Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Brustkrebs: Das "Jekyll-und-Hyde"-Protein

18.04.2005


Bei jeder dritten Brustkrebs-Patientin beobachten Mediziner in den Tumoren eine vermehrte Bildung der so genannten AP2-Proteine. Bislang ist umstritten, welche Rolle diese Familie von fünf sehr ähnlichen Zelleiweißen bei der Krebsentstehung spielt. Manche Studien sprechen paradoxerweise sogar dafür, dass AP2 die Bildung von Tumoren unterdrückt. Wissenschaftler der Universität Bonn haben nun herausgefunden, dass zumindest ein "Familienmitglied", das AP2-Gamma, tatsächlich eine Doppelrolle zu spielen scheint: Während es die Entstehung neuer Krebsgeschwulste verhindert, beschleunigt es die Entwicklung bereits bestehender Tumoren zu aggressiven Stadien. Die Ergebnisse sind soeben in Breast Cancer Research and Treatment erschienen (2005 Apr; 90(3):273-80).



Während der Schwangerschaft durchläuft die weibliche Brust ein ausgeklügeltes Umbauprogramm: Um ausreichend Milch produzieren zu können, ersetzt der Körper sukzessive einen Teil des Fettgewebes durch Drüsengewebe; zudem beschleunigt sich die Zellteilung, so dass die Brüste insgesamt größer werden. Die vermehrte Bildung von AP2-Gamma während der Schwangerschaft scheint diese Zellteilungsprozesse anzukurbeln. In vielen Brusttumoren ist der AP2-Gamma-Spiegel ebenfalls erhöht - Grund genug für die Vermutung, dass das Protein bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen könnte.



Paradoxerweise entwickeln gentechnisch veränderte Mäuse mit permanent erhöhtem AP2-Gamma-Spiegel jedoch nicht mehr Tumore als normale Tiere. "Wir vermuten, dass da noch weitere Faktoren eine Rolle spielen", erklärt Professor Dr. Hubert Schorle vom Bonner Institut für Pathologie. Um diese These zu untersuchten, haben die Wissenschaftler die AP2-Nager mit so genannten "Onko-Mäusen" gekreuzt - das sind Tiere, die aufgrund einer genetischen Veränderung erheblich schneller Brusttumore entwickeln als ihre Verwandten in der freien Wildbahn. Einige Nachkommen aus der Kreuzung trugen sowohl das Brustkrebs-Gen aus den Onko-Mäusen als auch die veränderte Erbinformation für AP2-Gamma.

Das Resultat war erstaunlich: "In den ’reinen’ Onko-Mäusen entdeckten wir nach 25 Wochen erste Geschwulste; nach 32 Wochen war keine von ihnen mehr tumorfrei", erklärt Schorle. Anders die Nager, bei denen zusätzlich der AP2-Gamma-Spiegel noch permanent erhöht war: Bei ihnen begann die Tumorentwicklung eine Woche später, und erst nach 40 Wochen waren wirklich alle Tiere erkrankt. Insgesamt entwickelten sie weniger Geschwulste als die reinen Onko-Mäuse - AP2-Gamma scheint also die Tumorbildung zumindest zu verzögern.
...
Als die Wissenschaftler jedoch das Krebsgewebe genauer unter die Lupe nahmen, stellten sie fest, dass die Tumoren aus den AP2-Onko-Mäusen in der Regel schon in einem erheblich fortgeschrittenerem Stadium waren. Sprich: Hat sich erst einmal eine Geschwulst gebildet, entwickelt sie sich unter Einfluss von AP2-Gamma aggressiver weiter. Professor Schorle: "Das passt auch zu der Beobachtung, dass ein hoher AP2-Gamma-Spiegel die Heilungschancen bei Brustkrebs reduziert."

Tritt aufs "Zellteilungs-Gaspedal"

AP2-Gamma spielt also bei der Entstehung von Brustkrebs "Dr. Jekyll und Mr. Hyde": In gesundem Gewebe beschleunigt es zwar die Zellteilung, gleichzeitig scheint es aber Mechanismen zu stärken, die eine Krebsentstehung verhindern. "So beobachten wir, dass Zellen unter AP2-Einfluss eher in die Apoptose eintreten, also gewissermaßen Selbstmord begehen." Ist - wie in vielen Krebszellen - dieses "Selbstmord-Programm" aber gestört, sorgt AP2 letztlich für einen zusätzlichen Tritt aufs "Zellteilungs-Gaspedal": Die Entwicklung des Krebses zu aggressiven Stadien beschleunigt sich.

Kontakt:
Professor Dr. Hubert Schorle
Institut für Pathologie der Universität Bonn
Tel.: 0228/287-6342
E-Mail: Hubert.Schorle@ukb.uni-bonn.de

Frank Luerweg | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-bonn.de

Weitere Berichte zu: AP2-Gamma AP2-Gamma-Spiegel Brustkrebs Geschwulst Krebsentstehung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Besser lernen dank Zink?
23.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Raben: "Junggesellen" leben in dynamischen sozialen Gruppen
23.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen