Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kein Faktor XII, kein Herzinfarkt? Blutgerinnungsfaktor bekommt 50 Jahre nach seiner Entdeckung eine neue Bedeutung

12.07.2005


Der Blutgerinnungsfaktor XII spielt eine entscheidende Rolle bei Herzinfarkt und Schlaganfall. Das berichten Bernhard Nieswandt vom Rudolf-Virchow-Zentrum, dem DFG-Forschungszentrum für Experimentelle Biomedizin, und Thomas Renné vom Institut für Klinische Biochemie und Pathobiochemie der Universität Würzburg im "Journal of Experimental Medicine". Schaltet man in der Maus das Gen für die Produktion dieses, auch als Hageman-Faktor bezeichneten, Proteins aus, kann man in den Gefäßen dieser Tiere selbst unter Laborbedingungen keinen Blutpropfen erzeugen. Herzinfarkt und Schlaganfall, die durch einen in Herz bzw. Gehirn wandernden so genannten Thrombus ausgelöst werden, können nicht mehr auftreten.



Jeder Medizinstudent kennt ihn, doch so wirklich spannend war er bisher nicht: Faktor XII, einer der Stoffe in unserem Blut, der eine Rolle bei der Blutgerinnung spielt. Die Blutgerinnung ist ein überlebenswichtiger Prozess. Wird ein Gefäß verletzt, muss es möglichst schnell repariert werden. Funktioniert das nicht, droht Gefahr durch Verbluten. Vor jeder Operation wird daher zuvor ein Test durchgeführt: Eine Blutprobe des Patienten wird mit Porzellankügelchen versetzt. Die Oberfläche dieser Teilchen ist negativ geladen. Dadurch wird der Hageman-Faktor aktiviert und setzt die Blutgerinnung in Gang. Bleibt die Verklumpung im Test aus, muss der Patient jedoch nicht zwingend Probleme mit der Blutgerinnung haben. Einigen Menschen fehlt Faktor XII. Trotzdem werden ihre Wunden im Verletzungsfall schnell geschlossen. Das Fazit: Der Hageman-Faktor hat physiologisch offenbar keine Bedeutung. Lediglich im Reagenzglas führt er zur Verklumpung des Blutes.



Nieswandt und Renné verleihen dem bislang unbedeutenden Kandidaten ein ganz neues Gewicht: Kein Faktor XII, kein Herzinfarkt, lautet das Resultat ihrer Maus-Experimente. Der Hageman-Faktor scheint also bei der Blutgerinnung im Körper keinerlei Bedeutung zu haben, dafür aber entscheidend an der Thrombenbildung in den Gefäßen beteiligt zu sein. "Das Dogma, dass die lebenswichtige Blutgerinnung und die gefährliche Bildung von Blutgerinnseln über den selben Weg ablaufen, wird durch unsere Ergebnisse in Frage gestellt", erläutert Nieswandt. Der Hageman-Faktor könne daher ein spannender therapeutischer Ansatzpunkt sein. Setzt man ihn außer Gefecht, ist der Patient möglicherweise vor Herzinfarkt und Schlaganfall geschützt und hätte im Fall einer Verletzung trotzdem kein erhöhtes Blutungsrisiko. Bei herkömmlichen Medikamenten muss der Arzt immer den Nutzen gegen das Risiko abwägen: So schützt z.B. Aspirin nur bedingt vor der Thrombusbildung, der Patient bezahlt dafür aber auch nicht mit einem erhöhten Blutungsrisiko. "ReoPro" dagegen, das vor allem bei Patienten nach Kathetereingriffen verwendet wird, um den erneuten Gefäßverschluss zu verhindern, schützt wirkungsvoll vor der Bildung eines Blutgerinnsels. Die Blutgerinnung ist aber so stark beeinträchtigt, dass eine Langzeittherapie mit diesem Arzneimittel undenkbar ist. Ob Faktor XII tatsächlich einen Ausweg aus diesem Dilemma bieten kann, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Über das Rudolf-Virchow-Zentrum:

Das Rudolf-Virchow-Zentrum ist das DFG-Forschungszentrum für Experimentelle Biomedizin und gehört als Zentrale Einrichtung zur Universität Würzburg. Das Zentrum wurde im Januar 2002 gegründet und ist eines von drei im Sommer 2001 bewilligten Pilotprojekten, mit denen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) so genannte "Centers of Excellence" fördert. In den drei Bereichen "Nachwuchsgruppeninstitut", "Kernzentrum" und "Forschungsprofessuren" arbeiten zur Zeit neun Arbeitsgruppen auf dem Gebiet der Schlüsselproteine. Außerdem gehört ein Lehr- und Ausbildungsbereich zum Rudolf-Virchow-Zentrum. Gemeinsam mit den Fakultäten für Biologie und Medizin der Universität Würzburg werden ein Studiengang Biomedizin und eine "Graduate-School" für Doktoranden angeboten. Das "Public Science Center", eine eigene Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, setzt sich für den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ein.

Kontakt: Rudolf-Virchow-Zentrum / DFG-Forschungszentrum für Experimentelle Bio-medizin
Kerstin Endele (Leiterin Öffentlichkeitsarbeit) Telefon 0931 / 201 487 14, Email: kerstin.endele@virchow.uni-wuerzburg.de

Kerstin Endele | idw
Weitere Informationen:
http://www.virchow.uni-wuerzburg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen
27.06.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Glykane als Biomarker für Krebs?
27.06.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorbild Delfinhaut: Elastisches Material vermindert Reibungswiderstand bei Schiffen

Für eine elegante und ökonomische Fortbewegung im Wasser geben Delfine den Wissenschaftlern ein exzellentes Vorbild. Die flinken Säuger erzielen erstaunliche Schwimmleistungen, deren Ursachen einerseits in der Körperform und andererseits in den elastischen Eigenschaften ihrer Haut zu finden sind. Letzteres Phänomen ist bereits seit Mitte des vorigen Jahrhunderts bekannt, konnte aber bislang nicht erfolgreich auf technische Anwendungen übertragen werden. Experten des Fraunhofer IFAM und der HSVA GmbH haben nun gemeinsam mit zwei weiteren Forschungspartnern eine Oberflächenbeschichtung entwickelt, die ähnlich wie die Delfinhaut den Strömungswiderstand im Wasser messbar verringert.

Delfine haben eine glatte Haut mit einer darunter liegenden dicken, nachgiebigen Speckschicht. Diese speziellen Hauteigenschaften führen zu einer signifikanten...

Im Focus: Kaltes Wasser: Und es bewegt sich doch!

Bei minus 150 Grad Celsius flüssiges Wasser beobachten, das beherrschen Chemiker der Universität Innsbruck. Nun haben sie gemeinsam mit Forschern in Schweden und Deutschland experimentell nachgewiesen, dass zwei unterschiedliche Formen von Wasser existieren, die sich in Struktur und Dichte stark unterscheiden.

Die Wissenschaft sucht seit langem nach dem Grund, warum ausgerechnet Wasser das Molekül des Lebens ist. Mit ausgefeilten Techniken gelingt es Forschern am...

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationale Fachkonferenz IEEE ICDCM - Lokale Gleichstromnetze bereichern die Energieversorgung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zu aktuellen Fragen der Stammzellforschung

27.06.2017 | Veranstaltungen

Fraunhofer FKIE ist Gastgeber für internationale Experten Digitaler Mensch-Modelle

27.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Mainzer Physiker gewinnen neue Erkenntnisse über Nanosysteme mit kugelförmigen Einschränkungen

27.06.2017 | Biowissenschaften Chemie

Wave Trophy 2017: Doppelsieg für die beiden Teams von Phoenix Contact

27.06.2017 | Unternehmensmeldung

Warnsystem KATWARN startet international vernetzten Betrieb

27.06.2017 | Informationstechnologie