Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Chemikalienpolitik der EU

10.07.2001


EU-Chemikalienpolitik: Risikoanalysen stärken Gesundheits- und Umweltschutz

Ergebnisse eines Vergleichs: EU, Japan, USA

In den USA werden jährlich etwa dreimal soviel neue chemische Stoffe angemeldet wie in der EU. Das europäische System der Chemikalienkontrolle ist zu bürokratisch und zu starr, denn die Testanforderungen für Chemikalien hängen hier in erster Linie vom Produktionsvolumen bzw. der Einfuhrmenge und nicht vom Risiko ab. Diese geringe Flexibilität führt auch zu vergleichsweise hohen Kosten für Neuanmeldungen in der EU. Eine ökonomischere und sicherere Handhabung für die EU schlägt Dr. Manfred Fleischer vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) in seiner Studie vor, die er für die Europäische Kommission in der EU, in Japan und den USA durchgeführt hat.

Das amerikanische System der Chemikalienkontrolle ist flexibler. Es gilt der Grundsatz, daß nur jene Chemikalien reguliert werden, die ein unzumutbares Risiko bergen. So sind die Mindestanforderungen bei der Anmeldung neuer Stoffe zwar gering, doch die Environmental Protection Agency (EPA) kann abhängig vom erwarteten Gesundheits- und Umweltrisiko des neuen Stoffs weitere Daten verlangen. Das kann zu einem hohen Maß an Unsicherheit über die Anmeldung bei den Unternehmen führen. Diese Unsicherheit drückt sich in unerwarteten Testanforderungen aus, die entsprechend zusätzliche Testkosten und Zeitverzögerungen bedeuten können.

Die empirische Analyse des WZB stützt sich auf einen Vergleich der Rechtsvorschriften und auf eine eigens für diese Analyse aufgebaute Datenbank mit Daten aus den Geschäftsberichten europäischer, japanischer und amerikanischer Chemieunternehmen. Im folgenden sind die wichtigsten Teilergebnisse zusammengefasst:

  • Erstens konnten anhand der Struktur, wie Risikoinformation verarbeitet wird, zwei Systeme der Regulierung unterschieden werden: das System mit risikoabhängigen Testverfahren (USA und Japan) und das mit festen Testanforderungen (EU).
  • Zweitens weist der Test der ökonomischen Leistungsfähigkeit die US-Unternehmen als die leistungsfähigsten aus, gefolgt von europäischen und japanischen Unternehmen. Bei der Schätzung der Produktivität der FuE-Aufwendungen - gemessen am Betriebsergebnis bzw. an erteilten Patenten - zeigt sich ein ähnliches Bild. So halten etwa bei den Polymer-Patenten die US-Unternehmen einen überproportionalen Anteil, was auf die US-Polymerregulierung zurückgeführt werden kann.
  • Drittens liefert die Messung der Innovationsleistung der Unternehmen anhand der von ihnen berichteten Innovationen keine eindeutigen Ergebnisse. Als entscheidender Indikator zur Beurteilung der Innovationswirkung der Neustoff-Regulierung kann die Anzahl der pro Jahr angemeldeten Neustoffe angesehen werden. Hier beträgt die Anzahl der USA das 3-fache der EU und das 2,8-fache Japans.
  • Viertens sind die Wirkungen auf die Schutzziele Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutz schwieriger festzustellen als Innovationswirkungen. Da keine Daten über auffällige Schutzzielverletzungen vorliegen, könnte man schließen, dass die jeweiligen Regulierungen diese Ziele gleichermaßen gut erreichen, wenn auch zu bedenken ist, dass ein solches Maß nicht eingetretene, aber vorhandene Risiken nicht erfasst.
  • Fünftens lässt sich als Fazit festhalten, dass die risikoabhängigen Testsysteme (USA und Japan) kostengünstiger, schneller und effizienter sind als Systeme mit festen Testanforderungen (EU), wenn das zu erwartende Risiko der neuen Stoffe gering ist.

Aus den Ergebnissen der Analyse folgt, dass die Regulierung neuer chemischer Substanzen in der EU verbessert werden kann. Denn wenn eine Gesellschaft an einer Minimierung der Risiken interessiert ist, dann erscheint es nicht zweckmäßig, die gleiche Anzahl von Tests für Substanzen durchzuführen, von denen man annimmt, dass sie möglicherweise gefährlich sind, wie von Substanzen, bei denen die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass keine Gefahren mit ihnen verbunden sind. Das heißt: Zu gleichen Kosten könnte man die Sicherheit erhöhen und damit das Gesamtrisiko mindern, indem risikoreichere Substanzen genauer analysiert werden und der Testbedarf an risikoärmeren Chemikalien verringert wird.

