Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Abwehr mobilisiert - Kräfte geschwächt: Die Anregung des Immunsystems kann paradoxe Folgen haben

22.07.2005


Substanzen, die unsere Erregerabwehr aktivieren, können gleichzeitig zu einer vorübergehenden Schwächung der Abwehrkräfte führen. Diesen paradoxen Effekt haben Wissenschaftler der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) in Braunschweig am Beispiel des Moleküls TLR7 beobachtet, eines wichtigen Bestandteils des Immunsystems. Wird TLR7 durch einen Wirkstoff künstlich gereizt, verstärkt es zwar Abwehrreaktionen in der Haut, führt aber zugleich für mindestens 24 Stunden zu einer gravierenden Immunschwäche. Seine Ergebnisse beschreibt das Forscher-Team, dem neben GBF-Wissenschaftlern auch Kollegen aus Basel, Münster und Essen angehören, demnächst in der Fachzeitschrift "Blood".



"Das Immunsystem hat bestimmte angeborene Antennen-Moleküle. Sie erkennen Strukturen, die für Bakterien und Viren typisch sind", erklärt der Projektleiter, GBF-Forscher Dr. Matthias Gunzer. "Sie versetzen den Körper in einen Alarmzustand, sobald sie diese Erreger-Komponenten vorfinden."



Vom Blut ins Gewebe: Immunzellen wandern ab

Wesentliche Bestandteile dieser angeborenen Grundausstattung des Immunsystems sind die Toll-like-Rezeptoren oder TLR: Proteine auf den Oberflächen bestimmter Zellen, die nach Erreger-Bestandteilen "Ausschau halten". Einen dieser Rezeptoren, den TLR7, nahmen Gunzer und seine Kollegen ins Visier. Sie stimulierten den TLR7 von Mäusen mit einem chemisch hergestellten Wirkstoff, den sie den Tieren in die Blutbahn injizierten. Ihr Ergebnis: "Immunvorgänge in der Haut der Tiere wurden verbessert und beschleunigt", berichtet Gunzer. "Dafür fand man im Blut der Mäuse für 24 Stunden kaum Abwehrzellen. Sie erlitten eine vorübergehende Immunschwäche." Zwei Effekte, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, sich aber beide durch die Stimulierung von TLR7 erklären lassen.

Die Forscher entdeckten nämlich, dass TLR7 nicht nur auf Immunzellen, sondern auch auf den Zellen von Blutgefäßen sitzt. Bei Stimulierung werden die Wände der Adern an den betreffenden Stellen durchlässig; Abwehrzellen können hier die Blutgefäße durchdringen und in das Körpergewebe gelangen. "Das ist bei lokal begrenzten Infektionen sinnvoll", erklärt Gunzer. "Normalerweise befinden sich, wenn TLR7 auf Blutgefäßen ein Signal empfängt, im Gewebe dahinter die Erreger, gegen die die Abwehrzellen vorgehen müssen. Aber wenn diese Wirkung überall im Körper auftritt, wie bei unserem Versuch, dann verlassen fast alle Immunzellen die Blutbahn. Die Festung ist sozusagen unbewacht und das Immunsystem auf gefährliche Weise geschwächt - jedenfalls zeitweilig."

Weil TLR-stimulierende Wirkstoffe für medizinische Zwecke geeignet sind, etwa zur Bekämpfung von Infektionen oder um die Wirkung von Impfstoffen zu verstärken, sieht Gunzer praktische Konsequenzen aus seiner Arbeit: "Wenn man TLR7-Stimulanzien systemisch verabreicht, also ins Blut spritzt und damit im ganzen Körper verteilt, muss man wissen, dass die Patienten dann erst einmal ein erhöhtes Infektionsrisiko haben könnten. Man muss ihren Zustand also sorgfältig überwachen und, falls nötig, gezielt gegensteuern."

Manfred Braun | idw
Weitere Informationen:
http://www.bloodjournal.org/
http://www.gbf.de

Weitere Berichte zu: Abwehrzelle Blutgefäß Immunsystem Immunzelle TLR7 Wirkstoff

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einblick ins geschlossene Enzym
26.06.2017 | Universität Konstanz

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

„Digital Mobility“– 48 Mio. Euro für die Entwicklung des digitalen Fahrzeuges

26.06.2017 | Förderungen Preise

Fahrerlose Transportfahrzeuge reagieren bald automatisch auf Störungen

26.06.2017 | Verkehr Logistik

Forscher sorgen mit ungewöhnlicher Studie über Edelgase international für Aufmerksamkeit

26.06.2017 | Physik Astronomie