Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Der mysteriösen Adoleszenz auf der Spur - Chronotypen verändern sich systematisch im Alter

30.12.2004


Individuelle Schlafpräferenzen, ein Merkmal des Chronotyps, verändern sich mit dem Alter. Dies konnte das Team um Prof. Dr. Till Roenneberg vom Institut für Chronobiologie jetzt in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins Current Biology zeigen. Der circadiane Tag eines jeden Menschen hat seine eigene endogene Rhythmik, meist etwas mehr als 24 Stunden. "Unter natürlichen Bedingungen wird diese Periodik täglich mit der Erdrotation synchronisiert", so Roenneberg. "Je nach genetischer Konstellation und innerer Tageslänge betten sich Menschen aber unterschiedlich in den äußeren 24-Stunden-Tag ein, was wir als Chronotyp bezeichnen." In der Bevölkerung gibt es wenige extrem frühe Individuen, die Lerchen, und wenige extrem späte Individuen, die Eulen, sowie sehr viele dazwischen. Neu ist, dass sich der Chronotyp systematisch mit dem Alter verändert. Kinder sind frühe Chronotypen, die sich in der Pubertät und Adoleszenz nach hinten verschieben. Etwa mit 20 Jahren wird ein Maximum des Spätseins erreicht. Dann bewegt man sich wieder hin zu früheren Zeiten.



"Erstaunlich ist, dass sich ein scharfer Kipppunkt der Kinetik bei Frauen im Alter von 19,5 Jahren, bei Männern im Alter von 20,9 Jahren ergibt", meint Roenneberg. "Der Entwicklungsabschnitt Pubertät ist sehr genau in seinem Anfang und Ende als biologischer Prozess definiert. Im Gegensatz dazu wird in der Literatur zwar immer der Entwicklungsabschnitt Adoleszenz herangezogen, dessen Anfang mit dem Beginn der Pubertät zusammenfällt, dessen Ende aber nie klar definiert wurde." Es werden zahlreiche physiologische, anatomische, soziobiologische und sogar aus der Krebsforschung stammende, pathologische Merkmale herangezogen, um die Adoleszenz abzugrenzen. Die eindeutige Kinetik des Umschwenkens von Verspäten zu Verfrühen im Alter von 20 herum könnte der erste biologische Marker für das Ende dieses Entwicklungsabschnittes sein. "Diese Beobachtung sollte eine Diskussion darüber anstoßen, ob sich eventuell auch die Adoleszenz, entsprechend der Pubertät, mit Hilfe biologischer Grundlagen definieren lässt - und damit eine echte, auch körperlich definierbare Entwicklungsstufe darstellt", so Roenneberg.



Da Männer im Laufe ihrer Entwicklung über einen längeren Zeitraum ihren Chronotypus nach hinten schieben, sind sie als Erwachsene im Durchschnitt spätere Chronotypen als Frauen. "Dieser Unterschied wird mit zunehmendem Alter immer kleiner und hebt sich mit ungefähr 50 Jahren auf, wenn also Frauen im Schnitt in die Wechseljahre kommen", so Roenneberg. "Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass die altersabhängigen Verschiebungen des Chronotyps unter anderem hormonelle Ursachen haben." Mehrere Tatsachen sprechen für biologische Ursachen. So sind Frauen in der Regel bei allen Entwicklungsprozessen früher dran als Männer. Zudem zeigen Vergleiche zwischen Stadt- und Landbevölkerungen zwar Unterschiede - im Mittel ist der Chronotyp in ländlichen Regionen früher dran, was sich durch die erhöhte Lichtexposition erklären lässt. Insgesamt ist die Auf- und Abkinetik über die verschiedenen Altersgruppen hinweg jedoch dieselbe. Zuletzt deuten die Selbsteinschätzungen der 25.000 Teilnehmer einer Studie der Roenneberg-Gruppe bezüglich ihrer Chronotypen als Kind, Teenager und Erwachsene an, dass sich die altersabhängige Kinetik über die vergangenen 60 Jahre kaum geändert hat.

Die Konsequenzen aus diesen Resultaten sind weitreichend. Interessant sind sie etwa für die Chronopharmakologie, die untersucht, zu welcher Tageszeit, abgestimmt auf die circadiane Uhr, Medikamente mit der geringsten Dosis - und somit auch stark reduzierten Nebenwirkungen - bei gleichbleibender oder sogar erhöhter Effizienz verabreicht werden sollen. Dabei kann nicht von einem durchschnittlichen Chronotyp ausgegangen werden. Das Individuum muss berücksichtigt werden. Nach den vorliegenden Ergebnissen wird aber das Alter eine Rolle spielen.

Dies gilt auch im Bereich der Schichtarbeit. Bereits 20 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in Schichten. Die Fähigkeit, sich an Nachtschichten anzupassen, hängt aber stark vom Chronotyp ab. Spättypen fällt die Anpassung leichter, während starke Frühtypen sich praktisch gar nicht anpassen können. Dies muss bei der Einteilung von Schichtarbeit berücksichtigt werden, weil eine schlechte Anpassung zu hohem physiologischen Stress und bei langjähriger Schichtarbeit zu einer dauerhaften Beeinträchtigung der Gesundheit führen kann. Die neuen Ergebnisse der altersabhängigen Veränderung der Chronotypen erklären auch, warum sich jüngere Mitarbeiter sehr viel besser als ihre Kollegen an eine Schichtumstellung anpassen können.

Letztlich sollten auch, wie bereits öffentlich gefordert, die Schulanfangszeiten in der Adoleszenz überdacht werden. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass die allseits bekannte Verspätung bei Jugendlichen nicht allein auf deren Lebenswandel zurückzuführen ist. "Unser Schlaf wird unter der Woche von zwei verschiedenen Uhren begrenzt", berichtet Roenneberg. "Der Schlafbeginn wird hauptsächlich von der inneren Uhr, das Ende des Schlafes dagegen vom Wecker bestimmt. Je später der Chronotyp, desto weniger Schlaf bekommen die Menschen." Jugendliche vor allem häufen also an Arbeitstagen ein großes Schlafdefizit an, das sie an freien Tagen wieder einzuholen versuchen. Nach den neuen Ergebnissen "verschlafen" daher späte Chronotypen die Hälfte ihrer freien Tage. Schlafentzug, besonders in der zweiten Hälfte der Nacht, die auf den Lerntag fällt, hat schwerwiegende Folgen für die Konsolidation erlernter komplexer Zusammenhänge. In genau dieser Situation befinden sich aber Jugendliche, wenn die Schule für ihren Chronotyp zu früh beginnt. "Im Winter macht ein früher Schulbeginn besonders wenig Sinn", so Roenneberg. "Nur Licht kann in den Morgenstunden späte innere Uhren nach vorne stellen. Jugendliche vollziehen das Aufwachen und den Schulweg im Winter aber in Dunkelheit."

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Till Roenneberg
Institut für Chronobiologie
Tel.: +49 89 2180-75-650
Fax: +49 89 2180 -615
E-Mail: roenneberg@lmu.de

Luise Dirscherl | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-muenchen.de/

Weitere Berichte zu: Adoleszenz Chronotyp Kinetik Pubertät Schichtarbeit Schlaf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Pflanzen ihr Gedächtnis vererben
21.08.2017 | Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI)

nachricht Eine Karte der Zellkraftwerke
18.08.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Topologische Quantenzustände einfach aufspüren

Durch gezieltes Aufheizen von Quantenmaterie können exotische Materiezustände aufgespürt werden. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommen Theoretische Physiker um Nathan Goldman (Brüssel) und Peter Zoller (Innsbruck) in einer aktuellen Arbeit im Fachmagazin Science Advances. Sie liefern damit ein universell einsetzbares Werkzeug für die Suche nach topologischen Quantenzuständen.

In der Physik existieren gewisse Größen nur als ganzzahlige Vielfache elementarer und unteilbarer Bestandteile. Wie das antike Konzept des Atoms bezeugt, ist...

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wissenschaftliche Grundlagen für eine erfolgreiche Klimapolitik

21.08.2017 | Veranstaltungen

DGI-Forum in Wittenberg: Fake News und Stimmungsmache im Netz

21.08.2017 | Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln zweidimensionalen Kristall mit hoher Leitfähigkeit

21.08.2017 | Physik Astronomie

Ein neuer Indikator für marine Ökosystem-Veränderungen - der Dia/Dino-Index

21.08.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Kieler Wissenschaft entwickelt exzellentes Forschungsdatenmanagement

21.08.2017 | Informationstechnologie