Weitere Informationen: Dr. Manfred Fleischer,
Telefon: 030-25 49 14 26,
E-Mail: mf@medea.wz-berlin.de
____________

Manfred Fleischer, Regulierungswettbewerb und Innovation in der chemischen Industrie, 38 S.
(WZB-Bestellnummer FS IV 01-09)

"Regulierung und Innovation - Chemikalienpolitik der EU, Japans und der USA", in: WZB-Mitteilungen, Heft 91, März 2001, S.20-23 

Manfred Fleischer, Sabine Kelm, Deborah Palm, Regulation and Innovation in the Chemical Industry, Sevilla: Institute for Prospective Technological Studies (IPTS), Publication EUR 19735 EN, 2000, 200 S.

Burckhard Wiebe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wz-berlin.de/
http://www.wz-berlin.de/presse/pdf/mit91/mit91.htm
http://ftp.jrc.es/pub/EURdoc/eur19735en.pdf

Weitere Berichte zu: Chemikalienkontrolle Chemikalienpolitik Regulierung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress
23.02.2018 | Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)

nachricht Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren
23.02.2018 | Max-Planck-Institut für molekulare Genetik

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vorstoß ins Innere der Atome

Mit Hilfe einer neuen Lasertechnologie haben es Physiker vom Labor für Attosekundenphysik der LMU und des MPQ geschafft, Attosekunden-Lichtblitze mit hoher Intensität und Photonenenergie zu produzieren. Damit konnten sie erstmals die Interaktion mehrere Photonen in einem Attosekundenpuls mit Elektronen aus einer inneren atomaren Schale beobachten konnten.

Wer die ultraschnelle Bewegung von Elektronen in inneren atomaren Schalen beobachten möchte, der benötigt ultrakurze und intensive Lichtblitze bei genügend...

Im Focus: Attoseconds break into atomic interior

A newly developed laser technology has enabled physicists in the Laboratory for Attosecond Physics (jointly run by LMU Munich and the Max Planck Institute of Quantum Optics) to generate attosecond bursts of high-energy photons of unprecedented intensity. This has made it possible to observe the interaction of multiple photons in a single such pulse with electrons in the inner orbital shell of an atom.

In order to observe the ultrafast electron motion in the inner shells of atoms with short light pulses, the pulses must not only be ultrashort, but very...

Im Focus: Good vibrations feel the force

Eine Gruppe von Forschern um Andrea Cavalleri am Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (MPSD) in Hamburg hat eine Methode demonstriert, die es erlaubt die interatomaren Kräfte eines Festkörpers detailliert auszumessen. Ihr Artikel Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, nun online in Nature veröffentlich, erläutert, wie Terahertz-Laserpulse die Atome eines Festkörpers zu extrem hohen Auslenkungen treiben können.

Die zeitaufgelöste Messung der sehr unkonventionellen atomaren Bewegungen, die einer Anregung mit extrem starken Lichtpulsen folgen, ermöglichte es der...

Im Focus: Good vibrations feel the force

A group of researchers led by Andrea Cavalleri at the Max Planck Institute for Structure and Dynamics of Matter (MPSD) in Hamburg has demonstrated a new method enabling precise measurements of the interatomic forces that hold crystalline solids together. The paper Probing the Interatomic Potential of Solids by Strong-Field Nonlinear Phononics, published online in Nature, explains how a terahertz-frequency laser pulse can drive very large deformations of the crystal.

By measuring the highly unusual atomic trajectories under extreme electromagnetic transients, the MPSD group could reconstruct how rigid the atomic bonds are...

Im Focus: Verlässliche Quantencomputer entwickeln

Internationalem Forschungsteam gelingt wichtiger Schritt auf dem Weg zur Lösung von Zertifizierungsproblemen

Quantencomputer sollen künftig algorithmische Probleme lösen, die selbst die größten klassischen Superrechner überfordern. Doch wie lässt sich prüfen, dass der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Von festen Körpern und Philosophen

23.02.2018 | Veranstaltungen

Spannungsfeld Elektromobilität

23.02.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - April 2018

21.02.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vorstoß ins Innere der Atome

23.02.2018 | Physik Astronomie

Wirt oder Gast? Proteomik gibt neue Aufschlüsse über Reaktion von Rifforganismen auf Umweltstress

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Wie Zellen unterschiedlich auf Stress reagieren

23.02.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics