Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wie Fledermäuse ihre Beute finden

26.07.2001


In Europa kommen über 30 Fledermausarten vor. Der Tübinger Zoologe Dr. Björn Siemers hat bei Fledermäusen der Gattung Myotis die unterschiedlichen Jagdstrategien untersucht. In manchen Gebieten leben parallel bis zu sechs Myotis-Arten, die sich als hauptsächliche Insektenfresser Konkurrenz machen. Siemers erklärt, warum die Jagd dicht über dem Wasser besonders erfolgreich ist und hat geprüft, ob Fledermäuse tatsächlich Fische fressen.

Tübinger Zoologe untersucht die Ökologie der Echoortung

Sinne, die der Mensch nicht selbst besitzt, sind schwer zu begreifen. Welche Farben hätte die Welt, wenn wir wie Bienen kurzwelliges, ultraviolettes Licht sehen könnten? Wie würden wir andere Lebewesen wahrnehmen, wenn wir wie Klapperschlangen ein Organ für die Aufspürung von Infrarotstrahlen, für Wärme, hätten? Besonders faszinierend ist die Fähigkeit von Fledermäusen, ihre Umgebung durch Echoortung zu erkunden: Sie stoßen für uns unhörbare Ortungsrufe im Ultraschallbereich aus und können über den zurückkommenden Schall Hindernisse und Beute lokalisieren. Das funktioniert auch in absoluter Dunkelheit, wenn die sprichwörtlichen Nachteulen ihre Jagd längst aufgeben müssen. Doch selbst mit der ausgefallenen Jagdmethode über Echoortung machen sich manchmal in einem Gebiet fünf oder sechs Arten der Gattung Myotis unter den über 30 europäischen Fledermausarten direkte Konkurrenz. Dr. Björn Siemers vom Zoologischen Institut der Universität Tübingen untersucht, wie einzelne Fledermausarten ihre Beute fangen und wie sie sich dabei ökologisch gesehen von der Konkurrenz absetzen.

Die europäischen Fledermäuse ernähren sich hauptsächlich von Insekten und Spinnen. Björn Siemers ging bei seinen Untersuchungen an sechs Arten der Gattung Myotis davon aus, dass die Flattertiere leicht unterschiedliche Strategien bei der Jagd entwickelt haben könnten. "Über die Ökologie der Fledermäuse ist noch überraschend wenig bekannt", sagt der Zoologe. Er wählte die Fransen- und Wimperfledermaus, die Kleine und die Große Bartfledermaus für seine Versuche aus, die äußerlich recht ähnlich aussehen und ihre Beute häufig dicht an Waldrändern und Büschen suchen. In manchen Gebieten kommen auch Wasser- und Teichfledermaus vor, die er ebenfalls einbezog. Von ihren äußeren Merkmalen wie der Flügelform schienen die untersuchten Arten ähnliche Chancen bei der Jagd zu haben. "Es hängt jedoch nicht nur von der Geschicklichkeit ab, wie gut die Jagderfolge sind, sondern auch von der Fähigkeit, die Beute vor schwierigem Hintergrund überhaupt zu entdecken", meint Siemers.

Die Sinne müssen dafür hochspezialisiert sein. Wie ein Vogel, der versucht, auf grünen Blättern eine gleichfarbige Raupe auszumachen, haben die Fledermäuse bei der Echoortung das Problem, die Echos ihrer Beute von denen des Hintergrunds, den Störechos, zu unterscheiden. Die Störechos können zum Beispiel vom Boden, von Blättern oder Sträuchern kommen. Besonders schwierig wird es für die Flattertiere, wenn Beuteinsekten dicht über der Vegetation fliegen oder auf dem Boden sitzen. Von anderen Fledermäusen ist bekannt, dass sie auch auf Geräusche der Beute wie Rascheln im Laub oder den Flügelschlag horchen, um ihre Nahrung zu finden. Hufeisennasenfledermäuse nutzen die Echoinformation von flügelschlagenden Insekten, um sie aufzuspüren. Siemers wollte jedoch in seinen Versuchen in einem Flugzelt prüfen, ob die Myotis-Arten in der Lage sind, stille und bewegungslose Beute allein über Echoortung auszumachen. Dazu bot er den Tieren geruchlose Imitate aus Plastik, die die Fledermäuse als Beute betrachteten, vor störendem Hintergrund in totaler Dunkelheit an. Die Echoortung bei der Beutewahrnehmung funktionierte auch dann, als Beute und Störecho nur noch einen Abstand von fünf oder zehn Zentimetern hatten. Offenbar machte es den Fledermäusen nichts aus, wenn sich Echos der Beute und des Hintergrunds teilweise überlappten.

Jedoch war der Fangerfolg der untersuchten Arten unterschiedlich. Wasser- und Teichfledermaus hatten deutlich schlechtere Fangerfolge unter den Laborbedingungen. Tatsächlich jagen sie im Freien auch hauptsächlich über Wasserflächen. Am besten vollführten die Fransenfledermäuse die Experimente. Es lässt sich vermuten, dass sie am dichtesten an der Vegetation jagen. In mehreren Metern Entfernung von Geäst und Blättern jagen die Wimper-Fledermaus und die Große Bartfledermaus. Die Kleine Bartfledermaus hatte deutlich schlechtere Erfolge. Alle diese Arten stoßen kurze, steil frequenzmodulierte Ortungsrufe aus. Hauptunterschied zwischen den Suchrufen der einzelnen Arten war die Bandbreite in der Frequenz: Je größer der Frequenzumfang, desto besser war der Fangerfolg. Möglicherweise spielen andere Faktoren wie etwa der Flugstil auch eine Rolle. Doch vermutet Siemers, dass die Fledermausarten mit ihren verschiedenen Ortungsrufen auch unterschiedliche, enge ökologische Nischen besetzen. "Bei vielen Fledermauspopulationen wissen wir jedoch noch nicht, ob tatsächlich hauptsächlich die Konkurrenz um die Nahrung die Größe der Population begrenzt oder ob zum Beispiel die Situation bei den Parasiten ausschlaggebend für die Einnischung ist", merkt der Forscher kritisch an. Siemers Untersuchungen sind jedoch nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern auch für den praktischen Naturschutz relevant. Die 22 deutschen Fledermausarten finden sich alle auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Siemers hat auch die Beutewahrnehmung der drei europäischen gewässerbejagenden Arten der Gattung Myotis, die Wasserfledermaus, die Teichfledermaus und die Langfußfledermaus untersucht. Sie jagen niedrig über Wasserflächen und fangen ihre Beute hauptsächlich von oder wenige Zentimeter über Wasserflächen. Dabei bevorzugen die gewässerbejagenden Fledermäuse ruhige Wasserflächen vor unruhigen oder mit Pflanzen bewachsenen Gewässern. Der Zoologe hat festgestellt, dass dies nicht nur an der Menge der Beutetiere, die sich bei oder auf ruhigen Wasserflächen aufhalten, sondern an den unterschiedlichen akustischen Eigenschaften der Wasseroberfläche liegt. Im Labor wurden die Wasserflächen durch glatten Linoleumboden beziehungsweise einen genoppten Untergrund simuliert: "Eine glatte Fläche wirkt wie ein akustischer Spiegel. Wenn die Fledermaus ihren Ortungsruf schräg nach vorn und unten auf die Oberfläche schickt, dann wird das "Wasserecho" weg von ihr gespiegelt: Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Es gibt kaum störende Hintergrundechos. Ein Insekt auf oder über der glatten Fläche wirft dagegen ein deutliches Echo zur Fledermaus zurück. Das Echo des Insekts kann vervielfacht werden und ist dann besonders groß. Der Fangerfolg der Fledermäuse ist deshalb auf glatten Flächen besser", fasst Siemers das Ergebnis zusammen. Die gewässerbejagenden Fledermäuse sind nicht alle nah verwandt. Siemers vermutet, dass der Beutefang über Wasserflächen in der Evolution mehrmals entwickelt wurde - unter dem Selektionsdruck der Konkurrenz durch andere Fledermausarten.

Die einheimischen Fledermäuse - so betonen Zoologen immer wieder - seien keine Vampire und hätten nur Insekten und Spinnen auf dem Speiseplan. Doch schon vor längerer Zeit hatten französische Wissenschaftler eine Wasserfledermaus erwischt, in deren Magen sich Fischschuppen fanden. "Mich hat es nicht gewundert, dass Wasserfledermäuse auch Fische als Beute betrachten könnten. Denn sie haben bei der Jagd ein einfaches Suchbild - einen kleinen Reflektor. Das trifft zum Beispiel auch auf treibende Pflanzensamen zu", erklärt der Tübinger Forscher. Er fragte sich vor allem, ob die eher kleinen Wasserfledermäuse in der Lage wären, einen Fisch aus dem Wasser zu ziehen. Siemers stellte die Situation nach: "Die Wasserfledermäuse konnten im Labor tatsächlich mit ihren relativ großen Füßen Fische greifen, wenn sie aus der Wasseroberfläche herausschauten, und haben sie auch gleich ver-speist", berichtet der Zoologe.

Nähere Informationen:

Dr. Björn Siemers
Zoologisches Institut
Auf der Morgenstelle 28
72076 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 73 93
Fax 0 70 71/29 26 18
E-Mail: bjoern.siemers@uni-tuebingen.de

Michael Seifert | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

Weitere Berichte zu: Beute Echo Echoortung Fangerfolg Fledermaus Fledermausarten Gattung Insekt Jagd Myotis Ortungsruf Wasserflächen

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Gleichgewichtsorgan der Hörnchen unterscheidet sich je nach Bewegungsart
27.05.2015 | Universität Wien

nachricht Pilz aus Europa tötet Millionen Fledermäuse in Nordamerika
27.05.2015 | Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Auf der Suche nach Leben in ausserirdischen Ozeanen

Grosse Ehre für Nicolas Thomas von der Universität Bern: Der Forscher wurde zum Mitglied des Kamerateams der NASA-Mission «Europa Clipper» ernannt. Mit ihrer Hilfe soll die Frage beantwortet werden, ob es in den Ozeanen des Jupiter-Mondes «Europa» Leben gibt.

Gibt es Leben im All? Antworten auf diese Frage erhofft sich die US-Weltraumbehörde NASA von der Mission «Europa Clipper». Das Ziel der in der Planungsphase...

Im Focus: Neue Perspektiven für das Laserstrahlschweißen von Bauteilen aus Aluminium-Druckguss

Das Fraunhofer IWS Dresden hat ein neues Verfahren zum Schweißen von Bauteilen aus Aluminium-Druckguss entwickelt und gemeinsam mit einem Industriepartner in die Serie überführt. Mit Hilfe brillanter Laserstrahlung und hochfrequenter Strahloszillation konnte erstmals eine Schweißverbindung erzeugt werden, die sich durch eine äußerst geringe Porenhäufigkeit im Schweißgut auszeichnet. Darüber hinaus ist der Bauteilverzug durch die konzentrierte, lokal begrenzte Wärmeeinbringung kaum noch messbar. Mit dem herkömmlichen Laserstrahlschweißen ist diese Qualität nicht realisierbar.

Wegen der hervorragenden Gießbarkeit und der Möglichkeit einer komplexen Formgebung wird Aluminium-Druckguss im Automobilbau vielfältig genutzt, insbesondere...

Im Focus: Advance in regenerative medicine

The only professorship in Germany to date, one master's programme, one laboratory with worldwide unique equipment and the corresponding research results: The University of Würzburg is leading in the field of biofabrication.

Paul Dalton is presently the only professor of biofabrication in Germany. About a year ago, the Australian researcher relocated to the Würzburg department for...

Im Focus: Eine Bremse gegen epileptische Anfälle in Nervenzellen

In jedem Augenblick werden an Billiarden Synapsen unseres Gehirns chemische Signale erzeugt, die einzelnen Nervenzellen feuern dabei bis zu 1000 mal in der Sekunde. Wie ihnen diese Höchstleistung gelingt ohne dabei epileptische Anfälle zu erzeugen, haben Wissenschaftler am Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie in Berlin nun ein Stück weit aufgeklärt. Das Ergebnis könnte zu einem besseren Verständnis nicht nur der Epilepsie, sondern auch anderer neurologischer Erkrankungen wie der Alzheimerschen Krankheit beitragen.

Mit jedem elektrischen Impuls schüttet eine Nervenzelle Neurotransmitter in den synaptischen Spalt aus und trägt so das Signal weiter. Sie hält dafür einen...

Im Focus: Kieler Forschende bauen die kleinsten Maschinen der Welt

Die DFG stellt Millionenförderung für die Entwicklung neuartiger Medikamente und Materialien an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) bereit.

Großer Jubel an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU): Wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) heute (Donnerstag, 21. Mai) bekannt gab,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kaba Days in Bingen und Friedrichshafen: Ganzheitliche Sicherheit im Blick

27.05.2015 | Veranstaltungen

Stadtgesellschaft 2025 – Gemeinsam statt gegeneinander?!

27.05.2015 | Veranstaltungen

Schweigen ist Silber, Diskutieren ist Gold

26.05.2015 | Veranstaltungen

 
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Kaba Days in Bingen und Friedrichshafen: Ganzheitliche Sicherheit im Blick

27.05.2015 | Veranstaltungsnachrichten

Gleichgewichtsorgan der Hörnchen unterscheidet sich je nach Bewegungsart

27.05.2015 | Biowissenschaften Chemie

Wissenschaftliche Weiterbildung: Land und EU legen Programm über 11 Millionen Euro auf

27.05.2015 | Förderungen Preise