Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ein kleines Licht im Dunkel der Vergangenheit. Mit dem Forschungsschiff Meteor auf der Suche nach Spirula

19.08.2005


Spirula

(c) Kerstin Warnke


Tiefseekalmar

(c) Kerstin Warnke


Tintenfische sind für Paläontologen von großer Bedeutung, denn sie waren - wesentlich länger als die Dinosaurier an Land - die Herrscher der Weltmeere. Ihre versteinerte Schale macht die Ammoniten auch heute, 65 Millionen Jahren nach ihrem Aussterben, noch gut sichtbar und führt die Paläontologen als Leitfossil durch die Gesteinsschichten. Die Wissenschaftler versuchen, Rückschlüsse auf das damalige Leben der Kopffüßer zu ziehen. Doch das geht nicht ohne die Biologie. Bisher beschränkten sich die Untersuchungen hauptsächlich auf Nautilus, jetzt nimmt Dr. Kerstin Warnke aus der Fachrichtung Paläontologie der Freien Universität (FU) Berlin einen anderen rezenten Tintenfisch unter die Lupe: Spirula spirula. Auf dem Forschungsschiff Meteor ging die Biologin jetzt auf die Suche nach dem schwer zu findenden Weichtier. Und wurde fündig.


Der Abschnitt der Expedition M65-3 führte die Meteor von Las Palmas bis vor die Küste Marokkos. Dort ging Spirula der deutschen Forscherin ins extra für den Fang angefertigte pelagische Schleppnetz. Über das so genannte Posthörnchen, das als einziger moderner Tintenfisch eine gut entwickelte innere Schale besitzt, ist zurzeit wenig bekannt. Deshalb war es überaus spannend, das Verhalten des bis zu sieben Zentimeter großen Cephalopoden im Aquarium zu studieren. Deutlich größere Bedeutung hatte jedoch der Fang geschlechtsreifer Weibchen und Männchen. Denn Spirula wird als geeignetes Modell für die Embryonalentwicklung der bereits am Ende der Kreidezeit ausgestorbenen Ammoniten angesehen. Warum? Weil beispielsweise die Eigröße und der Aufbau der Anfangskammer der Schale des kleinen Kopffüßers denen der Ammoniten sehr ähnlich sind.

Eier und Spermien wurden den Tieren entnommen, um durch künstliche Befruchtung die Embryonalentwicklung einzuleiten. Bisher ist weder bekannt wie die frisch geschlüpften Tiere aussehen, noch in welcher Tiefe, Lokalität oder Form der Laich abgelegt wird. So weit hofft Kerstin Warnke kaum zu kommen. Sie hält jetzt, da sie zurück in der FU Berlin ist, die Entdeckung erster Embryonalstadien für realistisch.


Sämtliche zwischen 200 und 800 Meter Tiefe gefangenen Spirula wurden noch auf der Meteor eingefroren oder in Alkohol fixiert, um eine weitere Aufgabe angehen zu können: Die Präzisierung der Stellung des Posthörnchens in der Gruppe der Cephalopoden. Durch DNA-Analysen soll herausgefunden werden, wo sich Spirula eingliedert und ob es möglicherweise mehrere Arten gibt. Für diese Arbeit sind auch die nebenbei gefangenen weiteren 15 Tiefsee-Tintenfische durchaus von Wert.

Dominiert war der Fang durch Vertreter der typischen Tiefseefauna (Anglerfische, Leuchtsardinen, Leuchtgarnelen etc.). Diesen Beifang bekamen die Kooperationspartner vom Instituto Canarias Ciencias Marinas (ICCM) auf Gran Canaria zur taxonomischen Auswertung. Vor der Meteor-Ausfahrt hatte das ICCM Kerstin Warnke für ihre Fischzüge auf dem Forschungsschiff Taliarte Gastrecht gewährt. Nach dem Untergang der Taliarte im Jahr 2003 suchte die Berliner Wissenschaftlerin lange nach einem geeigneten Nachfolge-Objekt. Und profitierte schließlich vom Kontakt des FU-Professors Helmut Keupp zu dessen Bremer Kollegen Professor Gerold Wefer aus dem Fachbereich Geowissenschaften (Universität Bremen). Ein Volltreffer, wie sich schnell herausstellte. Denn auf dem zweitgrößten Forschungsschiff Deutschlands, der Meteor, war noch ein Platz frei.

Das Forschungsschiff Meteor ist mehr als 97 Meter lang, 16,50 Meter breit, hat eine Verdrängung von 4780 Tonnen und eine Reisegeschwindigkeit von 11,5 Knoten. Das 19 Jahre alte, in Travemünde gebaute Prachtstück ist voll klimatisiert und hat Platz für 33 Seemänner und 30 Wissenschaftler. 20 Laborräume mit insgesamt rund 400 Quadratmetern Fläche sorgen für ideale Bedingungen, Netze können über 17 Winden in die Tiefe gelassen werden.

Die eigentliche Bestimmung dieser Fahrt war der Test eines neuen Bohrgeräts für die marinen Geowissenschaften in Bremen. Dennoch blieb für Kerstin Warnke genug Zeit zum Fischen. Was die Basis schuf für noch mehr Arbeit. Denn Auswertung, DNA-Analyse und die Beobachtung der Embryonalentwicklung in der FU Berlin werden einige Zeit in Anspruch nehmen. Und erst dann wäre bei gutem Verlauf etwas Licht ins Dunkel der Vergangenheit gebracht, etwas mehr Wissen über die ehemaligen Herrscher der Weltmeere vorhanden.

von Micha Bustian

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Kerstin Warnke, Fachrichtung Paläontologie der Freien Universität Berlin, Tel: 030 / 838-70282, E-Mail: Warnke@zedat.fu-berlin.de

Ilka Seer | idw
Weitere Informationen:
http://www.fu-berlin.de

Weitere Berichte zu: Ammonite Embryonalentwicklung Forschungsschiff Meteor Schale Spirula

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur
17.08.2017 | Deutsches Krebsforschungszentrum

nachricht Magenkrebs: Auch Bakterien können Auslöser sein
17.08.2017 | Charité – Universitätsmedizin Berlin

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Im Focus: Exotic quantum states made from light: Physicists create optical “wells” for a super-photon

Physicists at the University of Bonn have managed to create optical hollows and more complex patterns into which the light of a Bose-Einstein condensate flows. The creation of such highly low-loss structures for light is a prerequisite for complex light circuits, such as for quantum information processing for a new generation of computers. The researchers are now presenting their results in the journal Nature Photonics.

Light particles (photons) occur as tiny, indivisible portions. Many thousands of these light portions can be merged to form a single super-photon if they are...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

Sensibilisierungskampagne zu Pilzinfektionen

15.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Scharfe Röntgenblitze aus dem Atomkern

17.08.2017 | Physik Astronomie

Fake News finden und bekämpfen

17.08.2017 | Interdisziplinäre Forschung

Effizienz steigern, Kosten senken!

17.08.2017 | Messenachrichten