Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Narben im Gehirn

22.06.2005


Emotionaler Stress in der frühen Kindheit hinterlässt Spuren



Traumatische Erlebnisse und mangelnde emotionale Zuwendung in früher Kindheit beeinflussen nicht nur durch Erinnerungen das Leben des Menschen, sie können sich auch als veränderte Gehirn-Struktur manifestieren und dem Betroffenen Lernen und soziale Integration erschweren. Prof. Dr. Gerd Poeggel vom Institut für Biologie II an der Fakultät für Biowissenschaften, Pharmazie und Psychologie der Universität Leipzig erläutert aktuelle Forschungen.

... mehr zu:
»Biologie »Dendrit »Stress »Synapse


Dem Laien erschließt sich das Bild nicht: ein filigranes Netz aus unterschiedlich starken Fasern, hier etwas dichter, anderswo grobmaschiger. "Das ist ein Schnitt durch das Gehirn", erläutert Prof. Dr. Gerd Poeggel das Präparat, das er unter das Mikroskop gelegt hat. "Diese Linien sind ein Geflecht von Dendriten (den Antennen der Neurone) und von Axonen, die nach der Integration der eingehenden Signale durch das Neuron die Information weiterleiten. Axone und Dendriten bilden zur Informationsweitergabe Synapsen, die man als winzige Verdickungen sieht. An diesen Synapsen werden die aus den Nervenzellen stammenden elektrischen Signale in chemische Botschaften umgewandelt, die dann an andere Nervenzellen übermittelt werden können."

Diese Struktur und die Funktionsweise der Nerven ist keine wissenschaftliche Neuheit. Was also interessiert Prof. Poeggel beim Blick ins Mikroskop? "Wir beschäftigen uns mit den Auswirkungen frühkindlicher negativer emotionaler Erfahrungen. Dass Kinder, die unter ungünstigen Umständen aufwachsen, es im späteren Leben zumeist schwerer haben, ist längst bewiesen und konnte erst kürzlich durch Studien in rumänischen Waisenheimen belegt werden. Aber wir denken nicht nur als Psychologen, sondern auch als Physiologen und wollen eine andere Frage beantworten: Inwieweit haben die frühkindlichen negativen emotionalen Erfahrungen Auswirkungen auf die Reifung neuronaler Transmissionssysteme und damit die Chemoarchitektur des Gehirns? Inwieweit wird nachweisbar die anatomische Struktur bestimmter Hirnregionen verändert?"

Die Gehirnpräparate, die Prof. Poeggel vor sich hat, stammen von jungen Degus, also meerschweinchenähnlichen Nagern. Diese Tiere bieten sich für Untersuchungen mit emotionalen Aspekten an, denn - ähnlich wie beim Menschen - kommen die Jungen schon mit funktionsfähigen Sinnen auf die Welt, "reden" die Individuen akustisch miteinander und kümmern sich auch die Deguväter um ihren Nachwuchs. Untergebracht sind die Tiere nicht im Leipziger Institut für Zoologie sondern beim Forschungspartner, dem Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg und dem Institut für Biologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Dort leben sie ihr relativ normales Familienleben - bis die Jungen von der Familie getrennt werden. Die Trennung erfolgt nur dreimal täglich je eine Stunde, so dass gewährleistet bleibt, dass die Winzlinge sich ausreichend bei Mama ernähren können. Später werden die Degus, die diesem Stress der Einsamkeit ausgesetzt waren, mit jenen verglichen, die mit ihren Eltern und Geschwistern beisammen blieben. Diese Vergleiche geschehen sowohl durch Verhaltensexperimente, durch biochemische Laboruntersuchungen von Blut oder Gehirnflüssigkeit auf Botenstoffe als auch durch die mikroskopische Betrachtung des Gehirns.

Was also konnten die Leipziger und Magdeburger Biowissenschaftler bisher ermitteln? Unter anderem, dass die gestressten Tiere, wenn sie in einer Kiste isoliert werden, hektisch umherlaufen und die Einspielung mütterlicher Lockrufe kaum zur Kenntnis nehmen. Jungtiere ohne emotionale Defizite lassen sich hingegen leichter durch die Stimme der Mutter beruhigen. "Wir haben jedoch nicht nur andere Verhaltensweisen festgestellt, sondern eindeutige morphologische Veränderungen", so Poeggel mit Blick auf die Gehirnpräparate. "Die Dichte der lichtmikroskopisch sichtbaren Synapsen, also der Kontaktstellen im Gehirn, ist bei den emotional gestressten Tieren verändert im Vergleich zu den nicht-gestressten Kontrolltieren; und schaut man mit dem Elektronenmikroskop mit maixmaler Vergrösserung nach, dann zeigt sich, dass sich auch das Verhältnis erregender und hemmender Synapsen regionenspezifisch verändert hat. Da die Synapsen Strukturen für die Weiterleitung und Verarbeitung von Umweltsignalen sind, könnte man vermuten, dass bei den gestressten Tieren ein Ungleichgewicht zwischen erregenden und dämpfenden Impulsen entstanden ist, woraus vielleicht Lern- und Verhaltensstörungen, bzw. beim Menschen dann sogar psychische Krankheiten resultieren könnten."

Natürlich gibt es noch viele unbeantwortete Fragen: "Eine unserer nächsten Untersuchungen soll ermitteln, inwieweit schon das Gehirn des Ungeborenen durch emotionalen Stress der Mutter verändert wird." Auf der derzeitigen Grundlagenforschung basierend könnte zudem an Möglichkeiten gearbeitet werden, die Folgen falscher Vernetzungen und des Ungleichgewichts der Botenstoffe durch rechtzeitige Therapien zu mildern.

Als wissenschaftliche Basis für die Ablehnung von Kindereinrichtungen möchte der Leipziger Professor seine Studien jedoch nicht verstanden wissen. "Mindestens ebenso wichtig wie die emotionale Zuwendung durch vertraute Personen ist für die Entwicklung des kindlichen Gehirns die ständige Beschäftigung mit angemessenen intellektuellen Aufgaben in einer Gemeinschaft mit anderen Kindern. Dabei ist es egal, ob diese Aufgaben von der Mutter oder von der Kindergärtnerin gestellt werden. Nicht nur wenn Umwelterfahrungen negativ, sondern auch wenn sie nicht komplex genug sind, entstehen im reifenden Gehirn nur Minimal- oder gar Fehlfunktionen".

Dr. Bärbel Adams | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-leipzig.de

Weitere Berichte zu: Biologie Dendrit Stress Synapse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics