Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

RUB-Biopsychologie: Vögel sind keine "Spatzenhirne" - und wir nicht die Krone der Schöpfung

07.02.2005


Schlussstrich unter 100 Jahre falsche Annahmen - NATURE berichtet: Biopsychologen beginnen neue Ära



Mit über 100 Jahre alten falschen Vorstellungen räumen die Biopsychologen und andere Neurowissenschaftler um Prof. Dr. Onur Güntürkün (Fakultät für Psychologie der RUB) jetzt auf: Um 1900 hatte der damals führende Neuroanatom Ludwig Edinger in Frankfurt postuliert, die Evolution des Gehirns sei linear verlaufen mit dem Menschen am oberen Ende. Die Hirnregionen der einzelnen Wirbeltierklassen hätten sich im Laufe der Zeit eine nach der anderen entwickelt. Primitive Tiere wie Vögel verfügten seiner Auffassung nach nicht über die äußeren Hirnbereiche, zum Beispiel die Hirnrinde. Neuere Untersuchungen haben diese Auffassung zwar als falsch entlarvt, aber die durch Edinger geprägte Nomenklatur blieb erhalten und hinderte die Neurowissenschaftler an einer unvoreingenommenen Sicht der Dinge. Ein internationales Konsortium aus 29 Forschern hat jetzt einen Schlussstrich gezogen und schlägt in der aktuellen Ausgabe von NATURE Review Neuroscience eine neue Namensgebung vor.



Namen halten sich bis heute

Die Geschichte beginnt in Deutschland vor 105 Jahren: Der damals international führende vergleichende Neuroanatom, Ludwig Edinger, war auf dem Zenit seines Ansehens. Er beherrschte die derzeit modernsten Techniken, hatte Hunderte Gehirne von vielen Dutzend Spezies in einem Detail und mit einer technischen Vollkommenheit analysiert wie kein Zweiter. Auf dieser Grundlage entwarf er eine Theorie der Entwicklung des Wirbeltiergehirns sowie eine Nomenklatur der Hirnstrukturen der Wirbeltiere, einschließlich des Menschen. "Dieses gewaltige Werk beeinflusste unser gesamtes modernes Denken über die Hirnorganisation von Menschen und anderen Tieren", erklärt Prof. Güntürkün. "Nach wie vor lassen sich viele Namen der Neuroanatomie des Menschen auf Edingers Konzeption zurückführen."

"Primitive" Vögel machten Probleme

Edingers Auffassung war, dass mit dem Aufkommen immer neuer Wirbeltierklassen das Wirbeltiergehirn sich immer wieder um eine neue Hauptkomponente erweiterte. Dieser Vorgang ereignete sich bei jedem Übergang zu einer neuen Wirbeltierklasse, also von Fischen zu Amphibien, dann zu Reptilien, dann zu Vögeln und schließlich zu Säugetieren. "Man muss sich das vorstellen wie die Schalen einer Zwiebel: Primitive Wirbeltierklassen haben nur die frühen, tiefsten und primitivsten Hirnstrukturen, später dazu gekommene haben dann zusätzlich das nächste Kompartiment", so Güntürkün. Nur die Säugetiere hatten dann als neueste Klasse das sog. Pallium (lat. Mantel), das bei Menschen zum größten Teil aus der Hirnrinde besteht. Vögel machten Edinger Probleme, da ihre Gehirne relativ zum Körper so groß waren, aber nach seiner Theorie keine Hirnrinde aufweisen durften. Deshalb interpretierte er ihr Pallium als besonders groß entwickelte Basalganglien (die letzte Entwicklungsstufe vor dem Pallium). Diese Annahme schlägt sich in den Namen der Gehirnbereiche bei Vögeln nieder, die alle auf den Terminus -striatum enden, der den Basalganglien vorbehalten ist. Die Basalganglien sind hauptsächlich für unbewusst ablaufende, automatisierte Handlungsprozesse zuständig. Edinger implizierte also, dass Vögel aufgrund ihrer Hirnstruktur ausschließlich zu solchen Instinkthandlungen fähig sind.

Experimente zeigen: Vögel sind schlauer als angenommen

Seit den 60er Jahren kamen aber Zweifel an dieser Auffassung auf. Experimente zeigten, dass Tauben zwischen kubistischer und impressionistischer Malerei unterscheiden können, dass Krähen Werkzeuge herstellen und ihr Wissen an Artgenossen weitergeben können und dass Papageien Wörter von Menschen nicht nur nachplappern, sondern auch darüber mit ihnen kommunizieren können. "Man wurde sich mehr und mehr darüber klar, dass an Edingers Konzeption etwas nicht stimmen kann", so Güntürkün. "Aber wir schleppten immer noch die Nomenklatur von Edinger mit uns herum, die für die meisten Lebewesen einfach falsch war."

Schlussstrich nach 100 Jahren

2002 trafen sich in Duke dann 29 Hirnforscher aus der ganzen Welt und zogen einen Schlussstrich. Vier Tage lang diskutieren die Forscher und sammelten die Daten eines Jahrhunderts. "Es war ein Rausch!", erinnert sich der Bochumer Forscher: "Wir haben kaum geschlafen." Es entstand eine umfassende Arbeit, die eine neue Nomenklatur für Vögel einführt und Kollegen in anderen Spezialbereichen rät, einen ähnlichen Ansatz zu wagen. Denn die Evolution verläuft nicht, wie Edinger annahm, linear: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung. Es gibt vielmehr verschiedene Zweige der Evolution, darunter auch den der Vögel. In der neuen Namensgebung verzichten die Forscher auf Vorsilben wie "paleo-" (ältestes), "archeo-" (archaisch) und "neo-" (neu). So schlagen sie z.B. vor, den alten Namen "Archistriatum" für die äußere Hirnschicht der Vögel durch "Arcopallium" zu ersetzen. "Es geht nicht an, dass wir uns in unserer Forschung weiterhin durch irreführende Namen behindern lassen", so die Wissenschaftler.

Titelaufnahme

AVIAN BRAINS AND A NEW UNDERSTANDING OF VERTEBRATE BRAIN EVOLUTION. In: Nature Reviews Neuroscience 6, 151-159 (2005); doi:10.1038/nrn1606

Weitere Informationen

Prof. Dr. Onur Güntürkün, Institut für Kognitive Neurowissenschaft, Abteilung Biopsychologie der Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, GAFO 05/618, Tel. 0234/32-26213, E-Mail: onur.guentuerkuen@ruhr-uni-bochum.de

Dr. Josef König | idw
Weitere Informationen:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften