Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Warum Tauben den Spatz in der Hand wählen: RUB-Biopsychologen untersuchen Entscheidungsverhalten

12.04.2005


Durch Picken auf die Scheibe erhält die Taube eine Belohnung.


Die Taube hat gelernt, dass eine Scheibe eine große, die andere eine kleine Belohnung bringt.


  • Warum Tauben den Spatz in der Hand wählen
  • Hirnzellen reagieren auf Belohnung und Wartezeit
  • RUB-Biopsychologen untersuchen Entscheidungsverhalten

10.000 Dollar sofort oder 100.000 in zehn Jahren? Die meisten Menschen würden sich für ersteres entscheiden. Ebenso wie Tiere wählen wir eher die kleine Belohnung als auf eine größere zu warten, wenn die Wartezeit vor der großen Belohnung zu lange dauert. Eine Erklärung für dieses Verhalten, das oft suboptimale Gewinne verspricht, liegt in Nervenzellen des Frontalhirns. Sie reagieren sowohl auf die Größe der Belohnung als auch auf die Wartezeit, bis wir sie bekommen. Das fanden Biopsychologen der RUB um Dipl.-Psych. Tobias Kalenscher in Zusammenarbeit mit Forschern der University of Otago, Dunedin, Neuseeland, anhand von Versuchen mit Tauben heraus. Über ihre Ergebnisse berichtet die Fachzeitschrift "Current Biology" in ihrer Ausgabe vom 12. April 2005.

... mehr zu:
»Nervenzelle »Tauben

Warum wir impulsiv entscheiden

Wenn’s ums Geld geht, glauben wir, rational zu entscheiden: Gewinne sollen möglichst maximiert, Kosten minimiert werden. Tatsächlich ist es mit der kühlen Rechnerei aber nicht so weit her. "Menschen entscheiden häufig impulsiv, lehnen z.B. ein für sie gewinnträchtiges, aber troztdem unfaires Angebot ab, wenn sie mit ihrer Ablehnung den Anbieter für seine Ungerechtigkeit bestrafen können, oder wählen einen schnellen kleinen Gewinn, anstatt auf einen großen länger zu warten", erklärt Tobias Kalenscher. Genau so verhalten sich die meisten Tiere.


Wartezeit bestimmt die Wahl

Um den Grund dafür herauszufinden, experimentierte der Biopsychologe mit Tauben. Er konfrontierte sie mit zwei Pickscheiben. Pickten sie die eine, erhielten sie eine kleine Belohnung, pickten sie die andere, bekamen sie eine große. So lange die Wartezeiten bei beiden Scheiben gleich waren, wählten die Tiere stets die größere Belohnung. Dann verlängerte Kalenscher die Wartezeit auf die größere Belohnung. "Bis zu einem gewissen Punkt wählten die Tauben weiterhin die größere Belohnung, doch irgendwann entschieden sie sich doch für die kleine", erklärt er. Die Länge der Wartezeit, ab der sich die Tiere umentschieden, war individuell sehr unterschiedlich zwischen zweieinhalb und über 28 Sekunden.

Nervenzellen reagieren auf Größe und Zeitpunkt der Belohnung

Um zu untersuchen, warum die Tauben sich so verhalten, nahm Tobias Kalenscher die Vorgänge im Gehirn der Tiere näher unter die Lupe. Mit mehreren Elektroden leitete er während des Experiments die Aktivität einzelner Nervenzellen im Frontalhirn der Tiere ab. "Von dieser Hirnregion war bisher nur unspezifisch bekannt, dass sie bei der Erwartung und Reaktion auf Belohnung eine Rolle spielt, fraglich war jedoch, auf welche Weise sie dies tut", so Kalenscher. Sein Ergebnis: Die Neurone des Frontalhirns reagieren sowohl auf die Größe der Belohnung als auch auf die Wartezeit. "Sobald die Tauben auf die Scheibe gepickt hatten, feuerten die Nervenzellen", erklärt Kalenscher. "Aber je länger die Wartezeit war, desto geringer war ihre Aktivität, und zwar von Anfang an, d.h. die Tauben hatten gelernt, wie lange sie warten mussten und nahmen diese Wartezeit vorweg." An dem Punkt, an dem die Aktivität der Nervenzellen bei großer Belohnung durch die lange Wartezeit geringer wurde als bei der sofortigen kleineren Belohnung, entschieden sich die Tiere für die kleine Belohnung. Die Neurone schienen also die subjektive Interpretation der erwarteten Belohnung unter Berücksichtigung der Belohnungshöhe und Wartezeit zu kodieren.

Rückschlüsse auf Krankheitsursachen

"Diese Ergebnisse sind besonders interessant im Zusammenhang mit Erkrankungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, Spielsucht, Drogenmissbrauch oder Hirnschäden in diesem Bereich", so Tobias Kalenscher. Den Betroffenen ist ein besonders impulsives Verhalten gemein, sie tolerieren weniger lange Wartezeiten als gesunde Menschen.

Titelaufnahme

Tobias Kalenscher, Sabine Windmann, Bettina Diekamp, Jonas Rose, Onur Güntürkün, Michael Colombo: Single Units in the Pigeon Brain Integrate Reward Amount and Time-to-Reward in an Impulsive Choice Task. In: Current Biology 15/7,12. April 2005, S. 1-9

Weitere Informationen

Dipl.-Psych. Tobias Kalenscher, Abteilung Biopsychologie, Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-26804, Fax: 0234/32-14377, E-Mail: tobias.kalenscher@rub.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Berichte zu: Nervenzelle Tauben

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Besser lernen dank Zink?
23.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Raben: "Junggesellen" leben in dynamischen sozialen Gruppen
23.03.2017 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Im Focus: Tracing down linear ubiquitination

Researchers at the Goethe University Frankfurt, together with partners from the University of Tübingen in Germany and Queen Mary University as well as Francis Crick Institute from London (UK) have developed a novel technology to decipher the secret ubiquitin code.

Ubiquitin is a small protein that can be linked to other cellular proteins, thereby controlling and modulating their functions. The attachment occurs in many...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Besser lernen dank Zink?

23.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Innenraum-Ortung für dynamische Umgebungen

23.03.2017 | Architektur Bauwesen