die solche Fragen beantworten. In naher Zukunft dürften es mehr werden. Die Tests geben Auskunft über genetische Veranlagungen eines Menschen oder eines werdenden Lebens für verschiedene Erkrankungen. Mit den Auswirkungen der Gendiagnostik setzten sich Experten auf einer Veranstaltung des Wissenschaftssommers in Berlin auseinander.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen Gentests und klassischen Diagnoseverfahren stellte der Biomathematiker Professor Max Baur von der Universität Bonn heraus: Üblicherweise erfolgt die Diagnostik von Ursache oder Erreger einer Krankheit erst dann, wenn Symptome auftreten. "Die Gendiagnostik dagegen ist die Vorhersage einer Krankheit, noch ehe diese ausbricht."

Bei Erbleiden, die auf Veränderungen (Mutationen) in einem einzigen Gen beruhen, kann die Mutation eindeutig diagnostiziert werden. Als Beispiel führte Baur die Nervenerkrankung Chorea Huntington an. Bei Menschen, die das defekte Gen geerbt haben, bricht die Krankheit in der Mitte des Lebens aus und führt dann zu einem raschen Tod.

Anders bei komplexen Erkrankungen, bei denen mehrere Gene zusammenwirken oder auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Hier helfen genetische Untersuchungen zunächst nur den Forschern, genetische "Risikofaktoren" aufgrund der Untersuchung von vielen Menschen zu identifizieren. Erst dann können aus solchen Daten, so Baur, für den Einzelnen Prognosen abgeleitet sowie Präventions- oder Therapie-Empfehlungen ausgesprochen werden.

Selbstbestimmung fördert und bremst Gendiagnostik

"Die Gesellschaft muss das Recht auf Nicht-Wissen schützen", forderte der Berliner Soziologe Professor Wolfgang van den Daele. Vor allem das Recht auf Selbstbestimmung fördere einerseits, bremse aber andererseits die Gendiagnostik. Wenn Menschen einen Test, beispielsweise auf erbliche Erkrankungen verweigere, dürften ihm daraus keine Nachteile bei Versicherungen oder Arbeitgebern erwachsen. "Dies muss verboten werden." Gleichzeitig habe der Einzelne aber auch ein Recht auf Wissen: Der Arbeitgeber solle etwa keine Tests für die Neigung zu Allergien verlangen dürfen, "aber ich selbst könnte meine Berufswahl danach ausrichten", betonte van den Daele.

Vorsellbar seien auch andere Aspekte einer selbst bestimmten "genetisch geleiteten Lebensplanung": Es müsse möglich sein, so der Soziologe, "die Veranlagung für eine verhinderbare Krankheit zu diagnostizieren, um entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen - um etwa spätestens bei bei einem hohen genetischen Risiko auf das Rauchen zu verzichten".

Tests am ungeborenen Kind haben für van den Daele "nichts mit Medizin zu tun, allein mit Selbstbestimmung". Jede Frau habe heute das Recht, auch einen gesunden Fötus abzutreiben. "Dann zu sagen, einen kranken darfst du nicht abtreiben, das hält man nicht aus". Heute stelle sich vor allem die Frage "Will ich das wissen?" Es gebe kein Zurück mehr in den paradiesischen Zustand, dass man etwas gar nicht wissen könne.

Freiwilligkeit ist für Dr. Heidemarie Neitzel, Humangenetikerin aus Berlin, die wichtigste Rahmenbedingung für genetische Tests. Diese sollten nur in Verbindung mit einer genetischen Beratung durchgeführt werden. Heute werde schon bei Neugeborenen eine Vielzahl von Tests auf Stoffwechselstörungen eingesetzt, die aber alle therapierbar seien, so Neitzel. Die Eltern würden in der Regel jedoch erst dann informiert, wenn eine Krankheit festgestellt werde, um gemeinsam eine Therapie zu besprechen. In Zukunft erwartet Neitzel eine "enorme Zunahme der pränatalen und prädiktiven Tests", ohne dass sich jedoch daraus bei der Mehrzahl der Erkrankungen eine Möglichkeit zur Behandlung ergebe.

Keine Gefahr der Abwertung behinderten Lebens

Vorgeburtliche Tests mit der Möglichkeit, eine Schwangerschaft abzubrechen, sind für van den Daele keine Gefahr, dass behindertes Leben abgewertet werde. "Man muss die demokratischen Institutionen verteidigen", dann bestehe diese Gefahr nicht. Sorge bereitet ihm allerdings moralischer Druck aus dem unmittelbaren Umfeld einer Frau, die ein behindertes Kind zur Welt bringt. Mit dem Satz "das hätte doch nicht sein müssen" würde zwar auch in Zukunft keine Krankenkasse reagieren. Doch bei Verwandten, Nachbarn und Freunden sei diese Form der Abwertung durchaus vorstellbar. Da jedoch nur drei bis fünf Prozent aller Behinderungen angeboren seien, besteht für van den Daele kaum Gefahr, dass sich die Einstellung zu Behinderten im Alltag allein aufgrund der neuen Möglichkeiten der Gendiagnostik ändere.

"Man kann nicht davon ausgehen, dass jede zusätzliche diagnostische Möglichkeit auch dazu führt, dass mehr Babys abgetrieben werden", ergänzte Max Baur. Im Gegenteil: heute entschieden sich mehr Eltern für das Leben eines Kindes mit angeborenen Behinderungen, weil diese mit Hilfe moderner Medizin besser zu handhaben seien als früher.

Vor möglichen unvorhersehbaren Folgen eines Gentests warnte Heidemarie Neitzel: Sei ein Test einmal dokumentiert, könne er nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Versicherungen dürften zwar derzeit keine Tests von ihren Kunden verlangen, aber "wenn ein Test einmal durchgeführt wurde, dann muss er in jedem Fall etwa bei Abschluss einer Lebensversicherung angegeben werden". Ihr Rat: "Eine Versicherung lieber vor dem Test abschließen."

Barbara Ritzert | idw
Weitere Informationen:
http://wissenschaftssommer2001.de/

Weitere Berichte zu: Gen Gendiagnostik Gentest

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark
25.07.2017 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

nachricht Welcher Scotch ist es?
25.07.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Kohlenstoff-Nanoröhrchen verwandeln Strom in leuchtende Quasiteilchen

Starke Licht-Materie-Kopplung in diesen halbleitenden Röhrchen könnte zu elektrisch gepumpten Lasern führen

Auch durch Anregung mit Strom ist die Erzeugung von leuchtenden Quasiteilchen aus Licht und Materie in halbleitenden Kohlenstoff-Nanoröhrchen möglich....

Im Focus: Carbon Nanotubes Turn Electrical Current into Light-emitting Quasi-particles

Strong light-matter coupling in these semiconducting tubes may hold the key to electrically pumped lasers

Light-matter quasi-particles can be generated electrically in semiconducting carbon nanotubes. Material scientists and physicists from Heidelberg University...

Im Focus: Breitbandlichtquellen mit flüssigem Kern

Jenaer Forschern ist es gelungen breitbandiges Laserlicht im mittleren Infrarotbereich mit Hilfe von flüssigkeitsgefüllten optischen Fasern zu erzeugen. Mit den Fasern lieferten sie zudem experimentelle Beweise für eine neue Dynamik von Solitonen – zeitlich und spektral stabile Lichtwellen – die aufgrund der besonderen Eigenschaften des Flüssigkerns entsteht. Die Ergebnisse der Arbeiten publizierte das Jenaer Wissenschaftler-Team vom Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT), dem Fraunhofer-Insitut für Angewandte Optik und Feinmechanik, der Friedrich-Schiller-Universität Jena und des Helmholtz-Insituts im renommierten Fachblatt Nature Communications.

Aus einem ultraschnellen intensiven Laserpuls, den sie in die Faser einkoppeln, erzeugen die Wissenschaftler ein, für das menschliche Auge nicht sichtbares,...

Im Focus: Flexible proximity sensor creates smart surfaces

Fraunhofer IPA has developed a proximity sensor made from silicone and carbon nanotubes (CNT) which detects objects and determines their position. The materials and printing process used mean that the sensor is extremely flexible, economical and can be used for large surfaces. Industry and research partners can use and further develop this innovation straight away.

At first glance, the proximity sensor appears to be nothing special: a thin, elastic layer of silicone onto which black square surfaces are printed, but these...

Im Focus: 3-D scanning with water

3-D shape acquisition using water displacement as the shape sensor for the reconstruction of complex objects

A global team of computer scientists and engineers have developed an innovative technique that more completely reconstructs challenging 3D objects. An ancient...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

2. Spitzentreffen »Industrie 4.0 live«

25.07.2017 | Veranstaltungen

Gipfeltreffen der String-Mathematik: Internationale Konferenz StringMath 2017

24.07.2017 | Veranstaltungen

Von atmosphärischen Teilchen bis hin zu Polymeren aus nachwachsenden Rohstoffen

24.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

IT-Experten entdecken Chancen für den Channel-Markt

25.07.2017 | Unternehmensmeldung

Erst hot dann Schrott! – Elektronik-Überhitzung effektiv vorbeugen

25.07.2017 | Seminare Workshops

Dichtes Gefäßnetz reguliert Bildung von Thrombozyten im Knochenmark

25.07.2017 | Biowissenschaften Chemie