Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Diagnostik und Genetik der Epilepsie

15.09.2005


Prof. Dr. Christian E. Elger von der Universität Bonn und Prof. Dr. Samuel F. Berkovic, Epilepsy Research Centre, University of Melbourne, erhalten den Zülch-Preis 2005

Zum 16. Mal vergibt die von der Max-Planck-Gesellschaft treuhänderisch geführte Gertrud Reemtsma Stiftung den mit 50000 Euro dotierten Zülch-Preis für besondere Leistungen in der neurologischen Grundlagenforschung. Wie in den vergangenen Jahren wird der Preis geteilt. Geehrt werden zwei Forscher, die Herausragendes zur Aufklärung und Behandlung der Epilepsie geleistet haben: Prof. Dr. Christian Elger wird ausgezeichnet für seine herausragenden wissenschaftlichen Untersuchungen auf dem Gebiet der experimentellen Epilepsieforschung und deren Übertragung auf die klinische Epileptologie; Prof. Dr. Samuel Berkovic erhält den Preis in Anerkennung seiner bahnbrechenden Untersuchungen über die genetischen Grundlagen der Epilepsie, insbesondere deren Verursachung durch Störungen von Ionenkanälen.

Professor Christian Elger, Jahrgang 1945, absolvierte nach dem Abitur zunächst ein Praktikum bei dem Theaterregisseur Peter Palitsch in Stuttgart, studierte dann ein Semester Biologie und Chemie in Tübingen und nahm 1969 das Studium der Humanmedizin an der Universität Münster auf. Nach seiner Approbation als Arzt (1976) war er hier bis 1982 wissenschaftlicher Assistent am Physiologischen Institut, wurde 1978 zum Dr. med. promoviert und habilitierte sich vier Jahre später für das Fach Physiologie. Bis 1985 erhielt er in Münster, Memphis (USA) und Zürich eine Ausbildung zum Arzt für Neurologie und habilitierte sich 1986 auch für dieses Fach.

Seit 1987 ist Christian Elger Professor für Epileptologie an der Universität Bonn und seit Ende 1990 Direktor der Bonner Universitätsklinik für Epileptologie. Hier baute er ein Team auf, das intensive Grundlagenforschung betreibt und die Kriterien für eine Differenzierung zwischen pharmakologischer und operativer Epilepsiebehandlung erstellt.

Elger selbst arbeitet nicht chirurgisch, sondern konzentriert sich auf die aufwändige Diagnostik, die der operativen Behandlung vorausgeht. Von 1997 bis 1999 war er Vorsitzender der Deutschen Liga gegen Epilepsie und von 2000 bis 2001 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie. Zusammen mit sieben deutschen Kollegen rief er im Jahr 2000 das "Jahrzehnt des menschlichen Gehirns" aus - als Fortsetzung der amerikanischen "Decade of the brain". Seit 1999 ist Elger Fellow of the Royal College of Physicians in London und seit 2000 Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften.

Sein Festvortrag anlässlich der Verleihung des Zülch-Preises trägt den Titel "Epilepsie - Erkrankung und Modell zur Untersuchung des menschlichen Gehirns". Mit etwa 600000 Betroffenen ist die Epilepsie die zweithäufigste neurologische Erkrankung in Deutschland. In der Regel lässt sie sich gut behandeln: Etwa zwei Drittel aller Patienten profitierten derart von einer medikamentösen Therapie, dass sie ein weit gehend normales Leben ohne Anfälle zu führen vermögen. Das restliche Drittel der Patienten ist jedoch mehr oder weniger pharmakoresistent. In dieser Gruppe gibt es laut Christian Elger zahlreiche Fälle, die von einem epilepsiechirurgischen Eingriff - der operativen Entfernung eines Epilepsieherdes im Gehirn - so profitieren können, dass sie nach der Operation dauerhaft anfallsfrei sind.

Voraussetzung für eine solche Operation sei aber eine aufwändige prächirurgische Epilepsiediagnostik. Zum Beispiel müssten bei einem Teil der OP-Kandidaten Elektroden in das Gehirn eingebracht werden, um einen Epilepsieherd, der sich in erster Linie durch krankhafte elektrische Entladungen der Nervenzellen bemerkbar macht, so exakt zu lokalisieren, dass ein späterer resektiver Eingriff möglichst schonend vorgenommen werden kann.

Studien im Umfeld dieser prächirurgischen Epilepsiediagnostik haben laut Elger erstaunliche Befunde über die Prozesse erbracht, die der deklarativen Gedächtnisbildung, das heißt der Speicherung und dem Abruf von abstraktem Wissen und persönlichen Erinnerungen, zu Grunde liegen. Und sie hätten es ermöglicht, das faszinierende Phänomen der Plastizität des Gehirns zu untersuchen, also die Übernahme von Funktionen einer geschädigten Hirnhemisphäre durch eine andere. Elgers Fazit: "Viele wichtige Fragen rund um das menschliche Gehirn lassen sich im Umfeld der prächirurgischen Epilepsiediagnostik optimal bearbeiten."

Professor Samuel Berkovic, 1953 in Melbourne geboren, studierte Medizin an der dortigen Universität und wurde im Jahr 1985 promoviert. Anschließend war er Research Fellow am Montreal Neurological Institute in Kanada und an der University of Melbourne. Seit 1987 arbeitet er als Neurologe am Austin Hospital in Melbourne, außerdem ist er Professor am Department of Medicine und Direktor des Epilepsy Research Centre der Melbourne University.

Viele wissenschaftliche Gesellschaften und Akademien, darunter die American Academy of Neurology und die Australien Academy of Science, zählen Samuel Berkovic zu ihren Mitgliedern oder Fellows. Der Forscher ist Träger hoher Auszeichnungen, so des Epilepsy Research Recognition Award der American Epilepsy Society (1995), des Novartis Prize for Epilepsy Research (2001) und des GlaxoSmithKline Australia Award for Research Excellence (2002).

Schon seit Hippokrates, so Samuel Berkovic in seinem Festvortrag "Epilepsy Genetics - Learning from patients to solve mysteries", ist bekannt, dass Epilepsie eine erbliche Komponente enthält. In jüngster Zeit sei es seinem Team und anderen Gruppen gelungen, die Natur dieser Erbfaktoren aufzuklären. Dabei arbeiteten klinische Forscher, Patienten - vorwiegend Zwillinge oder Familien, bei denen Epilepsiefälle gehäuft auftraten - und Molekulargenetiker eng zusammen. Das Ergebnis dieser Kooperation führte zu wertvollen Einsichten in die Natur der Epilepsien.

So fanden die Wissenschaftler heraus, dass bestimmte Formen der Epilepsie durch vererbte Störungen von Ionenkanälen ausgelöst werden. Ionenkanäle sind Proteine, die an der Zelloberfläche sitzen und den Fluss von Ionen (Salzen) in die Zelle oder aus ihr heraus regeln. Als Ursache von Epilepsien wurden Störungen derartiger Ionenkanäle identifiziert - und zwar sowohl solcher, die auf die elektrischen Bedingungen der Hirnzellen reagieren, als auch solcher, deren Reaktion von der Bindung chemischer Botenstoffe zwischen den Zellen abhängt. Im Jahr 1995 lokalisierte das Team von Berkovic sogar erstmals ein Gen, dessen Mutation zu Störungen in den Ionenkanälen führt. Inzwischen haben Forscher weitere derartige Gene aufgespürt, viele von ihnen unter Mitarbeit der Melbourner Gruppe. Allerdings sind viele Rätsel der Epilepsien noch ungelöst. Warum zum Beispiel wachsen Kinder oft aus der Epilepsie heraus, das heißt, warum treten solche Anfälle erstmals in einem bestimmten Alter auf und verschwinden später wieder, obwohl die genetische Abnormität weiterhin besteht? Die Erforschung der Ionenkanal-Funktion führt hier zu ersten Antworten auf solche Fragen. Die neuen Erkenntnisse ermöglichen es Samuel Berkovic zufolge, Patienten und Familien mit bisher unerklärlichen Epilepsieformen genetisch zu beraten. Und sie wecken außerdem die Hoffnung, in naher Zukunft neue und bessere Behandlungsformen zu entwickeln.

Die Übergabe des Zülch-Preises 2005 durch den Vizepräsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Dr. Herbert Jäckle, findet am 30. September 2005 ab 10.00 Uhr im Isabellensaal des Kölner Gürzenich statt. Die Laudatio auf Christian Elger hält Prof. Dr. Hans-Jochen Heinze, Klinik für Neurologie, Universität Magdeburg; als Laudator für Samuel Berkovic konnte Prof. Dr. Thomas Jentsch, Zentrum für Molekulare Neurobiologie, Universität Hamburg, gewonnen werden.

Die Gertrud Reemtsma Stiftung wurde 1989 von Gertrud Reemtsma in Gedenken an ihren verstorbenen Bruder, den Neurologen Prof. Dr. Klaus Joachim Zülch, ehemaliger Direktor der Kölner Abteilung des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt, mit dem Ziel gegründet, die Erinnerung an das Lebenswerk ihres Bruders wach zu halten und besondere Leistungen in der neurologischen Grundlagenforschung anzuerkennen und zu fördern. Gertrud Reemtsma war schon Ende der 1930er-Jahre mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung in Berlin-Buch in Verbindung getreten: Als Klaus Joachim Zülch dort als Neuropathologe und Neurologe arbeitete, folgte sie ihrem Bruder als Sekretärin nach.

Nach dem Krieg war Gertrud Reemtsma ein große Förderin der Max-Planck-Gesellschaft - und zwar nicht nur seit 1964 als Förderndes Mitglied, sondern auch über finanzielle Zuwendungen für die von ihrem Bruder geleitete Kölner Forschungsabteilung. Gertrud Reemtsma starb Anfang 1996 im 80. Lebensjahr in Hamburg.

Dr. Andreas Trepte | idw
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de

Weitere Berichte zu: Epilepsie Epilepsy Zülch-Preis

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Besser lernen dank Zink?
23.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Raben: "Junggesellen" leben in dynamischen sozialen Gruppen
23.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Event News

International Land Use Symposium ILUS 2017: Call for Abstracts and Registration open

20.03.2017 | Event News

CONNECT 2017: International congress on connective tissue

14.03.2017 | Event News

ICTM Conference: Turbine Construction between Big Data and Additive Manufacturing

07.03.2017 | Event News

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen

Verschwindende Äderchen: Diabetes schädigt kleine Blutgefäße am Herz und erhöht das Infarkt-Risiko

23.03.2017 | Medizin Gesundheit

Die Evolutionsgeschichte der Wespen, Bienen und Ameisen erstmals entschlüsselt

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie