Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Bonner Wissenschaftler entwickeln Bioethik-Material für die Schule

30.08.2001


Das Deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE) hat in Zusammenarbeit mit Bonner Biologie-Didaktikern sowie einer Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern sowie zwei ihrer Schulklassen Material für ein fächerübergreifendes Bioethik-Projekt in der Sekundarstufe I entwickelt. Ziel: Chancen und Risiken der Genforschung aus bioethischer Sicht zu beleuchten. Das Projekt umfasst sowohl Rollenspiele als auch ein schulgeeignetes molekulargenetisches Experiment; die Materialien sind beim DRZE zu beziehen.

Als Beispiel hat das Projektteam die Chorea-Huntington-Erkrankung gewählt, bei der das Nervensystem zunehmend geschädigt wird. Die ersten Symptome treten bei dieser Erbkrankheit meist im vierten Lebensjahrzehnt auf und verschärfen sich in den Folgejahren bis zum Tod etwa zehn bis zwanzig Jahre nach Ausbruch der Erkrankung. "Wir haben uns für Chorea Huntington entschieden, weil es das seltene Beispiel einer tödlich verlaufenden und unheilbaren Erkrankung ist, die durch die Mutation eines einzigen Gens ausgelöst wird und zudem sehr sicher diagnostiziert werden kann", erläutert Dr. Rudolf Teuwsen, Geschäftsführer des DRZE, den Ansatz.

Jürgen Kreuz, der im Rahmen des Projekts "überkreuz Lernen&Lehren" zusammen mit Universitäts- und Schulangehörigen schon mehrere Projekte im Bereich Gentechnik durchgeführt hat, erklärt: "Chorea Huntington treibt die ethische Brisanz der Gentests auf die Spitze: Ich erfahre etwas über eine tödlich verlaufende Krankheit, die irgendwann mit Sicherheit ausbrechen wird und die nicht geheilt werden kann."

Etwa 5 bis 10 von 100.000 Deutschen leiden unter Chorea Huntington. Die Ursache ist seit 1993 bekannt: Ein bestimmter Genabschnitt ist bei Chorea-Patienten verlängert. Beim Gentest wird die Genlänge überprüft. Überschreitet sie eine gewisse Größe, kommt die Krankheit mit hundertprozentiger Sicherheit im Laufe des Lebens zum Ausbruch. Die Krankheit wird dominant vererbt: Trägt ein Elternteil das mutierte Gen, beträgt das Chorea-Risiko für die Kinder statistisch gesehen 50 Prozent.

Jürgen Kreuz und Martin Völker haben nun mit dem DRZE ein fächerübergreifendes Projekt entwickelt, bei dem die Schüler einerseits die genetischen Grundlagen der Erkrankung verstehen und andererseits ein Gefühl für die ethischen Konsequenzen eines Gentests entwickeln sollen. Finanzielle Unterstützung bekamen sie dabei vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. So sollen die Schüler in Rollenspielen verschiedene Positionen einnehmen -"beispielsweise die Rolle des Arztes, der den Test durchführt, der Eltern oder des möglicherweise Erkrankten", erläutert der DRZE-Geschäftsführer. Die Fragen, die dabei aufkommen, sind vielfältig: Wie gehe ich damit um, dass ich bereits Jahrzehnte vor Ausbruch der Krankheit weiß, daß ich an Chorea Huntington sterben werde? Soll ich dennoch ein Kind in die Welt setzen, auch wenn es dann mit dem Wissen leben muss, irgendwann ebenfalls erkranken zu können?

Die biologischen Grundlagen erarbeiten sich die Schüler, indem sie selbst im Experiment den Ablauf eines Gentests kennenlernen. Bei der Durchführung des Projektwoche sollen Biologie- und Ethik- oder Religionslehrer kooperieren. "Das kann man keinem Lehrer allein überlassen", betont Teuwsen. Um die Praxistauglichkeit des Unterrichtsmaterials zu gewährleisten, hatte das Projektteam zuerst von Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Fachrichtungen ein Anforderungsprofil erstellen lassen. Im Praxistest mit einem Biologie-Kurs der Klasse 9 und einem Ethik-Kurs der Klasse 10 hat das Material bereits seine Eignung für die Sekundarstufe I unter Beweis gestellt. Teuwsen: "Wir wollen nun Mittel einwerben, um die Anregung der beteiligten Lehrerinnen und Lehrer aufzugreifen, über den Modellfall Chorea Huntington hinaus Material für andere bioethisch interessante Beispiele zu erstellen." Außerdem sind Fortbildungsveranstaltungen geplant, in deren Rahmen Jürgen Kreuz Praxis- und Theoriewissen zum Projekt vermitteln wird.


Die Materialien sind beim Deutschen Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften, Tel.: 0228/73-1930, Fax: 0228/73-1940, E-Mail: info@drze.de, gegen ein Entgelt von DM 10 zu beziehen.

Frank Luerweg | idw

Weitere Berichte zu: DRZE Gentest

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Licht zur Herstellung energiereicher Chemikalien nutzen
22.05.2018 | Friedrich-Schiller-Universität Jena

nachricht Junger Embryo verspeist gefährliche Zelle
22.05.2018 | Rudolf-Virchow-Zentrum für Experimentelle Biomedizin der Universität Würzburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

Passt eine ultrakalte Wolke aus zehntausenden Rubidium-Atomen in ein einzelnes Riesenatom? Forscherinnen und Forschern am 5. Physikalischen Institut der Universität Stuttgart ist dies erstmals gelungen. Sie zeigten einen ganz neuen Ansatz, die Wechselwirkung von geladenen Kernen mit neutralen Atomen bei weitaus niedrigeren Temperaturen zu untersuchen, als es bisher möglich war. Dies könnte einen wichtigen Schritt darstellen, um in Zukunft quantenmechanische Effekte in der Atom-Ion Wechselwirkung zu studieren. Das renommierte Fachjournal Physical Review Letters und das populärwissenschaftliche Begleitjournal Physics berichteten darüber.*)

In dem Experiment regten die Forscherinnen und Forscher ein Elektron eines einzelnen Atoms in einem Bose-Einstein-Kondensat mit Laserstrahlen in einen riesigen...

Im Focus: Algorithmen für die Leberchirurgie – weltweit sicherer operieren

Die Leber durchlaufen vier komplex verwobene Gefäßsysteme. Die chirurgische Entfernung von Tumoren ist daher oft eine schwierige Aufgabe. Das Fraunhofer-Institut für Bildgestützte Medizin MEVIS hat Algorithmen entwickelt, die die Bilddaten von Patienten analysieren und chirurgische Risiken berechnen. Leberkrebsoperationen werden damit besser planbar und sicherer.

Jährlich erkranken weltweit 750.000 Menschen neu an Leberkrebs, viele weitere entwickeln Lebermetastasen aufgrund anderer Krebserkrankungen. Ein chirurgischer...

Im Focus: Positronen leuchten besser

Leuchtstoffe werden schon lange benutzt, im Alltag zum Beispiel im Bildschirm von Fernsehgeräten oder in PC-Monitoren, in der Wissenschaft zum Untersuchen von Plasmen, Teilchen- oder Antiteilchenstrahlen. Gleich ob Teilchen oder Antiteilchen – treffen sie auf einen Leuchtstoff auf, regen sie ihn zum Lumineszieren an. Unbekannt war jedoch bisher, dass die Lichtausbeute mit Elektronen wesentlich niedriger ist als mit Positronen, ihren Antiteilchen. Dies hat Dr. Eve Stenson im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching und Greifswald jetzt beim Vorbereiten von Experimenten mit Materie-Antimaterie-Plasmen entdeckt.

„Wäre Antimaterie nicht so schwierig herzustellen, könnte man auf eine Ära hochleuchtender Niederspannungs-Displays hoffen, in der die Leuchtschirme nicht von...

Im Focus: Erklärung für rätselhafte Quantenoszillationen gefunden

Sogenannte Quanten-Vielteilchen-„Scars“ lassen Quantensysteme länger außerhalb des Gleichgewichtszustandes verweilen. Studie wurde in Nature Physics veröffentlicht

Forschern der Harvard Universität und des MIT war es vor kurzem gelungen, eine Rekordzahl von 53 Atomen einzufangen und ihren Quantenzustand einzeln zu...

Im Focus: Explanation for puzzling quantum oscillations has been found

So-called quantum many-body scars allow quantum systems to stay out of equilibrium much longer, explaining experiment | Study published in Nature Physics

Recently, researchers from Harvard and MIT succeeded in trapping a record 53 atoms and individually controlling their quantum state, realizing what is called a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

Visual-Computing an Bord der MS Wissenschaft

17.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Bose-Einstein-Kondensat im Riesenatom - Universität Stuttgart untersucht exotisches Quantenobjekt

18.05.2018 | Physik Astronomie

Countdown für Kilogramm, Kelvin und Co.

18.05.2018 | Physik Astronomie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics